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Neukölln, sorge dich nicht

 

Der in Berlin lebende Engländer A.J. Holmes singt Heimatlieder, wie sie globaler nicht sein könnten. Sein Album The King Of The New Electric Hi-Life vereint Hintersinn und Tanzmusik, Europa und Afrika.

AJ Holmes

Diese Platte handelt vom Leben in der Fremde und zu Hause, von der Vermischung des Vertrauten mit dem Entfernten, und sie tut es so frisch und froh und mit soviel Witz und Hintersinn, dass sie nicht genug gepriesen werden kann. Das beginnt mit dem Titel: Ein gewisser A.J. Holmes legt sein erstes Album unter eigenem Namen vor und nennt es superunbescheiden The King Of The New Electric Hi-Life. Auf dem Cover ist im Stile naiver Malerei ein zufrieden aus dem Busch schauendes Raubtier abgebildet, umschwirrt von bunten Vögeln. So stellen wir uns Urwald vor!

Aber Hi-Life kommt doch nicht aus dem Busch? Da wippen doch nicht blanke Busen überm Baströckchen zu Dorfplatztrommeln? Hi-Life ist der Pop Westafrikas, zu dem hinzugehen sich die jungen Menschen über ihre Mobiltelefone verabreden, eine Mischmaschmusik aus indigenen Rhythmen und europäischen Einflüssen. In der nicht martialisch getrommelt wird, sondern lateinamerikanisch weich und leicht; und bei den Melodien verweben sich gleich mehrere Gitarrenlinien zu einer bunten Sause: Indem sie nirgendwo hinführen, verhelfen sie den Tanzenden zum Genuss des Hier und Jetzt. Und wer dann immer noch sitzt, den reißen die Fanfaren hoch. Welch ein Widerspruch zwischen der Beschwingtheit der Musik und dem Stillstand des Kontinents! (Und auch wieder nicht.)

So viel dazu. Und nun erklärt sich einer mit offenbar reichlich Testosteron zum König des neuen elektrischen Hi-Life? Hinten auf dem Cover ist er zu sehen: Kein schwarzer Mann mit schweißnassen Oberarmbrocken, sondern ein ziemlich blasser Engländer in Jeansjacke; sein Lächeln sucht Zuflucht im Schnurrbart; seine weinroten Socken verschwinden in karierten Pantoffeln. Er auf einem Hocker, hinter ihm eine Palmentapete. Oder ist es ein Gewächshaus in Berlins Botanischem Garten? Denn in Berlin lebt A.J. Holmes, bisher im armen Wedding, künftig im rauhen Neukölln – nichts zieht ihn in die Latte-Macchiato-Bezirke Prenzlauer Berg und Mitte. Langweilig findet er die, Mittelstand.

Seit fünf Jahren beehrt er die Stadt mit seiner Anwesenheit, die 31 Jahre davor verbrachte er in East London, jenem Ende der City, in dem die Arbeitslosen, Trinker und Heroinabhängigen die mittellosen Zuwanderer aus den ehemaligen Kolonien willkommen heißen. Wer in East London richtig mitmacht, landet im Knast oder im Krankenhaus. Leute mit Narben gibt’s hier viele, Touristen keine.

A.J. Holmes wuchs auf zwischen Rastafaris und Kriminellen. Er kennt die Gefahren und Chancen des Lebens am Rand. Wer dem Getto entkommen will, kann Boxer werden oder Musiker. Bei seiner Statur empfahl sich das Zweite. Zuletzt lebte er Tür an Tür mit Folo Graff, einem Musiker aus Sierra Leone, der ihm die Feinheiten westafrikanischen Gitarrenspiels beibrachte. Auf sieben von elf Stücken der CD nennt er seinen früheren Nachbarn als Mitkomponisten. Und, ja, das ist Hi-Life, was da tönt, neu und elektrisch oder vielmehr elektronisch: Holmes holt das afrikanische Hybrid über London nach Berlin, phasenverschiebt es, und gibt es der Welt zurück als König des neuen eklektischen Durcheinanders.

Im Pop ist es gerade Trend, exotische Musiken zu importieren, zuvörderst vom Balkan. Umgekehrt übernehmen Musiker auf anderen Kontinenten von jeher Elemente des westlichen Pop; Hi-Life, das in den zwanziger Jahren wurzelt und in den Sechzigern in Ghana, Nigeria und Sierra Leone zur Blüte gelangte, ist ein sehr frühes Beispiel dafür. Holmes geriet im London der Neunziger in den Bann dieser mit den Immigranten gekommenen Mischkultur, die sich dort aufs Neue vermischte. Denn für die Hi-Life-Bands in der Stadt gab es nicht immer ausreichend Musiker aus dem eigenen Land, also holte man sich andere – bis hin zu Klezmer-Klarinettisten.

In Berlin stellt Holmes die in London umgerührte afro-europäische Musiksuppe in die Mikrowellen deutscher Elektronik und würzt sie mit feinstem englischen Humor. Interessanterweise wirken an dem Album gar keine deutschen Musiker mit, wohl aber solche, die es wie Holmes nach Berlin verschlagen hat. Genannt sei die Französin Anne Laplantine, deren eigene Platten sich so körnig anhören, als seien sie am Rande einer Chaussee kurz in den Sand gefallen.

Holmes und Laplantine spielen Home, ein Volkslied, das sein Nachbar aus Freetown mit nach London brachte und das sie in jeder Hinsicht verändert haben:

Freetown, don’t you worry for me
Tomorrow I will be going home
There is another city waiting for me
Tomorrow I will be going home.

Dann heißt es Paris, don’t you worry for me… London… Berlin… Lagos.

Es ist eine melancholisch-optimistische Ballade über das ersehnte Nachhausekommen und in dieser Fassung mit spieluhrartig aufklimpernden Gitarren ziemlich durchgedreht. Das Heimelige des Volksliedes wird durch die Art der Zubereitung urbanisiert, das Zuhause ist heute ja überall und nirgends. Zuhause ist East London, ist Wedding, ist Neukölln. Singt Holmes an der Weser, singt er Bremen, don’t you worry for me, und das Publikum stimmt munter ein.

Und hat nicht auch mal einer gesungen Home is where your heart is? A.J. Holmes hat sein Glück in Berlin gefunden. Seine Freundin ist Türkin, Tochter streng türkischer Einwanderer, und so darf ihre Familie davon nichts erfahren, sonst gibt’s gleich wieder Probleme. Die Welt aber erfährt es, durch ihn: Nino ist sein globalisiertes Liebeslied für sie.

The King Of The New Electric Hi-Life hellt trübe Herbsttage auf, lässt einen mitpfeifen und stärkt so die Zuversicht in unübersichtlicher Zeit. Beim Hören wächst der Wunsch, den Musiker zu sehen, und – wie schön – das kann man jetzt: Denn der Herz-König von Neukölln singt bald in Emden, Wesel, Duisburg, Bottrop und anderen Orten, die zu seiner Musik passen.

„The King Of The New Electric Hi-Life“ von A.J. Holmes ist bei Pingipung in Lüneburg (!) erschienen, leider nur als CD. Sie ist bei Kompakt und a-Musik im Vertrieb.

Die Party zur Veröffentlichung des Albums steigt am 12. Oktober im Berliner Bang Bang Club. Die aktuellen Tourdaten finden sich hier.

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