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Karierte Stolpermusik

 
Franz Ferdinand waren so begeistert von der Gruppe Kamerakino, dass sie sie mit auf Tour nahmen. Nun besingt die postkommunistische Wanderkapelle ihre Heimatstadt: »Munich Me Mata«.
Kamerakino Munich Me Mata

Es gibt Alben, die bringen den Kopf zum Platzen. Das neue Werk der Münchner Gruppe Kamerakino sollte man sparsam dosieren. Zweimal am Tag kann man es hören, jedes weitere Mal ebnet den Weg in die Irrenanstalt. Der Autor bleibt im Duden auf der Seite mit dem Buchstaben K hängen – fassungslos. »Oh meine Hände!« krakeelt Sänger Pico B. mit kehliger Renitenz, es ist der Beginn einer lyrischen Achterbahnfahrt.

Grenzdebiler Kretinismus* entpuppt sich als assoziativer Tiefenrausch. Doppelbödige Tiefstapelei gen Erdmittelpunkt nennen es die einen, die anderen verwenden ein Wort aus der Babysprache und sagen dann Dada dadazu. »Geile Finger« voraus – Sindelfinger und Krähwinkler* können gemächlich strawanzen – München rennt!

Anhalten und loslaufen – nach einer Weile kommt man ins Stolpern. Macht man es mit Instrumenten, kommt Stolpermusik heraus. Aber Pico hat hierfür schon die besseren Worte:

»Wenn ich meine eigenartige Lampe begrüß, dann tu ich das ohne Zwaaaang« – ja, lieber Pico. Gut, dass wir mal darüber gesprochen haben. Denn es lohnt sich. »Today I’m not available, you can call me later. Heute hab ich keinen Empfang, bin außerhalb der Zone, aber morgen ist ein Großempfang – im Haus des Bürgermeisters!«

Die Geige täuscht Frieden vor. Kamerakinos Tarnung ist die einer postkommunistischen Wanderkapelle. Doch für Brecht-Abende taugen sie nicht. Ihr Gestus ist zu kariert. Oder wie es in der Presseinfo heißt: »Die Indie-Popband Franz Ferdinand aus Glasgow, Superstars der Stunde, kürte Kamerakino zu ihrer Lieblingsband und nahm sie mit auf Tournee. So kam es, dass Kamerakino in der Wiener Arena vor 15.000 Zuhörern spielte. Gerade bei diesen Großveranstaltungen übte Kamerakino mit einer nihilistischen Punk-Attitüde eine äußerst polarisierende Wirkung aus.« Agitation ins Nichts. Krambambuli* für Krallenfrösche. Und solche finden sich kaum auf Konzerten von Franz Ferdinand.

Vier bis sieben begnadete Musiker haben sich dieser musikalischen Krankensalbung verschrieben. Der Patient heißt Verstand. Er wird lebendig zu Grabe getragen, nach zehn Minuten wieder hervorgeholt. Chefarzt Pico B. erinnert an Adriano Celentano, wenn er gebeugten Hauptes dem Patienten auf die Schulter klopft und sagt: »War doch nicht so schlimm?«

*Kretinismus = mit körperlicher Missgestaltung verbundener hochgradiger Schwachsinn
*Krähwinkler = spießbürgerlicher Mensch aus der Provinz
*Krambambuli = Danziger Wacholderschnaps

»Munich Me Mata« von Kamerakino ist als CD und LP bei New!Records erschienen.

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1 Kommentar

  1.   Rotes Studio

    „Mäh Bolschoi Do swatt paal Millebrunz.“

    Das zum Thema „postkommunistische Wandergabelle“

    Und wenn „Franz Ferdinand“ was toll findet, ja dann ist es „wohltoll“, oder was? (Im Sinne von Prost Mahlzeit oder auch zum Wohl! (e) gegebenenfalls auch des Volkes)
    Dank einer eventuellen sozialistischen Götterdämmerung des Autors.

    Diese postdebile pseudointellektuelle Therapiegruppe „genialer Musiker“ ist so „wotzig dos och on do Kollor“ zum Lachen gehen muss. Genau wie bei Kurt Beck, dem Vater von Franz Ferdinand aus der Pfalz.