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Afrikanischer Swing

 

Auf „Lagos All Routes“ spielen lauter Musiker, die unser Autor nicht kennt. Aber er findet: Nicht nur ihre Namen klingen klasse.

Das Angebot auf dem Musikmarkt war noch nie so vielfältig wie heute. Dank der Aufmerksamkeit einiger Labels kommt man als Hörer richtig herum. Der Plattenladen wird zum Reisebüro. Schallplatten und CDs ersetzen den Billigflug. Immer wieder kommt Wildfremdes auf den Tisch.
Zum Beispiel Lagos All Routes, eine Zusammenstellung nigerianischer Popmusik. Irgendwann zwischen den Mittsechzigern und 1980 sind die Stücke entstanden.

Wie nähert man sich als Kritiker dieser Musik, wenn man keine Ahnung von ihr hat? Wenn es die erste Platte mit Pop aus Nigeria ist, die man gehört hat. Tagelang schleicht man um sie herum. Als Revolutionär könnte man schreiben: „Diese Platte atmet Freiheitskampf, Optimismus und Unabhängigkeit.“ Als Romantiker könnte man sich an ihrer Authentizität ergötzen. Als Wissenschaftler könnte man die Musik aus ihren ethnologischen Zusammenhängen heraus erklären.

Es spielen Musiker wie Chief Commander Ebenezer Obey, Dr. Victor Olaiya, Sir Patrick Idahosa And His African Sound Makers und viele andere. Ob sie die musizierende Elite des Landes sind, vermag der Autor nicht zu beurteilen. Niemals zuvor hat er von ihnen gehört.

Aber die Namen sind schon mal klasse, und was man hört, ist Swing! Nicht der Swing, der unsere Hüften von links nach rechts wackeln lässt, schon gar nicht Sting. Afrikanischer Swing. Der geht, einer Welle ähnlich, vorwärts in die Unendlichkeit. Daumenklaviere klirren. Und immer wieder bringen die Bläser die Membran des Mikros zum Bersten.

Musik klingt überall anders, aber egal wo sie herkommt: Gute Musik hat immer etwas Utopisches. Bilder entstehen, Stimmungen werden aufgebaut. Gute Musik entführt ihre Hörer. Manchmal löst sich die Utopie in dem Bedürfnis zu tanzen.

Das Londoner Label Honest Jon’s entführt seine Hörer in die Ferne oder auch in die eigene Nachbarschaft. Am Anfang stand der gleichnamige Plattenladen. Enthusiasten aus aller Welt fanden sich hier ein. Einer war der Popstar Damon Albarn. In den Freiräumen zwischen seinen Projekten Blur, Gorillaz und The Good, The Bad & The Queen stöberte er sich um den Erdball. Irgendwann entstand ein gemeinsames Label. Seither wird ein uneingeschränkter Musikentwurf verfolgt – eine Utopie nimmt Gestalt an.

Atmosphärisch dicht ist die Auswahl der Stücke, liebevoll die Gestaltung der Hüllen. Platten von Honest Jon’s sind wahre Hörfilme. Man sieht sie mit den Ohren und hört sie mit den Augen.

Ersetzt diese Platte einen Flug nach Afrika? Das nun doch nicht. Sie weckt den Wunsch hinzufliegen.

„Lagos All Routes“ ist als CD und Doppel-LP erschienen bei Honest Jon’s

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1 Kommentar

  1.   clausPbehr

    hey gut eingefangen und eingeführt — es lebe die utopie – forwar-ho!

    dein clausP