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Bürogeräte-Blues

 

Original oder Kopie? Für Alva Noto keine Frage, bei ihm kommt die elektronische Musik wie aus dem Fotokopierer

Alva Noto Xerrox

Es rauscht und piepst ohne Ende. Geräusche, Geräusche, sie bauschen sich wie mit Elektrosmog verunreinigte Zuckerwatte. Hindurch wabern verschwommene Melodien von neutraler Schönheit, vielleicht ein monumentales Orchesterwerk. Vielleicht auch nur die Musikberieselung vom Hotelklo oder aus der Abfertigungshalle: Haliod Xerrox Copy 2 (Air France) heißt eines der vierzehn Stücke.

Man könnte es einfach Ambient nennen, doch Alva Noto alias Carsten Nicolai, bildender Künstler und Elektronikmusiker, verfolgt andere Ziele. Während die Musikindustrie sich nach wie vor an das Verwertungsmonopol künstlerischer Originale zu klammern versucht, sucht er in der Reproduktion und Vervielfältigung von Klängen neue ästhetische Motive.

Auf seiner Platte Xerrox thematisiert er die Frage nach Original und Kopie mittels einer selbst entwickelten Software, die das technische Prinzip des vor gut fünfzig Jahren erfundenen Xerox-Fotokopierers auf Musik anwendet. Allerdings nicht auf irgendwelche Musik, sondern auf jene Muzak des modernen Lebens, die uns ständig im Berufsalltag, auf Reisen und zwischen den Orten umgibt. Als Samples wandern Ausschnitte aus den Telefonwarteschleifen und Musikunterhaltungsprogrammen internationaler Fluggesellschaften und Hotels in den virtuellen Vervielfältiger. Dauertöne, die an das nervige Summen eines nimmermüden Kopierergebläses erinnern, vermischen sich mit dem Echo eines Lautsprecheransagengongs zu surreal anmutenden Klanglandschaften.

Der besondere Zauber entsteht durch die Fehlerquellen, die sich bei wiederholten Kopiervorgängen ergeben. In Wirklichkeit ist keine Kopie wie die andere, aus diesen Ungenauigkeiten schöpft Carsten Nicolai das Musikalische seiner Geräuschkunst. Die Melodien, die sich Gehör und Bewusstsein besser merken können, als rhythmische Unterschiede, ähneln in ihrer Schlichtheit den einfachen plakativen Farben alter Xerox-Kopien. Spinnwebenfein jedoch dämmern sie nun herauf aus der unbewussten Wahrnehmung und wirken in ihrem neuen Ambiente voller verfremdetem Rauschen und Pulsieren viel intensiver und berührender, als das Original aus der Flughafenhalle oder dem Hotelaufzug.

In seinen früheren Klangwelten ging es Carsten Nicolai um experimentelle Abstraktion. Als Noto schuf er Werke von naturwissenschaftlicher Strenge und kristalliner Eleganz, seine Kooperationen mit dem japanischen Komponisten Ryuichi Sakamoto fanden weltweite Beachtung. Mit Xerrox eröffnet er nun auf dem Chemnitzer Label Raster-Noton eine neue Reihe musikalischer Transaktionen, der ersten CD sollen weitere folgen. Und er meint es ernst mit der Kopieridee: Nicht nur auf dem Silberling für den CD-Schlitz und auf Liebhaber-Vinyl sind die Stücke zu haben, man kann sie auch als SD-Card, als Datenspeicherchip, erwerben! Genau wie bei dem kleinen Ding in der Digitalkamera können die Daten dann beliebig kopiert, weiterverbreitet oder sogar gelöscht und neu überspielt werden.

Doch so flüchtig und austauschbar Daten ihrer technischen Natur nach sein mögen, die musikalisch hintergründige Tristesse auf Xerrox gräbt sich umso tiefer ein. Der kühle, verlorene, aber irgendwie auch selbstvergewissernde Blick von außen, dieses akustische Schweben im Off des ansonsten hektischen Treibens, halten einen noch lange gefangen. Es ist das Lied vom summenden Faxgerät, das der Letzte im Büro vergessen hat auszuschalten. Es ist die Hymne vom weißen Rauschen im Fernseher, als es noch Programme gab, auf denen zwischen nachts und morgens nichts mehr lief. Es ist die Ballade des Geschäftsreisenden, der sich auf der Taxifahrt durch graue Vororte zum Flughafen nicht mehr an die Gesichter oder Namen der Leute erinnert, mit denen er den letzten Drink an der Hotelbar genommen hat. Es ist der Blues des Digitalkünstlers, der dem Schöpfungsfluss von Abbild zu Abbild mit der nächsten Kopie die stille Euphorie kleiner Differenzen entgegenschleudert.

„Xerrox Vol. 1“ von Alva Noto ist als CD, als Doppel-LP und als limitierte SD-Card erschienen bei Raster Noton; das Album ist erhältlich u.a. im Labelshop von Raster Noton

Hören Sie hier „Haliod Xerrox Copy 2 (Airfrance)“ und „Haliod Xerrox Copy 6“

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7 Kommentare

  1.   O.

    Die Musik hat in den Quicktime-Streams offenbar Papierstau verursacht. Nix Multimedia.

  2.   Jens

    Bei mir funktionieren die Klangbeispiele… Vielleicht ist an euren Einstellungen was falsch? Gruß, Jens

  3.   W

    auf dem Mac läuft auch alles ok, incl. recording of the audio stream


  4. Bei mir ruckelt der Stream leider sehr. Daher unhörbar.
    Ebenfalls ein Mac.

  5.   Ulrich Stock

    Streaming-Probleme beim Mac: Mal in Systemeinstellungen (unterm Apfel) gehen, Quicktime, „erweitert“, Transporteinstellungen von „automatisch“ verändern auf „eigene“, auf UDP 554 stellen – dann sollte es gehen.


  6. […] ist auf dem elektroniklabel raster-noton erschienen. eine ausführliche cd rezension ist in der online ausgabe der wochenzeitung die zeit erschienen. Subscribe to comments Comment | Trackback |  Share […]

  7.   Max

    Alles sprechen über einen fehlerhaften stream. Niemand lobt die wunderbare Rezension. Also tu ich es. Hervorragend geschrieben. Nicht zu viel Musikwissenschaftliches Gelaber und treffend mögliche Intentionen von Carsten Nicolai dargestellt.
    Danke