‹ Alle Einträge

Verschwommenes Knistern

 

Mit weit geöffneten Augen schlafwandelt die Berlinerin Milenasong durch eigentlich altbekannte Klanglandschaften. Die Musik auf ihrem Album „Seven Sisters“ ist schrullig, sie scheint in keine Zeit und an keinen Ort der Welt so recht zu passen.

The Cure Festival 2005

Das Album Seven Sisters von Milenasong ist Tinte in die Füller der Musikschreiber. Was werden wir wohl darüber lesen: Ist es »eine wunderbare Platte, um einem verregneten Herbsttag am Fenster zu sitzen«? Als feingliedrig und — im schlimmsten Fall — elfenhaft will man uns melancholische Musik von Frauen allzu oft verkaufen. Von da ist es nicht weit zu kleinen Händen und ganz großen Augen, die einen Beschützer suchen. Aber ist es wirklich so? Seit Jahren arbeitet die Berlinerin Sabrina Milena in Eigenregie und ist ständig auf Tournee, dafür muss man zäh sein. Und ist die Musik, die sie nun unter dem Namen Milenasong veröffentlicht, noch so traurig, das Klischee von der fragilen Künstlerin passt auf sie nicht.

Es müssen schnell neue Bilder her, und Seven Sisters erzeugt sie sie sofort. Die Realität rückt schon mit den ersten Akkorden in die Ferne, als gleite man mit einem Schiff durch nebliges Gewässer. Oder ist es doch eine klare Wüstennacht? Die Bilder verschwimmen, im Traum entstehen absurde Verknüpfungen. Eine morbide Atmosphäre macht sich breit.

Sabrina Milenas Musik ist schrullig, denn sie scheint in keine Zeit und an keinen Ort der Welt so recht zu passen. Mal klingt sie nach düsteren norwegischen Wäldern, mal nach der amerikanischen Wüste. Wie aus einem Grammofon knistert sie warm, das ändert auch die neben der Akustikgitarre eingesetzte Elektronik nicht. Ein wiederkehrendes Motiv des Albums ist die Klangästhetik von Kassetten. Kassetten schleifen in Schwaden, vorwärts und rückwärts, entrücken, verzücken und wissen im richtigen Moment auch zu stören.

Hinter dem minimalistischen Gewand liegen aufwändige Arrangements. Die Detailverliebtheit dieser subtilen Produktion ermutigt zum wiederholten Hören von Seven Sisters. Und Sabrina Milenas Talent, innerhalb eines Stücks verschiedene Richtungen einzuschlagen. Ihre Einflüsse reichen vom Folk bis zu Country und Blues. besonders beeindruckend zeigt dies das Stück Figs Tree.

An einigen Stellen hält ihre Stimme dem Anspruch der Arrangements nicht stand, gerade in den tieferen Lagen klingt sie gedrungen. Dennoch berührt sie den Hörer auf Anhieb, ihre Chöre erzeugen Gänsehaut.

Mit weit geöffneten Augen schlafwandelt das ausgezeichnete Debütalbum von Milenasong durch eigentlich altbekannte Klanglandschaften. Sie hat ihre ganz eigene Formel gefunden.

„Seven Sisters“ von Milenasong ist als CD und LP erschienen bei Monika

Hören Sie hier „Figs Tree“

Weitere Beiträge aus der Kategorie POP
The Cure: „Festival 2005“ (Geffen/Universal 2006)
Gwen Stefani: „The Sweet Escape“ (Universal 2006)
Sodastream: „Reservations“ (Hausmusik 2006)
Sufjan Stevens: „Songs For Christmas Singalong“ (Asthmatic Kitty/Cargo 2006)
Foetus: „Love“ (Birdman Records/Rough Trade 2006)

Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik