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Frostschock, dieses Grinsen!

 
„Electrolore“ ist das neue Wort für spontanes Gruseln. Auf seinem Album zeigt Alexander Marcus dem großen Publikum, wie grauenvoll und faszinierend die Welt des Schlagers ist.
Alexander Marcus Electrolore

Ein Grinsen geht um in Deutschland. Es prangt auf T-Shirts und flirrt durchs Internet. Dieses Grinsen gehört Alexander Marcus, dem neuen Star der Youtube-Generation. Wo immer er auftaucht – das Grinsen ist schon da. Das liegt auch an seiner Musik. Alexander Marcus macht Electrolore, eine selbst erdachte Mischung aus Folklore und elektronischer Musik. Wobei sich Folklore in seinem Referenzsystem auf Rex Gildo, Howard Carpendale und Jürgen Drews stützt. Seinen butterweichen Gesang unterlegt Marcus mit flotter House-Musik. Denn damit kennt er sich aus: In einem früheren Leben hieß er Felix Rennefeld und dümpelte als House-Produzent erfolglos vor sich hin. Dann erfand Rennefeld die Figur Alexander Marcus. Typ: schmieriger Heiratsschwindler in weißen Lederslippern.

Zu seinen Liedern drehte Alexander Marcus eine Handvoll bizarrer Musikvideos, die bald sehr viele Menschen kannten. Darin hüpft er über Blumenwiesen, tollt mit Kindern herum oder planscht in einem Baggersee. Und grinst. In einem eigenartigen Akt der Selbstaufgabe hat sich Rennefeld in Alexander Marcus verwandelt und hat nun endlich Erfolg. Das ist wenig überraschend: Gewisse Schlagerklänge geistern ja schon seit geraumer Zeit durch die deutschsprachige elektronische Musik. So weit wie Alexander Marcus hat sich jedoch noch niemand vorgewagt.

Um sein Album Electrolore ertragen zu können, braucht man starke Nerven. Das liegt nicht an dem kitschigen Kirmes-House, dem ekelhaften Gigologehabe und dem Hossassa-Vokabular, das er auf zwölf Stücken konsequent durchexerziert. All diese Elemente dienen ihm nur als Schablone, seine Kunstfigur Alexander Marcus bis ins Kleinste zu inszenieren. Was dem Hörer wirklich Geduld abverlangt, ist die gnadenlose Humorlosigkeit, mit der sich Alexander Marcus präsentiert.

Man gewinnt den Eindruck, dass es dem Produzenten Rennefeld gleich sei, wer sich Alexander Marcus aneignet. Ob Ballermann, FDP-Parteitag oder angesagter Technoclub – ihm ist alles recht. Er ist kein Satiriker, der uns die Abgründe der Schlagerwelt vor Augen führen will. Ironische Brechungen sucht man vergeblich. Electrolore ist wirklich vollkommen unkomisch. Und es knallt noch nicht einmal richtig. Das Album folgt einer flachen Hierarchie, nichts drängt in den Vordergrund, alles bleibt an der Oberfläche. Während sich die Schlagerprofis noch um heimelige Nestwärme bemühen, regiert auf Electrolore eine unheimliche Seelenlosigkeit. Nicht einmal hysterische Partystimmung will aufkommen angesichts der kalkulierten Nachlässigkeit, mit der die Stücke produziert sind. Es klingt, als habe sich Alexander Marcus so wenig Mühe gegeben wie möglich.

In seinen Liedern bewegt sich Alexander Marcus wie eine schockgefrostete Schaufensterpuppe durch eine erstarrte Welt. Die blumigen Bilder, die er mit klebriger Stimme besingt, gehören in der Volksmusik zum Standardvokabular. Es bedarf aber erst der Gegenüberstellung mit der emotionslosen Musik, um ihre ganze Leblosigkeit deutlich zu machen. Vor der zweckentfremdeten Schunkelmusik verflacht jedes Wort. Sie sind nur noch als funktionale Worthülsen vorhanden, deren Endungen sich reimen. Es ist kein dumpfer Nationalismus, der Alexander Marcus Textzeilen wie »Schwarzrotgold / Das sind unsere Farben / Der Wagen rollt« singen lässt. Trotzdem fühlt es sich nicht gut an, sie zu hören.

Dieser Kontrast macht Electrolore aber auch zu einem Faszinosum. Denn natürlich funktioniert das Konzept Alexander Marcus über das spontane Gruselgefühl, das einen befällt, wenn man Guten Morgen oder Ciao Ciao Bella hört. Ebendiese Faszination beschleicht einen, wenn man Florian Silbereisen zusieht. Irgendwann wird man von der leblosen Glückseligkeit schlichtweg überwältigt. Wie bei Schreckensbildern muss man immer wieder hinsehen, um sich zu vergewissern: Das ist echt. Ob es Alexander Marcus mit seinem geisterhaften Schlagerkarussell wirklich ernst meint, ist dabei völlig unerheblich.

