Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Unters Eis

Von 21. Februar 2007 um 00:53 Uhr

Pantha du Prince macht den Winter hörbar – mit mikroskopisch feinen und überraschenden Tönungen. „This Bliss“ ist ein Album zum rauschhaften Lauschen


2raumwohnung 36 Grad

Draußen streiten die Winde, die Menschen bibbern vor Kälte. Einige Mutige wagen sich auf den zugefrorenen See. Plötzlich bricht das Eis, eine Spalte tut sich auf, die Geigen tremolieren, das Cembalo jagt davon. Antonio Vivaldi mochte den Winter nicht. In einem Sonett zu seinen berühmten Vier Jahreszeiten fragte er gar, welche Freude er überhaupt bringe.

Vor 280 Jahren waren die Winter wohl härter als heute. Der Fortschritt mag dazu geführt haben, dass uns ein unberührter Schneehang und Eiszapfen am Fenster romantisch stimmen. Hendrik Weber lässt nun den (post)modernen Winter klingen und lädt zum Eisbaden ein. Als Pantha du Prince steigt er ins schwarze Wasser, kurz vorm Gefrierpunkt. Ein regelmäßiger, warm tropfender Beat und das Echo eines Synthesizers sind sein Basso Continuo. Aus der Tiefe schnellen silbrige Bläschen empor. Ganz still liegt der See. Der nackte Körper gewöhnt sich an die Kälte, findet seinen Rhythmus. Mit Armen und Beinen wirbelt er einen minimalen, technoiden Dub ins Nasse. Immer neue Strömungen formen sich, verlassen das Zentrum, sammeln sich in einem Nebel aus Wasserperlen, stieben auseinander, treffen sich wieder.

In sphärische Weiten entführen die Töne Hendrik Webers. Regelmäßigkeiten lösen sich auf, Phrasen enden unvermittelt im Nichts, gefallene Fäden werden aufgenommen und weiter verwoben. Das ist Techno der feinen hanseatischen Art, wie ihn das Label Dial hervorbringt. Nicht zum ekstatischen Tanzen, sondern zum berauschenden Hören erdacht.

Welch’ Wonne, welch’ ungeahnte Feinheiten gibt es zu entdecken auf diesem Album von Pantha du Prince. This Bliss hat er es passend genannt. Seine Arrangements sind instrumental und bleiben in ihrer feinen Stimmführung und molekularen Motiventwicklung die ganze Platte über spannend. Er lässt den Klängen ebenso viel Freiraum wie dem Zuhörer: Nur wenige Stücke sind so programmatisch wie Eisbaden. Jeder darf interpretieren, erkennen, verwerfen. Hendrik Weber will sich und seine Musik nicht erklären und hofft doch, wie jeder Künstler, auf Verständnis.

Das hat er verdient.

„The Bliss“ von Pantha du Prince ist als CD und Doppel-LP erschienen bei Dial/Kompakt

Hören Sie hier „Eisbaden“

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Kategorien: Techno
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Belanglose Fahrstuhlmusik! Eignet sich aber auch gut dazu, die Konsumenten während des Einkaufs bei Edeka zu berieseln!

    • 21. Februar 2007 um 20:28 Uhr
    • Kyniker
  2. 2.

    Ja sehr cool. Der Artikel beschreibt Prince’s Musik sehr schön. Ich wurde auf ihn aufmerksam als erst kürzlich in der Groove ein Track auf der Heft-CD zu hören war.

    • 21. Februar 2007 um 22:53 Uhr
    • peter
  3. 3.

    Ja, Pantha du Prince ist wirklich Klasse. Obwohl der Demo-Track nicht unbedingt zu den besten zählt. Wie Kyniker schreibt kann man Pantha du Prince fast überall einsetzen … und er kommt gut. Das ist ein gemütlicher Einstieg in Techno. Auch für diejenigen, die mit dieser Musikrichtung bisher nicht viel anfangen konnten.

    • 15. April 2007 um 10:38 Uhr
    • Groovisky
  4. 4.

    Blog zeit.. May I repost it? :)

    • 18. April 2011 um 06:17 Uhr
    • blog.zeit.de
  5. Kommentar zum Thema

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