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Verschwende deinen Mythos

 

Die Fehlfarben – zu jung zum Sterben und zu alt für den Punkrock. Als jugendliche Rebellen gehen sie auf ihrem neuen Album „Handbuch für die Welt“ nicht mehr durch

Dieses Mal zählt’s. Als vor fünf Jahren die alten Herren des deutschen Punk nach vieljährigem Hobbymusikerdasein wieder die Gitarren umschnallten, war noch nicht ganz sicher, wohin die Reise gehen sollte. Zurück in die Vergangenheit oder mitten hinein ins Hier und Jetzt? Ein Aufenthalt auf Dauer oder doch nur der Versuch, kurzfristig in Jugendzeiten versäumte Rendite einzuspielen, um das Rentnerdasein finanziell ein wenig abzufedern? Knietief im Dispo war die Mission überschrieben: ein augenzwinkernder Seitenhieb auf all die geschmäcklerischen Rückkehrversuche, von denen das Popgeschäft im Zeichen der eigenen Wiederkehr seit je wimmelt. Bis dahin war die Band Fehlfarben ein deutscher Punk-, wenn nicht Popmythos, der auf immer mit dem Jahre 1980 verbunden sein sollte. Ihr Revoluzzer-Monument Monarchie und Alltag bildete für viele ihrer damaligen Hörer, also die heutigen Mitt- und Endvierziger, die Tonspur ihrer Jugend. In den Texten von Peter Hein fand zusammen, was einmal zusammengehörte: bundesrepublikanische Alltagsbeobachtungen und jugendliches Rebellentum, Punk und Politik.

Fast mag das heute ein wenig anachronistisch anmuten, in Zeiten, in denen der Revoltenchic vergangener Tage längst zum Marktsegment verkommen ist und auf Privatsendern in Achtziger-Jahre-Mottoshows auch die Fehlfarben ihre 60 Sekunden Ruhm ernten dürfen –kommentiert von den einstigen Klassenfeinden. Geschichte wird gemacht – so oder so, auch wenn’s musikalisch längst nur noch an anderer Stelle vorangeht. Volle Kraft voraus, Viervierteltakt, Punkrock? War da was?

Vom Mythos der jugendlich ungestümen Rebellen sind die Fehlfarben heute so weit entfernt wie nur denkbar. Ihr Verdienst um die deutschsprachige Musik ist unbestritten. Trist ist allenfalls die Gegenwart: Ein paar ergraute Herren proben noch einmal den Aufstand und schwingen das Schwert der gesellschaftlichen Fundamentalkritik. Unerbittlich im Gestus, rückwärtsgewandt in den ästhetischen Mitteln. Neu, frisch und unverblümt klingt auf dem aktuellen Album Handbuch für die Welt wenig. Die, die sich Ende der Siebziger aufmachten, den Altherrenrock von der Bühne zu fegen, sind selbst zu einer Altherrenband geworden. „Ja, wir sind anders, anders geblieben“, grummelt Peter Hein im Eröffnungsstück des Albums, als gelte es, mit aller gebotenen Schärfe noch einmal den neuen, alten politischen Standort zu bestimmen. Nur: Die Zeiten haben sich gewandelt. So sehr die Fehlfarben in den Achtzigern in ihre Zeit passten und diese widerspiegelten, so weit sind sie heute von allen gesellschaftlichen und musikalischen Strömungen entfernt.

Wehe dem, der am eigenen Mythos kratzt. Zu jung zum Sterben und zu alt für den Punkrock: Es ist das Malheur aller zu früh Geborenen, die Helden waren, als sie das selbst noch nicht wussten. Ironischerweise gelingt den Fehlfarben des Jahres 2007 mit dem einzigen wirklich alten Stück, einer Coverversion der singenden GIs The Monks (We Do Wie Du), ihre zeitgenössischste Ausformulierung. Für einen Moment weicht alles Bedeutungsschwangere aus den Zeilen, aller bleierne Schwulst aus den Arrangements. „We do as you, we do, we do, wie du, wie du.“ Du, das heißt bei den Fehlfarben wohl „wir“, – Humor lugt durch die Zeilen. Nichts gibt’s umsonst: keinen Mythos und keine Wiederkehr. Der Rest ist Geschichte.

Hören Sie hier „Anders geblieben“

„Handbuch für die Welt“ von den Fehlfarben erscheint am 20. April bei V2 Records

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8 Kommentare

  1.   g.pol

    Schade dass es keine Bewertungsmöglichkeit, sonst würde ich sagen: „Zinsmaier, 6, setzen!“
    Wie lange geht man denn als kritischer Redakteur durch, wenn die „alten Herren“ es schon nicht dürfen? Bis 35?
    Das Album ist grossartig und der Schreiber hat es nicht verstanden, oder absichtlich missverstanden. Schade.