Eines der einfältigsten Geschmacksurteile aller Zeiten lautet: »Das ist so schlecht, dass es schon wieder gut ist«. Electrolore macht die Unterscheidung zwischen gut und schlecht überflüssig. Ein gutes Album ist es deswegen aber noch lange nicht.

„Electrolore“ von Alexander Marcus ist auf CD bei Kontor/Edel erschienen.

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12 Kommentare

  1.   lumpinho

    noch ein einfältiges urteil:

    wenn man keine ahnung hat, einfach mal die fresse halten.

    herrlich, wie sie die musik sezieren ohne das gesamtergebnis darzustellen. wie bei alexander markus trash und kitsch zusammenknallen erkennen sie mit einer derartigen lustlosigkeit, dass man sich fragt was sie gefrühstückt haben. als dann aber auch noch bedenken über unsere „schwarz-rot-goldene“ flagge zum vorschein kamen, waren meine bedenken ausgeräumt und weichten einer bemitleidenen erkenntnis.

    das sie diese karikatur eines schlagersängers unlustig finden ist das eine. das sie aber ihre bissigkeit dieser kunstfigur verkennen ist lächerlich. schlagerphrasen auf minimierten rumsbeats muss man nicht komisch finden. aber die verbindung mit dieser figur, samt spritzbesteck und taschenvagina im video müssten doch zumindest erwähnung finden.

    vielmehr bekommt man den eindruck sie hätten all das gar nicht verstanden… vergleich mit silbereisen? mit micki krause hätte ich ja noch nachvollziehen können, aber das?

    ironische brechungen nicht vorhanden? muss ihnen diese mit dem zaunpfahl vors gesicht klatschen? humor erlangt das alles eben durch das nicht gesagte, durch das implizierte. wenn der refrain „schwarz-rot-gold“ deutschlands-wm-euphorie mit einem heinozitat verbindet und all das mit einer so kindlichen naivität, ist das zumindest für manche humorvoll.

    ein wirklich ärgerlicher text den sie da fabriziert haben. zum glück habe ich das album um mich wieder zu erheitern.

    schöne grüße in den keller.

  2.   llebanna

    Sehr geehrter Herr Mathias Schönebäumer,

    Achtung, Achtung, Achtung!
    Diese Musik ist nicht dafür gemacht worden, dass Sie ein Journalist geistig aufdröselt. Adorno hätte Sie dafür gegeiselt, dass sie ihren Gehirnschmalz dafür aufwenden!

    Mit freundlichen Grüßen, Llebanna.

  3.   Matthias Schönebäumer

    @lumpinho: Schön, dass Ihnen das Album so viel Spass macht! Ihre Grüsse kann ich leider nicht persönlich entgegen nehmen, da ich nicht im Keller sitze…die Kollegen werden sie aber luftdicht für mich aufbewahren.

    @llebanna: Von Adorno als Geisel genommen zu werden, käme einer Ehre gleich. Meine Vorschläge für die Leitung des Befreiungskommando: Alexander Kluge.

    Beste Grüsse.

  4.   ImmanuelCunt

    aufdröselt?

  5.   lumpinho

    nun ist aber eben besagter herr schönebäumer kein reiner journalist, weswegen meine empörung auch nach einem vergangenen tag nicht weichen will.

    wo in dieser rubrik geschmalzt wird ist dann wohl auch tagesformabhängig. offensichtlichen ironiepöbeleien ala k.i.z. wird beifall geklatscht. wobei mir in diesem falle schönebäumers destruktive suche nach dem heuhalm im nadelhaufen fast noch lieber gewesen wäre.

    zumal ich zugeben muss, ihr blog hat so einen gewaltigen eindruck auf mich hinterlassen, dass in meinem umfeld große diskussionen starteten. 2 große themenkomplexe bildeten sich bei der amüsanten unterhaltung heraus.

    1) aus welchem grund muss es dem künstler wichtig sein welches publikum er bedient? grade in diesem speziellen fall ist ihre empörung äußerst an der sache vorbei.

    2) wieso sie so darauf bestehen keinen humor, was ja nun wirklich geschmackssache ist und deswegen im auge des betrachters liegt und ihn wie mir verziehen sein soll, vielmehr keine ironische brechung bei alexander marcus zu finden.

    3) wo legen sie sonst noch solch ästhetische messlatten an?

    herr schönebäumer, ich schließe mich meiner vorrednerin an. jedoch möchte ich sie weitaus mehr kritisieren. blogkultur hin oder her. ihre kompetenz – geschenkt. aber bitte, keiner mag den strengen, bierernsten kulturkritiker der von oben herab auf die auswüchse der deuschen spaßlandschaft schießt. das finden vielleicht manche eloquent und gebildet, andere aber auch hochnäsig und einfältig.

    in diesem sinne,

    ich habe sie im auge.

