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Musik mit Umlaut

 
Das Elektronika-Label Pingipung lädt ein zur Mottoparty, eine illustre Musikerschar kommt nach Lüneburg und bringt Blechblasinstrumente mit – „Pingipung Blows: The Brass“.
Pingipung Blows

Musikalisch gesehen, ist der zweitgrößte deutsche Exportschlager (nach der Titelmelodie von Derrick) die elektronische Musik. Das scheint der Deutsche gut zu können. Nirgendwo auf der Welt wird sie so puristisch gespielt wie hier.

In weißen Räumen, in monotoner Weitläufigkeit kredenzen streng gescheitelte Teutonen menschenferne Maschinenmusik. Kalt und ohne Emotion. So wurden Kraftwerk zu Popstars und bis tief in die Gefilde der Klangkunst sollten ihnen viele folgen. Das ist das Klischee von elektronischer Musik made in Germany.

Dazu gibt es natürlich Alternativen. Nicht selten kommen sie aus Lüneburg, wo das Label Pingipung Beachtenswertes veröffentlicht. Pluckernd, fiepend oder erwärmend – nah am Menschen, dicht an den Ohren des Hörers entsteht kluge Musik. Die Präzision des Computers nutzen, sich aber auch auf die Wärme des akustischen Instruments verlassen, das scheinen die Grundlagen des Pingipungismus zu sein. Sie nennen es Ü-Musik, U plus E, na klar.

Pingipung Blows: The Brass ist eine Kompilation mit Konzept. Sie funktioniert wie eine Mottoparty. Elektronikmusiker aus ganz Europa wurden dazu eingeladen. Sie mussten ein Brass – also Blechblasinstrument – mitbringen. Statt Kartoffelsalat legten sie ein Stück Musik auf das Büffet.

Pingipung wagt es, klassische Instrumente mit Elektronik zu mischen. Da gibt es natürlich viele Ansätze. Wir hören Selbstgemachtes: Dub von Hey-O-Hansen, Getragenes von Mister Tingle. Mouse on Mars klingen, als würden sie ein Hamsterrad beschallen. Ihr Stück spurtet vorwärts und dreht sich zugleich um die eigene Achse. Der Kölner Avantgardist und Poet Harald Sack Ziegler kommt gar ohne Worte und sein Waldhorn aus. Im Hintergrund brabbelt und klappert ein Café. Er beschallt es nachträglich mit einer leiernden Trompete. Nahtlos knüpft Peter Presto an – man merkt kaum, dass ein neues Stück angefangen hat.

Das ist die große Stärke dieses Albums. Es ist liebevoll kompiliert, es wird ein musikalischer Bogen gespannt. Anderswo hätte man vielleicht nach Prominenz der Bands geordnet.

Meist ist die Blechbläserei Grundlage des Klangs, die Elektronik baut sich darum auf. Nicht immer gelingt dies. Wie bei Goto 80, dessen 8Bit-Musik scheppert wie ein alter Heimcomputer. Eine Trompete gesellt sich hinzu und es wird nicht klar warum, denn sie hat seinem Stück nichts hinzuzufügen. Jazzclub trifft Daddelhalle. Wie das durchdacht umgesetzt wird, zeigen Gangpol und Mit aus Bordeaux. Ihr Beitrag ist eine Wonne. Sie bedienen sich eines Kazoos. Selbst Laien können ihm schöne Klänge entlocken, da man hineinsingt. Es ist erstaunlich, wie viele Ideen sie in zwei Minuten unterkriegen, ohne dass der Sinn verloren geht. Zwischen dem filmischen Throw Snow On This Big Animal von Übertonmensch und der hektischen Improvisation Brass Impro von DJ Elephant Power und Niko Uské liegen Welten. In Lüneburg sind sie Nachbarn.

Richtig dreist ist Imagine des Briten Vanishing Breed. Er benutzt gar kein Blasinstrument, sondern erzählt dem Zuhörer, dass man sich verschiedene vorzustellen hätte. Nach eigenen Angaben hat er sogar Buntstifte für seinen Beitrag benutzt. Charmant umschifft er die einzige Bedingung der Kompilatoren und zeigt, worum es hier eigentlich geht: Originalität.

„Pingipung Blows: The Brass“ ist erschienen bei Pingipung Records und im Webshop des Labels erhältlich. Vor zwei Jahren erschien ebendort die ähnlich hörenswerte Kompilation „Pingipung Plays: The Piano“

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