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Spontan gerostet

 

Do Make Say Think improvisieren große Klanggemälde. Gefühlte sieben Gitarristen, ein stoischer Schlagzeuger und eine Handvoll Bläser tun wie zufällig und machen dabei lebendige Lieder. Gesagt wird wenig, gedacht zu allerletzt.

No Women No Cry Vol. 2

Warum eigentlich gilt instrumentelle Gitarrenmusik als kompliziert? Die Art und Weise, wie Tortoise, Godspeed You! Black Emperor, Mogwai oder Do Make Say Think ihre Musik basteln, rege den Intellekt an, unterhalte aber nicht, wird oft angenommen. Alles Quatsch! Denn nichts ist gefühlvoller als die Improvisation. Solche Stücke entstehen im Bauch, nicht im Kopf. Nachhören kann man das nun auf You, You’re A History In Rust, dem fünften Album von Do Make Say Think aus dem kanadischen Toronto.

Wie der Name schon sagt: Sie tun und machen, ganz selten sagen sie ein bisschen was. Gedacht wird bei ihnen – wenn überhaupt – zuletzt. Ihre Musik ist hier getragen und flächig, dort brüchig und durchscheinend. Sind das Klangwände? Eher Klanggemälde. Die Töne werden mit breiter Borste aufgetragen, in weiten Schwüngen von links unten nach rechts oben, hin und her. Dann die nächste Schicht, das Darunterliegende verschwindet immer mehr, aber nie ganz.

Der Anfang der CD klingt, als hätte der Zufall eine große Rolle gespielt bei den Aufnahmen. Es rauscht, der Schlagzeuger spielt ein paar sanfte Takte auf dem Rand der Snare vor, dann haben die anderen Musiker ihre Instrumente eingestöpselt und gestimmt und fallen ein. Erst ein paar zurückhaltende Akkorde, dann immer forscher. Sie scheinen gemeinsam zu spielen. Aber improvisieren sie wirklich? Es gibt Melodien und Klänge, Gitarrenmuster und Rhythmen, die überdauern ganze Stücke; manche wiederholen sich gar so regelmäßig, dass man sie Refrain nennen möchte. Ist die Musik vielleicht doch durchkomponiert? Schwer zu sagen, und eigentlich auch gleichgültig. Denn You, You’re A History In Rust klingt lebendig, gefühlvoll und spontan.

Die Bilder auf und in der Hülle passen sehr schön dazu, man sieht ein rostiges Klavier und ein beinahe kompostiertes Fahrrad. Die Instrumente surren alt und warm. Am deutlichsten klingen immer und überall die Gitarren und Bässe unterschiedlicher Größe, akustisch und elektrisch, gestreichelt und gedroschen, verzerrt und klar. Die Band besteht – gefühlt – aus mindestens sieben Gitarristen. Außerdem ist da ein stoischer Schlagzeuger, er hält den Takt wohl auch noch, wenn die anderen Musiker längst das Studio verlassen haben. Im Halbdunkel stehen ein paar Bläser, immer mal wieder treten sie ins Scheinwerferlicht und pusten vielstimmig dazwischen, dann ist es besonders laut und mitreißend.

Dieses Album klingt nie schwerfällig, sondern immer so agil wie eine Jahrmarktorgel. Die Musiker überfordern ihre Hörer nicht mit Filigranem und Präzisem. Nie verlieren sie sich im Solieren. Auch aus dem größten Krach – man höre nur die letzten drei von achteinhalb Minuten des Executioner’s Blues – finden sie in eine gemeinsame Melodie zurück. Beim zweiten Stück A With Living erschallt plötzlich mehrstimmiger Gesang. Gab es das schon bei Do Make Say Think? Chorhaftes schon, aber verständliche Stimmen?

Ihre Alben tragen oft lustige Namen, ihr zweites hieß Goodbye Enemy Airship The Landlord Is Dead, ihr drittes & Yet & Yet. Der Titel You, You’re A History In Rust ist scheinbar wahllos zusammengesetzt aus zwei Liedtiteln. Als wollten die Musiker sagen: Denkt gar nicht erst darüber nach, es macht ohnehin keinen Sinn. Hört einfach zu!

„You, You’re A History In Rust“ von Do Make Say Think ist als CD und LP erschienen bei Constellation Records

Hören Sie hier „Executioner’s Blues“

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