  6.   Shodushi

    Ich muss es so ausdrücken: ich habe viel mitleid mit menschen, die ihn nicht gut finden und nach weltbewegenden antwirten suchen. sie haben PUR – indianerland (oder so…) im regal stehen und das bedeutet viel…

  7.   Dr. Schreck

    Schön, Lumpinho, wie Sie sich mit Ihren dauernden Drohfloskeln („Ich habe Sie im Auge“; „einfach mal die Fresse halten“) selbst als völlig humorlos und bierernst entlarven. Dass Ihnen dabei Alexander Marcus gefällt, wundert mich nicht. Schnuffel, der Handyhase, dürfte sich da auch als „ironisch“ in Ihrem CD-Regal finden, gell.
    Ich persönlich könnte mich über Alexander Marcus stundenlang beömmeln und stimme daher mit dem Bierernst des hier kommentierten Artikels auch nicht überein, wohl aber mit dem Urteil, dass Herrn Marcus‘ Lieder jedes Humors und jeder Lebendigkeit entbehren, und selbst die witzigen Momente in seinen Videos irgendwie bierernst wirken (hier entdecke ich durchaus echten Bierernst).
    Ich selbst habe viel Freude an Trash, Kitsch, Schund, Scheißdreck in der Popkultur, aber bei Alexander Marcus lache ich nicht über seine Kunst, sondern über ihn. Nichts in seiner Inszenierung deutet allerdings darauf hin, dass er selbst diese Ironie beabsichtigt. Was brillant sein mag, oder aber ziemlich unreflektiert, egal.

    Sie hingegen, Lumpinho, sind nicht so kühl inszeniert, haben vielleicht sogar eine Form von Humor, aber in Ihrem Angriffsverhalten zeigt sich derselbe Bierernst, den Sie Herrn Schönebäumer unterstellen. Ach ja, Bierernst zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass man ihn selbst nicht wahrnimmt. Und hätten Sie nicht so ein Drohvokabular drauf, würde ich Sie neben Alexander Marcus stellen und dauergrinsen.

    Beste Grüße, Dr. Schreck

  8.   lumpinho

    herr doktor schreck,

    nun, wir können vorerst nicht wissen welche absicht alexander marcus mit seiner kunst bezwecken will, immerhin versucht er vordergründig, also extrem laienhaft und damit offensichtlich gewollt, seine person zu kaschieren. was übrigens immer damit einhergeht, dass journalisten voneinander abschreiben das er der „untalentierte technoproduzent xy“ sei, was, einmal angemerkt, auffällt und auch an der sache mit gut und gerne 200 sachen vorbeischrammt.

    nun weiß ich nicht was der von ihnen ins spiel gebrachte hoppelhase mit alexander marcus gemein haben, dennoch bleibe ich bei meinem standpunkt, dass dieses album nichts anderes sein kann als ironisch. wenn schon guildo horn in diesem lande als ironischer schlagersänger durch deutschlands dorfsäle tickeln durfte, was ist dann bitte dieser künstler der das ganze noch mehr ad absurdum führt? ist denn sein dauergrinsen, seine figur, seine promo, seine texte, seine dürftigen beats, ist denn all das nicht so offensichtlich unernst gemeint?

    ebenso wie meine „drohfloskeln“. nun. wer die freiheit des bloggens ausnutzt um in einer so hochnäsigen art und weise übers leder zu ziehen, der sollte doch mit einer gewissen bissigen kritik (a la kindliches „spiegel!“) umzugehen wissen. eben das rechne ich auch herrn schönebäumer zu. bei aller kritik lasse ich es ja nicht am gebührenden respekt vermissen, ich bitte dies bei zweifel nachzuprüfen. was das „im auge haben“ angeht, so sind wir doch wieder beim punkt ironie angekommen. bierernst kann man alles lesen, denn ironie benötigt auch das entgegenkommende auge des rezipienten.

    daran ließ es eben auch herr schönebäumer vermissen. seine antwort liest sich im übrigen wieder wie sein besagter blog. und damit wieder zu llebana: ihnen scheint das triviale nicht gut zu gesicht zu stehen. und darin steckt doch auch mehr anerkennung als kritik, oder vielleicht auch nicht?

    in diesem sinne

  9.   Sten

    MS hat den –wie ich finde– bislang besten Text zu diesem ‚Phänomen‘ geschrieben. Das zum Konzept erhobene Schwer-zu-fassende an Marcus‘ Image wird besonders gut herausgestellt und entlarvt. Guter Musikjournalismus!

  10.   hasenpups

    Lieber Autor,
    die Welt braucht ihre Kritiken nicht.

    MFG hasenpups