Musik zwischen Disko und Diskurs

Ins Absurde erhoben

Von 2. Mai 2008 um 13:56 Uhr
Bislang wurden The Notwist von Album zu Album besser. Mit ihrer sechsten Platte „The Devil, You + Me“ reißt die Serie ab, die Feuilletons loben sie trotzdem.

Notwist, Devil You And Me

Über The Notwist möchte man wohlwollend schreiben. Und wie einfach ließe sich in die Elogen einstimmen, zu denen die Feuilletons in den vergangenen Wochen anhoben, ließe sich wortreich beschreiben, wie überaus glaubwürdig und integer sich die Band im korrupten Musikgeschäft bewegt, ließe sich ausführen, wie die oberbayerische Gruppe seit Mitte der Neunziger ein überzeugendes Werk nach dem anderen ersinnt, sich ein ums andere Mal neu erfindet, und ließe sich schließlich schlussfolgern, auch die neue Platte The Devil, You + Me müsse ein Meisterwerk sein.

Allein, so wahr alles vorher Gesagte sein mag, ein Meisterwerk ist The Devil, You + Me leider nicht.

Bisher schien jede Notwist-Platte der letzte Schluss dessen zu sein, was derzeit im eigenen Tonuniversum möglich war. Mehr noch, zumindest eine Weile lang klang jedes Album seit 12 wie das Großartigste, was Musiker auf Instrumenten anstellen können. Mit einigen Jahren Abstand veränderten die Platten ihren Charakter, erwiesen sich doch nur als sinnvolle Fortschreibung des vorherigen Albums. Nicht weniger gut, aber viel weniger endgültig. Was folgte, drängte die Grenzen des Universums jedes Mal noch ein bisschen weiter zurück.

Anfang der Neunziger nahmen The Notwist zwei beinharte Rockplatten auf. Hört man The Notwist und Nook heute, so erahnt man Vieles von dem, was längst als typisch gilt. Zwischen Bergmassiven aus Gitarre und dem Gewitter der Basstrommel schweben schon diese gepressten Melodien, diese ungewöhnlichen Harmonien, diese sanfte Stimme. Freilich war damals nicht zu erahnen, wohin die Reise gehen sollte. Die Punk-Bands Bad Religion und Therapy? nahmen The Notwist mit auf Tour.

Überhaupt, Markus Achers Stimme. Akrobatisch ist sie nicht, allenfalls schafft sie kleine Bodenturnereien. Hier ein beschaulicher Hüpfer, dort eine elegante Rolle. Achers Stimme ist das Imperfekte im Orchester der Perfektion. Wo sonst jeder Klick sitzt und jeder Streicher um die Hierarchien weiß, ist sie der Puls, das Organische. Das hat sich bis heute nicht geändert. Das Orchester wurde über die Jahre immer präziser, sein Englisch nicht. Wozu auch.

Jeder musikalische Schritt der Band erschien letztlich logisch: Mitte der Neunziger veröffentlichten sie 12, erstmals steuerte Martin Gretschmann alias Console elektronische Klänge bei. Sie umschwirrten die Gitarrenmonumente, vermochten ihre Oberfläche aber kaum anzukratzen. Gretschmann wurde festes Mitglied der Gruppe. Auf Shrink im Jahr 1998 klangen die Gitarren weniger massiv, die Elektronik trat in den Vordergrund. Post-Rock wurde die Musik der Band genannt, vielleicht weil die Rockergeste nie ihre war – der Eklektizismus um so mehr. Solch eine Mischung aus Gitarren und Elektronik war damals unerhört. Shrink brachte den Durchbruch, Day 7 und Chemicals waren kleine Erfolge. The Notwist fuhren nun mit den Orgeldudlern von Stereolab auf Tour.

Seit Shrink wurden die Pausen zwischen den Alben lang, ebenso die Veröffentlichungsliste assoziierter Projekte – Console, Lali Puna, Tied + Tickled Trio, MS John Soda und einige mehr. Erst im Jahr 2002 erschien Neon Golden, eine wahrhaft umwerfende Platte. Aus Post-Rock war nun Diskurs-Pop geworden, Musik, die in immer neue Kontexte einsortiert wurde, über die man nie genug wusste, und die am Ende bis ins Absurde überhöht wurde. Jörg Adolphs Dokumentarfilm über die Entstehung der Platte, On/Off The Record, führte das vor Augen. Man sieht: Die Journalisten stellen anbiedernd umständliche Fragen, die Musiker schauen und schweigen. Ganz so als verstünden sie gar nicht, weshalb man über Musik noch reden müsse. Mit den zehn Stücken auf Neon Golden war doch alles gesagt.

