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Im Gedränge der Klänge

 

Isis aus Los Angeles lieben die Melodien, die Anspielungen und die Abwechslung. Leider wird auf „In the Absence Of Truth“ zu viel gebrüllt

Isis - Absence Of Truth

Ein paar Sekunden ist nichts zu hören, dann erhebt sich eine sanfte Harmonie. Ein Schlagzeug bollert hinein in düstere Flächen aus synthetischen Klängen. Hallbelegte Töne der elektrischen Gitarre tauchen auf, wie kleine Lichtblitze im Nebel. Das Schlagzeug wird hektisch, doch das scheint nur so.

Immer lauter grummelt der Bass aus dem Hintergrund nach vorne, der Synthesizernebel verdichtet sich. Minutenlang fügen Isis Schicht um Schicht hinzu, ein Brei entsteht. Im dichten Gedränge der Klänge kaum mehr wahrnehmbare Disharmonien schleichen sich ein, ganz so, als würde eine Explosion vorbereitet.

Wieder falsch. Nach einer Ewigkeit halten sie inne, entrümpeln das Stück. Der Takt wird gewechselt, die Tonart, die Stimmung. Aaron Turner singt langgezogene Worte in den frisch gewaschenen Klangteppich. Seine Stimme kommt von hinten, eine schöne Melodie. Die Harmonien erinnern an den Rock der siebziger Jahre und an Marillion und Porcupine Tree.

Später wird die Gitarre dann nachdrücklich, Aaron Turner singt sich hoch ins Hymnische. Der Bass grunzt Heavy-Metal-Muster. Plötzlich rutscht die Stimme anderthalb Oktaven ab und ist nur noch als kehliges Geschrei zu vernehmen. „Die!“ – Stirb! kann das nur heißen, was einem da entgegengebrüllt wird. Auch wenn man ihn die ganze Zeit eigentlich erwartet hat, so recht passen mag der plötzliche Ausbruch nicht in das kaum aggressive Wrist Of Kings.

So ähnlich ist es bei fast jedem Stück auf Isis‘ viertem Album In The Absence Of Truth. Die Musik ist eher sphärisch als hart, die Gitarren und der gedroschene Bass treten nur selten aus dem Klangnebel hervor. Die Stimme ist meist leise, das Schlagzeug trocken und hallfrei. Früher oder später packt es den Sänger dann aber, und er zerbrüllt die ansonsten so melodiösen Klanggebilde mit unverständlicher Lyrik. Zu schade!

Wenn man sich Mühe gibt, kann man es ignorieren. Man sollte es tun, denn die Stücke stecken voller Ideen und Referenzen. Not In Rivers, But In Drops macht Anleihen bei The Cures düsterem Album Pornography, der Bass scheppert böse. Da wirkt eine Kraft, die ohne stählerne Härte auskommt, die auch ohne Lautstärke funktioniert und ohne kreischende Instrumente, die in den Vordergrund drängen. Over Root And Thorn baut auf einem sich für achteinhalb Minuten stetig wiederholenden Gitarrenmuster auf, langsam, düster und melodiös. Aber nie langweilig. Und aus der Selbstversunkenheit von Holy Tears hört man Pink Floyd heraus.

Parallel zu In The Absence Of Truth erscheint ein Minialbum für die In The Fishtank-Serie des niederländischen Labels Konkurrent. Zu hören sind drei Stücke, die Isis gemeinsam mit der schottischen Band Aerogramme aufgenommen haben. Da wird nicht gebrüllt.

„In The Absence Of Truth“ von Isis ist als CD erschienen bei Ipecac und wird als Doppel-LP Ende Januar bei Robotic Empire erscheinen

Hören Sie hier „Dulcinea“

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2 Kommentare

  1.   Toastman

    naja. die review erscheint ein wenig schleppend – und im gegensatz zur beschreibung des bandsounds ist dies nicht positiv gemeint. außerdem: geschrei? hat der autor eigentlich die 4 alben davor gehört? isis wird vorgeworfen auf diesem album einiges an mainstream-anbiederung vollzogen zu haben, eben weil die brüllquote in den keller gegangen ist. mal ganz abgesehen davon lässt sich martialischer gesang selbst dem jazzaffinen feuilletonisten (kann angesprochen sein wer will) als interpretationswürdiges stilmittel verständlich machen.

    wenns mal im ohr kratzt, bedeutet dies weder das delektieren an metal-klischees noch tinitus für den hörer. statt dessen gilt es zu fragen WARUM? das hat schon philosophen wie fußballhelden inspiriert. antworten gibt es auf „oceanic“ und „panopticon“… danach weiß man auch was das ganze mit foucault zu tun hat.

  2.   Jan Kühnemund

    Lieber Toastman,
    Vielen Dank für den Hinweis. Sicherlich ist es eine Möglichkeit, Musik mehr in ihre Kontexte einzusortieren. Nicht selten allerdings passiert es dann, dass man die Musik selbst vollkommen vergisst und einen Text nur für die Leute schreibt, die die Band/Platte ohnehin kennen. Und die könnte ich mit ein paar halbwissenden Bemerkungen zu Foucault und Disziplinargesellschaft nun wirklich nicht befriedigen.

    Das Brüllen mag ein Stilmittel sein, gut. Ich mag es nicht. Zu einer angemessenen Interpretation bin ich trotzdem gerne bereit – aber erst in der Lage, wenn ich weiß, was da gebrüllt wird. Ansonsten müssen die Deutungen eher flach bleiben.

    Leider haben manche Firmen es sich angewöhnt, abgespeckte Versionen der Platten vor Veröffentlichung zu verschicken. In diesem Fall kam die CD mit einem knappen Einleger ohne Texte. Jetzt, wo ich die Texte kenne, muss ich sagen, dass mir der Bezug zu Foucault bei der neuen Platte von Isis nicht wirklich deutlich wird. Oder muss ich erst den Foucault-Bezug auf „Panopticon“ verstehen und erläutern um anschließend zu verstehen, wie sich „In the Absence Of Truth“ darauf bezieht?

    Kompliziert. Das könnte mal wohl in einem philosophischen Essay abhandeln. In einer Plattenrezension liest sich sowas selten fundiert (Vgl. beinahe jede Isis-Rezension, die meisten schmücken sich mit dem Hinweis auf Foucault ohne die kleinste Ahnung davon zu haben). So bleibe ich erstmal dabei: Gute Platte, nur das Brüllen kratzt in meinen Ohren.

    Lieben Gruß, Jan Kühnemund