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Disco in Elysium

 
In Kelley Polars Paradies winden sich Opernchöre, schmierige Synthesizer und Tanzrhythmen vor Verzückung. Auf seinem zweiten Album »I Need You To Hold On While The Sky Is Falling« gluckern die Elektronika wie Hühner auf der Stange.
Kelley Polar I Need You

Kelley Polar widerlegt die Glaubenssätze aller Disco-Geweihten. Er ist nicht der schillernde, vom Nachtleben gezeichnete Typ, den alle umschwärmen. In seinen Bühnenshows sieht er aus wie eine Mischung aus tapsigem Elvis-Imitator und polnischem Zahnarzt, die Begleitmusiker scheinen einem antiken Drama entsprungen zu sein. Er hat so gar nichts von der ätherisch schwülen Aura eines Anthony oder eines Patrick Wolf.

Und doch macht Kelley Polar Disco-Musik, genauer gesagt komponiert er sie – noch ein Widerspruch. Er bemüht klassische Arrangements, Streicherkaskaden und seine Opernstimme in höchsten Lagen, die Melodien streben himmelwärts. Kaum zu glauben, dass dieses Disco-Jubilato seine prägenden Einflüsse aus der kühl konstruierten Musik von Kraftwerk und Thomas Dolby bezogen haben soll.

»There’s a special sensation« haucht und haspelt es im ersten Stück in euphorischer Wiederholung aus dem Vocoder, begleitet vom Klagen einer Nymphe tänzeln die kickenden Beats. Klangwälle aus dem Keyboard malen Walhalla in den Farben Giorgio Moroders an, Märchenkulissen tun sich auf, wie schon auf Polars erstem Album Love Songs Of The Hanging Gardens aus dem Jahr 2005. Sein zweites Album trägt den nicht minder vieldeutigen Titel I Need You To Hold On While The Sky Is Falling.

In zuckrigem Kontratenor schmachtet er vom Elysium zwischen Satelliten, Chrysanthemen, dem expandierenden Universum und der im Video ironisch durch eine US-Flagge symbolisierten himmlischen Stadt. Um ihn herum scharwenzeln Sirenen mit elektronisch auftransvestierten Stimmbändern, Engel und Schlampen zugleich. Ihr »Huuhuu-haahahahaa« führt ein leichtsinniges »Schubidu« im Unterton und weist zu funkigen Bässen den Weg ins irdische Paradies, in die Disco. Die alten Synthesizer gluckern wie Hühner auf der Stange, die kunstvollen Gesänge würden wohl selbst beim Leipziger A-capella-Festival ausgezeichnet – und am Ende klingt alles, als müsse es so sein.

Verständlich, nach einem Blick in Kelley Polars Vergangenheit. Als Sohn US-amerikanischer Diplomaten kam er in Dubrovnik als Michael Kelley zur Welt. Er wuchs mit der Musik Dvořáks und Schuberts auf, die Mutter förderte sein Violinspiel. In New York studierte er an der Julliard School. Dort traf er den Elektronikmusiker und Labelbetreiber Morgan Geist wieder, den er schon am College in Ohio kennenlernte, und steuerte die Streicherpassagen zu seinem Projekt Metro Area bei. Erst als das akademische Leben und die Liebe zu Disco- und Popmusik nicht mehr zusammenpassen wollten, begann Kelley Polar, den Kulturschock in Kompositionen zu verarbeiten.

Das Meer in dem Stück Sea Of Sine Waves gerät nicht unerwartet in Turbulenzen. Aus den berechenbaren Sinustonwellen sprüht die archaische Gischt von Götterchören, Götter der alten Welten und Götter der modernen Tanztempel, die sich hier jauchzend einen Atem, einen zierlichen Dreiklang teilen und sich verzückt auf den Schaumkronen des elektronischen Pop winden. Bei allem kulturellen Donnerhall klingt Kelley Polars Musik nach persönlich Erlebtem. Es kommt aus viel weiteren Räumen als dem kleinen glitzernden Viereck, auf dem seine Disco-Märchen rhythmisch aufschlagen.

»I Need You To Hold On While The Sky Is Falling« von Kelley Polar ist auf CD bei Environ/Alive erschienen.

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