Wie macht man eine neue Platte, wenn alles gesagt ist? Wenn die Erwartungshaltung in den Himmel gewachsen ist? Geht man weiter vorwärts? Mal wieder rückwärts? Oder macht man einfach Neon Golden, Teil 2? The Notwist wussten es offenbar auch nicht so genau. So ist The Devil, You + Me von allem ein bisschen. Die leicht rumpeligen Stücke Good Lies und Alphabet erweisen Shrink die Referenz, Gravity wiederum hätte gut zu Neon Golden gepasst.

Das Vorwärts jedoch wird zum Problem. Denn das ins Studio geladene zwanzigköpfige Orchester vermag der Unternehmung keine Spannung zu verleihen. Im Gegenteil, die recht spärlich eingestreuten Filmmusikklänge sind fast alle überflüssig. Sie versenken die feine Elektronika der Single Where In This World im Kleister. Die Streicher in Hands On Us erinnern an die Tindersticks – die wissen schon, weshalb auf ihren Platten weder Schlagzeugcomputer noch Elektronikrauschen zu hören sind. Hier nun kippt die Düsternis ins Melodramatische.

Es vergeht eine halbe Ewigkeit, bis das Genie der Band endlich aufblitzt. Stück Nummer 6, Gravity, lebt von dem Gegensatz zwischen dem flirrend vertrackten Schlagzeug und den ruhig vorgetragenen Worten – und dem, woran es den meisten anderen Stücken fehlt: einer brillanten Melodie. Hier bringt die Band es klanglich auf den Punkt, hier bekommt sie – welch passenden Titel trägt das Stück – die Füße an den Boden. Danach heben The Notwist wieder ab und landen erst bei Boneless wieder. Da ist das Album beinahe vorbei. „Old gravity won’t get me“, singt Acher einmal, das klingt programmatisch.

Diese Träne muss hier nun vergossen werden: Neon Golden hörte man immer wieder etwas Neues an, die Lieder übten eine Anziehungskraft aus. Monatelang fesselte das Album den Hörer. The Devil, You + Me ist im Vergleich dazu kraftlos. Auch beim dreißigsten Durchlauf noch klingen viele Melodien flach, dümpeln Lieder wie Sleep und Hands On Us ziellos vor sich hin.

Nun: Wie macht man also eine neue Platte, wenn alles gesagt ist? The Devil, You + Me klingt, als wüssten auch The Notwist keine Antwort.

„The Devil, You + Me“ von The Notwist ist als CD und LP erschienen bei City Slang.

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Kategorien: Pop
Leser-Kommentare
  1. 9.

    Ich hatte den gegenteiligen Effekt: vielleicht fünfmal gehört und den Kopf voller Ohrwürmer. Bei Neon Golden waren mir persönlich einige Songs zu… ist “sperrig” das richtige Wort? The Devil… ist eine weit wärmere Platte geworden, eine große subtile Schönheit. Mein kleiner Abstrich: an der Verbindung mit den Geräuschrhythmen von Console habe ich mich so langsam sattgehört.

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  2. 10.

    Ich habe die neue Platte auch bereits mehrmals gehört, die vorab Internetveröffentlichen (good lies, where in this world) schon häufiger. Die Halbwertszeit der Songs ist deutlichst geringer als bei bisherigen Notwist-Platten. So ging mir das auch schon mit der letzten Tied & Tickled Trio Platte Aelita, sehr schön, aber auch sehr schnell “abgehört”. Vielleicht liegt es daran, dass das Weilheim-Kollektiv um die Acher-Bruder mit den vielen Bandprojekten (MS John Soda, Rayon, Lali Puna, etc.) musikalische Vielfältigkeit simuliert, in Wirklichkeit aber eine ganz bestimmte, immer selbige Stimmung mithilfe der verschiedenen Bandprojekte lediglich immer wieder wiederholt. Bezüglich Ausdruck von Stimmung und Gefühl kann bei der Weilheim-Musik eine Rigidität und Kreisen um das immer selbe (nicht umsonst scheinen Lieblingsvokabeln von Markus Acher „loop“, „spinning“ u.ä. zu sein) melancholische Thema konstatiert werden, das typisch für Persönlichkeitsstörungen erscheint: Die Unfähigkeit aus einem spezifischen Stimmungsraum in einen anderen zu treten, also echte Variabilität von grundlegenden Lebensstimmungen zu erleben.

