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40 Pfund für anderthalb Kilo

 

Die Geschichte des neuen Albums der britischen Band Radiohead dürfte bekannt sein. Aber wie klingt „In Rainbows“ eigentlich?

Radiohead In Rainbows

„Das Vertriebsgedöns war interessanter als das Album selbst“, schreibt die Spex in ihrer Jahresliste und schiebt Radioheads In Rainbows auf den letzten Platz. Den Wirbel auch musikferner Medien verantwortet wohl am wenigsten die Band: Sie hatte Anfang Oktober auf ihrer Website das Erscheinen ihres siebten Albums beinahe heimlich angekündigt. Zwei Monate lang konnte man es zu einem selbstbestimmten Preis herunterladen. Die Geschichte kennt mittlerweile jeder.

Das Geschrei über Radioheads vermeintliche Revolutionierung des Popgeschäfts wurde kürzlich abgelöst vom Vorwurf der Heuchelei und der PR-Trickserei. Das eine ist so absurd wie das andere. Seit einigen Wochen haben sie einen neuen Plattenvertrag, zwischen den Jahren erscheint In Rainbows nun auch auf traditionelle Weise. Seit dem 11. Dezember kann man das Album auch nicht mehr legal kostenfrei herunterladen. Das ist gut so. Die Qualität der MP3-Dateien war schlecht, eine Hülle für die daraus gebrannte CD musste man selbst entwerfen.

Dieser Tage wurden die sogenannten Discboxen ausgeliefert, die man seit Oktober parallel zur digitalen Version erstehen konnte. Das kleine Bild über diesem Text kann nicht wiedergeben, welchen Wälzer Radiohead nun denen ins Haus lieferten, die 40 britische Pfund auf den Tresen ihres Internetsupermarkts gelegt hatten. Ein dickwandiger Schuber, darin ein Buch in Schallplattengröße. Vorne und hinten stecken schwere Vinylscheiben. Sie sind auf 45 Umdrehungen abzuspielen, einen besseren Klang gibt es nicht. In der Mitte ist ein Textheft eingeklebt, daneben befinden sich zwei CDs. Auf der ersten ist das reguläre Album, auf der zweiten acht weitere Stücke, es heißt sie blieben exklusiv in dieser Box erhältlich. Ein kunstvolles Fotoheft in Großformat liegt auch bei, all das wiegt knappe anderthalb Kilo.

Thom Yorke hatte in einem Interview gesagt, die Stimmung von In Rainbows knüpfe an ihr zehn Jahre altes Album OK Computer an. Diesen soufflierten Zusammenhang hörten viele Rezensenten in die Musik, doch so eindeutig ist das nicht. Klangliche Bezüge finden sich zu OK Computer ebenso wie zu den elektronischeren Alben Kid A und Amnesiac sowie zu ihrem letzten Album aus dem Jahr 2003, Hail To The Thief. Allein das rockige Gebretzel ihres ersten Albums Pablo Honey sparen sie – beinahe – aus.

15 Step eröffnet das Album und legt einen flirrenden Rhythmus vor. Es ist schwer zu entscheiden, ob hier ein Schlagzeugcomputer hämmert oder ein überaus präziser Phil Selway. Darüber liegt eines dieser typischen zarten Gitarrenmuster, darunter ein drängender Bass. Es folgt das ruhelose Bodysnatchers: „I have no idea what I am talking about / I am trapped in this body and can’t get out“ jault Thom Yorke. Und später „I have no idea what you are talking about / Your mouth moves only with someone’s hand up your ass“. Ohne Textheft versteht man kein Wort, auch, da die Gitarren so röhren. Keine Angst, In Rainbows ist kein Rockalbum. In der Folge wird es ruhiger und komplexer.

Wierd Fishes/Arpeggi, Reckoner und das abschließende Videotape kommen behutsam daher, früher oder später galoppiert ein schräger Rhythmus durch die Muße oder wird eine Schaufel Lärm aufgelegt. Wirkliche Ruhe strahlen nur Nude und Faust Arp aus.

Am erstaunlichsten ist All I Need. Nicht nur der Titel des Stücks erinnert an die französische Band Air. Eine Weltraumorgel spielt die immergleichen sechs Töne, das Schlagzeug klingt schleppend. In der Liedmitte setzt ein Glockenspiel ein und hebt die Melodie in säuselige Höhen, am Ende verliert sich alles im Scheppern des Beckens. Die Lautstärke der Instrumente ist perfekt aufeinander abgestimmt, kein Ton stört, keiner fehlt. Überhaupt, klanglich ist In Rainbows ebenso überwältigend wie musikalisch.

Die Bonus-CD macht dort weiter, wo das Album aufgehört hat. Die kurze Spielerei MK 1 übernimmt die Klaviermelodie von Videotape und auch die anderen Stücke klingen weder anders noch schlechter als die zehn zuvor gehörten. Allenfalls etwas karger. Last Flower und 4 Minute Warning sind grazil und herzzerreißend, alleine Bangers & Mash ist ein bisschen zu simpel rumpelig geraten. Schiebt man die CD in den Computer kann man sich rund 120 Fotos und Zeichnungen der Band anschauen.

Vergessen wir das Gejammer der Musikindustrie und das Rauschen im Blätterwald. Ob mit oder ohne Plattenvertrag, von der schreibenden Zunft geliebt oder nicht: In Rainbows ist eigenständig und ergreifend, einfach fantastisch.

„In Rainbows“ von Radiohead erscheint am 28.12 als LP und CD bei XL Recordings/Beggars Banquet. Der freie Download ist nicht mehr möglich, Restexamplare der sogenannten Discbox sind solange der Vorrat reicht auf der Website der Band erhältlich.

Wer „In Rainbows“ über die Website erstanden hat und die Bestätigungsmail an amplive@onesevensevensix.com weiterleitet, bekommt Mitte Januar die Download-CD „Rainydayz“ geschenkt. Darauf befinden sich Remixe von einigen Stücken des Albums. Ob sich das lohnt, kann man hier entscheiden.

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1 Kommentar


  1. […] zu haben. Die Idee und die Vertriebsform beeindruckten uns hier in der Spex-Redaktion, die »40 Pfund für anderthalb Kilo« gingen durchaus klar. Saul Williams und sein Produzent Trent Reznor lancierten kurze Zeit […]