  2.   Jupp

    Ich sehe es genauso, Herr Zinsmaier hat es nicht begriffen.Die Fehlfarben haben Ihren Stil,wie es auch viele andere Bands auch haben.Soll man sich weil es ein Kritiker erwartet verbiegen?
    Es ist purer Zufall wenn es einen Hit bei den Fehlfarben gibt,es erwartet doch auch niemand.
    und Bands die mit schönfärberei Ihr Geld verdienen haben wir genug,die Welt ist nicht heile.
    Es hat auch niemand behauptet das es Punkrock ist,der Begriff ist mittlerweile so groß das er von dem wirklichem Gedanken soweit weg ist das man dieses nicht mit Worten fassen kann.
    Ein Tipp an alle Im Muskexpress gibt es es auch eine Rezession!!!

  3.   Jojo

    „Handbuch für die Welt“ ist die beste Fehlfarben-VÖ seit „Monarchie+Alltag“!!! Alle dazwischenliegenden Schritte sind ein Teil des Weges, der gegangen werden musste, um dieses hervorragende Album möglich zu machen…Umwege verbessern die Ortskenntnisse, über die der Autor anscheinend nicht verfügt?!

  4.   Volker

    Tja, da hat der Autor Punk wohl nicht begriffen. Es ging eben nicht darum, „angesagt“ zu sein. Sondern darum, abseits aller Strömungen sein eigenes Ding zu machen. Das – und nichts anderes – machen die Fehlfarben heute noch. Insofern sind sie Punk geblieben. Klar sind andere Sachen „zeitgemäßer“, im Sinne von „angesagter“, „modischer“. Aber das wäre das Letzte, was die Fehlfarben damals und heute sein wollten.

  5.   Volker

    …als Ergänzung noch ein Zitat von der neuen Platte: „Nicht jede Vergangenheit war eine bessere Zeit.“ Schon mal in die Platte reingehört, Herr Zinsmaier?

  6.   Klaus

    Handbuch für die Welt ist ein von A-Z gelungenes Werk.

    Mehr gibt`s von mir dazu nicht zu sagen.

  7.   tina

    Zum Fehlfarben-Text: Herr Zinsmaier hat es bestimmt nicht böse gemeint, sondern er hat nur dort abgeschrieben, wo andere oberflächliche Autoren das schreiben, was ihnen in der ersten Sekunde einfällt: alte Männer, nicht mehr zeitgemäß etc. Außerdem ist Herr Zinsmaier kein Fehlfarben-Fan, das war er nie, er hat sie früher nicht verstanden, und er versteht sie heute auch nicht.
    Uns Fehlfarben-Feunden sollte es egal sein, wir haben eine tolle Platte der besten Band, die es in diesem Land gibt.
    Doch es wäre schöne gewesen, wenn der Autor sich der Band ein wenig gewidmet hätte, vielleifht sogar mit ein wenig Respekt, denn sie hat es verdient. Herr Zinsmaier macht sicher nicht seit fast 30 Jahren beharrlich intelleigente Musik, und da hätte es doch zu seiner Aufgabe gehört, sich ein bisschen zu informieren, wie das für so eine Band so ist.
    Es ist Geschmackssache, ob man Peter Heins Gesang oder den Gitarrensound mag; jedoch ist es die Aufgabe des Autors, sich einer Band, die es so lange gibt, angemessen zu widmen.
    Zu den „paar ergrauten Herren, die den Aufstand proben wollen“: Das ist Mittelstufen-Journalismus! Ihnen geht es gut, Herr Zinsmaier, Sie sind frisch und jung und haben zugleich einen konsequenten, politischen Standpunkt? Herzlichen Glückwunsch!
    tina aus Köln, 27 Jahre.

  8.   @pt

    hoch zu ross,
    die hypes des zeitgeists im gehirn,
    murren sie rum – wie alle –
    nur interessierts uns echt nicht!

    schwarz – der himmel ihres horizonts
    rot – alles was da kömmet
    gold – die zeit, als es noch nich so viele retroretros gab.

    und wenn die wirklichkeit sie überholt…

    ei geh, schreiberlinge?!

    ihr habt echt ne menge verpasst (und verpasst´s auch weiterhin!)

    schade für euch uns kratzt´s nich 😉
    euer problem…

    @pt