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Das Leben ist kein Wunschkonzert

 
Auf ihrem zweiten Album „Verlass die Stadt“ gibt sich die Wienerin Gustav weniger kämpferisch als zuvor. So hübsch die Töne, so verzweifelt klingen ihre politischen Texte.
Gustav Verlass die Stadt

Die Hülle von Gustavs erstem Album Rettet die Wale zierte eine idyllische Berglandschaft. Der Wal im Bergsee irritierte. Auf dem neuen Album Verlass die Stadt sieht man einen dichten Wald, in dem Menschen liegen. Entspannen die Menschen? Sind sie tot?

Gustav ist die Wienerin Eva Jantschitsch. Sie arbeitet gerne mit Gegensätzen, aber sie traut ihnen nicht. Im Titelstück ihres neuen Albums beschreibt sie die Stadt als unwirtlichen Ort. Mit dem Stück Alles renkt sich wieder ein stellt sie klar, dass die Flucht in die Natur keine Alternative ist. Alles renkt sich wieder ein ist ein Volksmusik-Schlager mit apokalyptischem Text. Die Trachtenkapelle Dürnstein hat Schwierigkeiten, das Arrangement von Christoph Seliger zu spielen. Leicht schräge Klänge unterstreichen die Todessehnsucht: »Ich will die Kinder schreien hören / Die Mütter einsam fleh’n am Grab / Und keine Vögel soll’n mehr singen / Nur unsere Melodie erklingen.« Die heile, harmonische Welt der Volksmusik wird mit einer Zerstörungswut kurzgeschlossen, die durchaus in der Welt der Trachten und Blaskapellen beheimatet ist. »Zumindest in Österreich sind Trachten und Musikvereine erzkonservativ, meist bräunlich eingefärbt«, sagt Gustav.

Viele Stücke leben von solch einer konzeptuellen Herangehensweise. Erstaunlich ist, dass sie trotzdem als hübscher Pop funktionieren. Die Melodien bleiben nach dem ersten Hören hängen. Eva Jantschitsch hat eine klare, unprätentiöse Gesangsstimme. Und die Elektronik umgarnt das Ohr, ohne sich in den Vordergrund zu drängeln.

Gustav klingt auf Verlass die Stadt trauriger als bei Rettet die Wale. Das Debüt war noch kämpferisch, in We Shall Overcome hieß es: »Deep in my heart, I do believe / That we can defeat / This mess that we bought so far«. Die neuen Lieder thematisieren die eigene Verstricktheit ins Elend: »Jetzt ist also dein Körper / Dein Körper die Fabrik / Reproduzierst du was begehrt wird / Oder wieder nur dich? / Dient dir der Dampf als Antriebskraft / Oder ist es gar Leidenschaft?« heißt es in Soldat_in oder Veteran. Dazu stampft ein Elektro-Rhythmus, der nah am Marsch gebaut ist.

Total Quality Woman lässt die flexibilisierte, moderne Frau auftreten. Und obwohl sie alle modernen Eigenschaften besitzt – »She’s the culturally engineered / Downsized, outsourced, teleworked / Just-in-time, take-out, just-in-time / Down-right-tired…now« – ist sie noch so unfrei, so gefangen im Geschlechterklischee, wie die Hausfrau vor 50 Jahren. »Push her womb and she will hum / ›How kind of you to let me come‹ / She is flexible and caring / Sympathetic and observing / Add an intercessory device / For a rockbottom price.« Musikalisch unterstreicht die Verbindung beschwingter Streicher mit gebrochenen Rhythmen und Störgeräuschen die Wirkmächtigkeit von Geschlechterrollen.

Dass Gustav das Protestlied gerettet habe, ist ein Missverständnis. Schuld daran ist vor allem das Stück Rettet die Wale. Dabei sind Zeilen wie »Rettet die Wale / Und stürzt das System / Und trennt euren Müll / Denn viel Mist ist nicht schön« und »Lasst den Kindern ihre Meinung / Oder treibt sie früher ab« eher ein Abgesang auf die wohlmeinenden Aufforderungen der Liedermacher. Verlass die Stadt paart Resignation mit bösem Humor. Gustavs Lieder sind politisch, Protestlieder sind es nicht.

Am Ende der Platte singt sie ein Ständchen, dass einem die Lust auf Geburtstage vergällt. »Heute also ein Jahr älter / Lacht nicht, ihr alle werdet sterben!« trägt sie zu einem traurig schunkelnden Keyboard-Rhythmus vor. Trotzig fordert sie: »Ich will Friede / Und Freude / Und verdammt noch mal / Den Eierkuchen / Und die Freunde / Die friends / Möchte ich mir gefälligst selbst aussuchen / Doch und das sei stets vermerkt / Das Leben ist kein Wunschkonzert.« Und damit alle wissen, woran sie sind, zählt Gustav ganz am Ende auf, für wen das Leben kein Wunschkonzert sei: »Nicht für Peter, nicht für Boris, nicht für Ahmet, nicht für Thod, nicht für Svenska oder Rita, nicht für Rosi vormals Bob …«

Lesen Sie hier ein Porträt der Künstlerin von Nadja Geer

„Verlass die Stadt“ von Gustav ist auf CD und LP bei Chicks On Speed Records erschienen.

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