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Schreib auf meinen Po

 

Mit hohen Hacken und zur Schau getragenen Blessuren inszeniert sich die Berlinerin Trost auf „Trust Me“ als Diva und Mädchen zugleich. Ihr Spiel mit Männerphantasien wandelt auf schmalem Grat, klingt aber klasse

Cover Trost

Auf hohen Absätzen und im kurzem Rock stöckelt sie auf die Bühne, drückt energisch auf ein paar Knöpfe am Sampler und beginnt ihre verstörende Aufführung. Sie überschüttet sich mit einer Flasche Rotwein und wälzt sich über die Bühne. Sie kramt einen Hula-Hoop-Reifen hervor und schwingt ihn rasant um die Hüfte zum Rhythmus der schön schlecht aufgenommenen elektronischen Musik.

Ich sehe Annika Trost im Jahre 2003 zum ersten Mal. Mit der überhohen und nervig kieksenden Stimme einer Göre singt sie und klopft sich zum Lied Tattoo Your Name On My Ass auf den Hintern. Souverän tritt die junge hübsche Frau mit Betty-Page-Frisur auf und provoziert Männerphantasien. Eine Sexbombe! Das Publikum verstummt, ich bin beeindruckt.

Zwei Jahre darauf: Mit hohen Erwartungen besuche ich das Konzert von Cobra Killer, dem Duo aus Trost und Gina V. D‘Orio. Aber wie wackelig ist die Balance zwischen Souveränität und Lustobjekt jetzt! Annika Trost steckt das Mikrofon tief in den Mund, ihre Kollegin trägt ein Kleid, das die Hälfte des Pos freilässt. Die Männer im Publikum pfeifen und grölen und folgen mit leuchtenden Augen einer Show, die in den Medien als „sexy“ angepriesen wird. Das Konzept kippt, funktioniert nicht mehr. Niemand scheint mehr auf die Musik zu achten, die aus einer Maschine am Bühnenrand kommt und richtig gut ist.

Nun hat sie ihr zweites Soloalbum, Trust Me, aufgenommen. Dafür hat sie sich mit erfahrenen Musikern umgeben, Thomas Wydler von Nick Caves Bad Seeds ist dabei und F.J. Krüger von Ideal. Herausgekommen ist eine Mischung aus Filmmusik, tanzbaren, elektronischen Liedern mit Gitarre, Schlagzeug und Klavier. Manche Lieder werden von Cello, Posaune und Kontrabass veredelt. Auf deutsch, englisch und französisch singt Trost mal mädchenhaft lieblich, mal kühl von Selbstzweifeln, flüchtiger Geborgenheit und Liebe. Besonders gelungen ist das Stück Cowboy, das an Filme aus den sechziger Jahren erinnert. Oder das humorvolle In diesem Raum oder Filled With Tears, ein tristes Gute-Nacht-Lied zur letzten Ruhe.
Das Mädchen mit den zur Schau getragenen Blessuren, die sie sich auf der Bühne zugezogen hat, gibt auf ihrem neuen Album die Diva mit schmuddeligem Fußverband, brilliant fotografiert an der Seite eines ausgestopften Schwans. Das passt zu der düsteren Stimmung von Trost, ihrer hörenswerten Musik.
„Trust Me“ von Trost ist als CD erschienen bei Four Music

Hören Sie hier „I Was Wrong“

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