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Der Geruch von Petunien

 

Roger Quigley erzählt Geschichten. Unter dem Namen At Swim Two Birds rechnet er auf „Returning To The Scene Of The Crime“ mit seiner großen Liebe ab

Das Jahr 1995 war ein gutes für Roger Quigley. An einem Sonntagmorgen wirft sie – sie! – ihm ein Lächeln zu. Gilt es wirklich ihm? Bestimmt. Später ruft eine Frau namens Laura an und lädt ihn ein. Bevor er das Haus verlässt, sagt sie ihm wieder ab. In dem Stück A Kind Of Loving schildert Roger Quigley die Alltäglichkeiten eines Sonntags in einem Vorort von Manchester. Sein Freund Phil schießt ein Tor beim Fußball, schürft sich dabei das Knie auf, später erschlägt er eine Fliege mit dem Billardqueue. Vater plumpst mit bierseligem Grinsen an den Tisch, isst ein Stück Fleisch und schläft ein. Nachmittags läuft die Musik der Stranglers und Mutter zieht sich mit einer Tasse Tee in den Hof zurück, Vater ist längst im Pub auf ein Pint oder drei. Die Melodie ist flott, vorsichtig optimistisch. Quigley singt mit sanfter Stimme und spielt dazu Gitarre, dann setzen ein behutsames Schlagzeug und eine fast fröhliche Slidegitarre ein.

Der Anfang ist das Ende, A Kind Of Loving beschließt das Album Returning To The Scene Of The Crime. Davor erzählt er, was hinterher alles passierte. Vielleicht ist die Namenlose, die ihn in der Kirche anlächelte, ja die Frau, auf die sich die anderen neun – düsteren – Stücke des Albums beziehen. Roger Quigley nennt sich hier At Swim Two Birds. Es ist sein drittes Album unter diesem Namen. Und in der Tat kehrt er zum Tatort zurück, die Stücke stammen alle aus den Jahren 1995 und 2000. Acht der zehn Stücke hat er in anderen Versionen auf Singles und Alben veröffentlicht, die meisten unter seinem eigenen Namen.

Er scheint ihr dann näher gekommen zu sein, die beiden Lieder aus dem Jahr 1996 dokumentieren das. Er nimmt sich vor, sich täglich zu rasieren und zu lachen, wenn sie etwas lustig findet. Dem Bogart-Fanclub beizutreten und ihre Hand zu halten, wann immer das nötig ist. Über gemeinsame Giggling Fits, also Kicheranfälle, singt er. Wie sarkastisch er das meint, wird später deutlich. In The Smell Of Suntan Oil On Your Skin hängt die Romantik wie eine kitschige Fototapete im Hintergrund. Sie liegen am Strand, die Luft schmeckt nach ihr. Er drückt seine Zigarette an ihrer Stirn aus, und sie weicht nicht einmal zurück. Sie unterdrückt die Tränen, er geht.

Es geht weiter abwärts. Die fünf Stücke aus dem Jahr 1998 überbieten sich gegenseitig in ihrem Zynismus. Er wünscht ihr alle Übel der Welt, singt Lieder, zu denen sie sich im Grab umdrehen soll. Sehr bald soll das sein. Sie solle dann ruhig gegen die Wände ihres Sarges hämmern und ihn verfluchen. My Luck Is Turning, kündigt er an, auch wenn er zugibt, der Alkohol habe zu dieser Erkenntnis nicht unwesentlich beigetragen. Überhaupt der Alkohol. Es heißt, er zerstöre die Erinnerung. Alles Quatsch, findet Roger Quigley. Und dass Zigaretten schlecht für das Herz sind, ist ihm auch gleich. Um sein Herz habe sie sich ja bereits gekümmert.

Das Ende der Geschichte ist der Anfang der CD, In Bed With Your Best Friend. Eine Flasche Wodka, Drogen, Partyspiele mit einem Schweizer Armeemesser, Erwachen im Bett ihrer besten Freundin. An den Wänden Poster von Bands, die er hasst, in der Luft der Geruch von Petunien und entkoffeiniertem Kaffee. Rache? Zufall? Oder ist das schon wieder eine ganz andere Geschichte?

Roger Quigley singt seine ruhigen Lieder meist alleine zu seiner Gitarre, selten kommt ein weiteres Instrument hinzu. Sie klingen spartanisch, präzis. Fröhlich sind sie nicht, aber ergreifend. Und er ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Returning To The Scene Of The Crime klingt wie die Abrechnung mit einer ganz großen Liebe, wie ein Konzeptalbum über eine fehlgeschlagene Beziehung. Wer weiß, vielleicht hat er sich das alles ja nur ausgedacht.

„Returning To The Scene Of The Crime“ von At Swim Two Birds ist erschienen bei Green Ufos und erhältlich über den Vertrieb Hausmusik

Hören Sie hier „In Bed With Your Best Friend“

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