    Diese spezifische Weilheim-Stimmung samt der Texte von Markus Acher ist jedoch eine spannende und heute mehr denn je notwendige künstlerische „Botschaft“ – und nicht leicht zu beschreiben und zu greifen. Allerdings war sie selten so explizit, wie in den Texten von „The Devil, You and Me“ – auch das auf der einen Seite eine Art „Schwäche“ der Platte, da damit das kryptische Element der Lyrik von Acher abnimmt, auf der anderen Seite vielleicht hilfreich, um diese „Botschaft“ besser zu fassen zu bekommen. „Bring in the trouble, that´s where we live“ kann etwa als überfälliges Gegenprogramm zum Zwang zum positiven Happy und Easy Talk des Neoliberalismus betrachtet werden. Die Wärme, die einigen Songs auf The Devil You and Me zu eigen ist (etwa der Titelsong, die Single) spendet im positiven Sinne mehr caritative Geborgenheit als sämtliche Umstrukturierungs- und Optimierungsmaßnahmen im psychosozialen Bereich der letzten 20 Jahre. Um nur einige wenige Aspekte mal kurz anzureißen…

    Mich wundert um ehrlich zu sein immer wieder, wie unglaublich flach und nichtssagend Popjournalismus geworden ist (man wünscht sich Leute wie Diedrich Diederichsen zurück), die subtile politische Dimension der neuen Notwist Platte wird nicht diskutiert, dabei überstrahlt diese m.E. die vorhandenen musikalischen Schwächen der Platte…

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    • 7. Mai 2008 um 11:31 Uhr
    • Gabriel
  3. 11.

    Herr Kühnemund hat nach 30(!?) Durchläufen noch nicht erkannt, was in diesem Album steckt? Nur nebenbei gehört oder bei ganz leiser Lautstärke? Klar hat M. Acher jetzt nicht so das große Stimmspektrum. Aber einem Bonnie Prince Billie oder einem E von den Eels hat noch kein Kritiker Selbiges vorgeworfen. Ich empfehle einen Durchgang über Kopfhörer, ganz laut aufgedreht. Wer dann noch nicht überzeugt ist kann ja weiter das neue Udo Lindenberg Album gut finden. Ich habe gestern 3 Durchläufe hintereinander eingelegt, danach wußte ich nicht, was ich dann auflegen hätte können, ohne das dies flach oder langweilig geklungen hätte. Das ist in meinem Hörkopsmos immer ein gutes Qualitätskriterium. Nach Hören eines solchen “Meisterwerks” (brrrhhh, was`n sch… Ausdruck) kann erst einmal mindestens einen Tag nichts Anderes Kommen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieses Jahr nach´The Devil, You Me` noch etwas viel Besseres kommen wird (´Third` von Portishead hier einmal ausgenommen)

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    • 7. Mai 2008 um 13:08 Uhr
    • R. Gravert
  4. 12.

    schön eigentlich, wenn man sich in seinem “hörkopsmos” so gut auskennt, wie herr gravert. doch wenn darin neben notwist nur die neue – extrem nervige – platte von portishead leuchtet, sollten sich andere darauf wohl besser nicht verlassen ;-)

    und: wer notwist nicht mag soll lindenberg hören? puh, das ist echt billig, du.

    mfg, jens.

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    • 7. Mai 2008 um 20:01 Uhr
    • Jensensen
  5. 13.

    ich habe diese platte heute zum ersten mal gehört und konnte nicht skippen.alles großartig. natürlich, “neon golden” hat einen sehr hohen popfaktor aber das hier ist doch weitaus subtiler und öffnet nach und nach neue kammern, in denen man sich mit offenem mund in die ecke setzen kann. ich zumindest. “boneless” ist meiner meinung nach das beste “popstück”, das sie je geschriebn haben. kaum eine platte hat mich so umgehauen, vielleicht die “bon iver” aber das nur zum teil.

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    • 9. Mai 2008 um 22:28 Uhr
    • hassnen
  6. 14.

    Ich kann Jan Kühnemund nur zustimmen! Ich habe bisher keine Rezension gelesen, welche die Entwicklung von “The Notwist” treffender beschreibt als diese. “The Devil, you and me” ist im Vergleich zu früheren Alben enttäuschend und hinterläßt auch nach dem 10. Anhören ein fades Gefühl. “Neon Golden”, “Lichter” und “Shrink” bleiben damit nicht mehr zu übertreffende Endpunkte in der Entwicklung einer großartigen Band – die vielleicht besser daran getan hätte 2002 aufzuhören!?

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    • 7. August 2008 um 17:10 Uhr
    • Lutz Thormann
  7. Kommentar zum Thema

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