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Ein neuer Kopf muss her

 

„Reservations“ von Sodastream passt in die düstere Jahreszeit. Kein Wunder, sie nahmen es auf, als hierzulande die Frühlingsgefühle herrschten. Bei ihnen zu Hause in Australien war da gerade Herbst

Sodastream Reservation

Was wissen wir schon über Australiens Musikszene? Für ein Gespräch auf einer Achtziger-Party reicht es meist. „Ach hier, Down Under, wie hießen die noch mal?“, „Mensch, ähm, ich hab’s gleich. Nicht Midnight Oil.“ „Nee, das waren ja die mit Beds Are Burning. Aber die kommen auch aus Australien.“ „Nick Cave ja auch. Und Kylie Minogue.“ „Und ACDC und die Bee Gees.“ „Echt? I come from a land down under, where women glow and men plunder … Ach, wie hießen die denn, verdammt.“ Men At Work – so hießen die – prägten unser Bild von Australien nachhaltig. Drollige Typen da unten, das Bier fließt in Strömen, die Männer plündern und kotzen, den Frauen ist das alles eher unangenehm.

Weniges vom Musikmarkt Australiens gelangt in europäische Ohren. Seltsam, dass noch niemand die Marktlücke schloss, die die Verschiebung der Jahreszeiten bietet. In unseren Breiten werden gecastete Hupfdohlen im tiefsten Winter ins Studio geprügelt, um ihr „Summer Summer, Yeah Yeah, Shalala, Let Me Be Your Badehandtuch“ in die Mikros zu heucheln. Damit sie in die richtige Stimmung kommen, werden sie mit Caipirinha abgefüllt und müssen in trockener Heizungsluft schwitzen. Ihre Freizeit müssen sie im Sonnenstudio verbringen, um beim Fotoshooting ja nicht blass dreinzublicken. Platten von Künstlern aus Australien und Neuseeland hingegen passen auch ohne das elende Geschummel immer zur Jahreszeit. Zu unserer jedenfalls. Eine Platte, die im ozeanischen Herbst aufgenommen wird, erscheint ein halbes Jahr später im europäischen Herbst.

So zum Beispiel auch Reservations der Australier Sodastream. Es ist ihr viertes Album und passt in diese Tage. Die Himmel sind verhangen, durch die Straßen fegt Laub, Regen plockert an die Scheiben. Sieht der Herbst in Australien so aus? Keine Ahnung. Reservations jedenfalls klingt, als hätten Pete Cohen und Karl Smith ziemlich betrübt im Studio gesessen und an ihren akustischen Instrumenten herumgenestelt.

Ihr erster Schritt über die etlichen Weltmeere zwischen dort und hier war Turnstyle von ihrer ersten Single Enjoy. Das Stück schaffte es 1998 in John Peels berüchtigtem Jahresrückblick Festive 50 auf Platz 45. Damals orientierten sie sich noch sehr am BritPop, über die Jahre sind sie ruhiger geworden.

Ihre Musik ist schön, wunderschön. Irgendwo zwischen Belle & Sebastian und Will Oldham oder Jason Molina. Brüchig melodiös, könnte man sagen. Karl Smith näselt leicht, seine Stimme ist warm und freundlich. Manchmal singen sie auch zweistimmig. Ihre Gitarren behandeln sie zart, der Kontrabass schnarrt nachdrücklich. Bei vielen Stücken werden sie von einer Violine oder einem Klavier begleitet, bei Anniversary vom Horn. Bei Michelle’s Cabin lässt Pete Cohen die Säge singen. Alles ganz ruhig und zurückhaltend. Alleine bei der Single Twin Lakes ist der Rhythmus ein bisschen fröhlicher geraten, fast countryartig.

Auch in den Texten steckt der Herbst. In Anti singt Smith von schweren Tagen, grau und verregnet und voller Unruhe. „I’m ging to shout for a little while, and then I’m going to scream for a short while, ‚Cause I can’t sleep till the sickness here subsides.“ Und dann rennt er ein bisschen durch die Gegend und versucht zu lachen, am Ende hat er wieder nichts gelernt. „So bring me hope for a little while, and bring me peace for a short while, I’m on my knees and I’ll beat this wall and cry.“ Jedes Singen über das Wetter übersetzt sich früher oder später in Einsamkeit, Trennungsschmerz und Scheitern. Er singt vom Juli, der nicht warm wird, dahinter steckt Trauer. Sein Kopf muss ab, singt er, ein neuer her, „Someone to take the weight and bring peace of mind, and warm July here“. Hach.

Überwältigt von der ganzen Schönheit vergisst man fast, dass einem der Name der Band wirklich schwer über die Lippen geht. Offensichtlich blieb dem fünften Kontinent die Geißel der prinzipiell funktionsuntüchtigen Geräte zum Wassersprudeln erspart.

„Reservations“ von Sodastream ist erschienen bei Hausmusik

Hören Sie hier das Stück „Reservations“

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