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Aus U und E wird Ü

 

Seit einigen Jahren lässt die Deutsche Grammophon ihre Klassik auf Pop trimmen. Die Technoproduzenten Carl Craig und Moritz von Oswald nahmen sich nun Ravel und Mussorgsky zur Brust

Begegnen sich Klassik und elektronische Clubmusik, reagieren Puristen meist skeptisch. Dabei besteht – anders als in der Rockmusik, in der das Orchester vor allem Schmuck ist – hier noch eine ästhetische Übereinkunft. Beide Stilrichtungen sind gleichermaßen an Klangforschung und an Texturen interessiert, die mit Hörgewohnheiten brechen. Beiden wohnt das Eigenbrötlerische inne und die ewige Last, sich nur dem Fachpublikum wirklich zu öffnen. Trotz gegenseitigen Respekts und dieser Gemeinsamkeiten gehen Klassik und Clubmusik sich lieber aus dem Weg. Umso erfreulicher ist es, wenn jemand den Graben überwindet.

Die Serie Recomposed der Deutschen Grammophon basiert auf der Idee des Brückenschlags. Die Reihe soll Klassik clubtauglich machen. Angesagte Pop-Produzenten dürfen sich Stücke aus dem Katalog des Klassiklabels aussuchen und sie neu mischen. So bearbeitete bereits der Hamburger Produzent Matthias Arfmann Aufnahmen der Berliner Philharmoniker, und der finnische Techno-Kabarettist Jimi Tenor tobte sich an Werken der Neuen Klassik aus.

Die dritte Ausgabe der Serie bestreiten nun die Technoproduzenten Carl Craig und Moritz von Oswald. Ein Coup der Deutschen Grammophon, zu Recht gelten sie als zwei der wichtigsten Protagonisten der elektronischen Tanzmusik. Mit seinen experimentellen Stücken zwischen Techno, Jazz und Soul prägte Carl Craig aus Detroit das Genre, Moritz von Oswald erfand im Berlin der frühen neunziger Jahre den Dub-Techno und veröffentlicht auf dem Label Rhythm & Sound minimale Bassmusik zwischen Roots-Reggae und Dub. Zusammen bearbeiten sie nun Maurice Ravels Bolero und seine Rhapsodie Espagnole, sowie Ausschnitte aus dem Zyklus Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgsky und reduzieren sie auf minimale Erkennungsmerkmale, kombiniert mit eigenen Klängen. Das Ergebnis ist ein in sich geschlossenes Musikstück in sechs Sätzen.

Oberflächlich betrachtet haben Vorlage und Neubearbeitung nicht viel gemein. Zu Beginn der Re-Komposition steht eine sanft gleitende Einleitung melancholischer Synthesizer-Akkorde. Erst nach vier Minuten schält sich der markante Rhythmus des Bolero heraus. Die Musiker lassen sich viel Zeit: Sparsam eingesetzte Elemente geraten erst nach und nach in Bewegung, einzelne Klänge treten hervor, etwa die Solotrompete aus Mussorgskys Bilder einer Ausstellung.

Das endlose Steigerungsprinzip der Kompostion Ravels betonen Carl Craig und Moritz von Oswald, indem sie mikroskopische Klangeinheiten immer wieder neu kombinieren. Erst mit dem Einsatz der Basstrommel verlässt der Bolero das klassische Terrain – er ist zu einem treibenden Technostück mutiert, dessen repetitive Klänge sich ineinander schrauben. Die Parallelen zwischen U- und E-Musik sind hörbar – nahezu unbemerkt haben die beiden Arrangeure die Clubmusik mit der abendländischen Klassik in Einklang gebracht.

Erst im fünften Satz sind die Originalaufnahmen der Berliner Philharmoniker zum ersten Mal deutlich zu hören. Dunkel und schwer arbeitet sich das Prélude A La Nuit der Rhapsodie vorwärts, Carl Craig und Moritz von Oswald setzen es mit Pausen und Hallschleifen effektvoll in Szene. Die Musiker schaffen einen faszinierenden Spannungsbogen, das geheimnisvolle Motiv dreht sich um sich selbst, und mündet schließlich in einen fiebrigen Dub-Techno.

Im letzten Satz kommt die Re-Komposition wieder zur Ruhe: Die Orchesterspuren kreisen wie hungrige Vögel über afrikanischer Perkussion. Das Experiment endet offen, Carl Craig und Moritz von Oswald improvisieren mit elektronischen Klängen und rhythmischen Effekten. Der Klang verhallender Trommeln beschließt die Platte, das ist schlüssig. Schließlich haben Trommeln noch jeden musikalischen Graben überwunden.

„Recomposed“ von Carl Craig & Moritz von Oswald ist bei Deutsche Grammophon/Universal erschienen.

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6 Kommentare

  1.   stefan

    sorry, aber eine firma wie der deutschen grammophon, die echte E komponisten wegen zitieren ihres uralten logos mit unterlassungsklagen kleinmacht und sich ansonsten eher sting anstatt der wirklichen KLASSIK widmet, hat die bewegung und den anspruch in musik schon 1960 verloren und nun wahrscheinlich eher das gebiet der K-musik für kommerz erreicht… und kann mit solchen lachhaften versuchen hier leider niemanden vom hocker hauen,,, will nichts gegen techno sagen, nein, tenor ist ein begnadeter musiker, hat sich aber leider schon vorher mit ähnlichem beschäftigt… craig ein urgestein elektroischer tanzmusik… aber alle leider schon lange vorher innovativ und erfinderisch… weit vor der klassikwelt der grammophon… … und um diese nun wieder einzubinden, sollte man sich mal damit beschäftigen, was die E-musik zwischen 1960 und 2008 gemacht hat… dann kann man darüber nachdenken, wie sich dies verbindet… diese reihe ist doch nur ein ganz mieser versuch der grammophon, geld abzugreifen… vergesst es, kauft die originale als botlegs oder auf dem flohmarkt!


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  3.   jens

    moin,

    nein ich glaube nicht, dass die deutsche grammophon damit geld abgreifen kann…jedenfalls nicht allzu viel…ich finde die Idee ganz gut und eine Pause von gefuehlten 10 Jahren zwischen den einzelnen Folgen klingt auch nicht maximalen Gewinn.

    worauf man hätte noch hinweisen können: Therre Thaemlitz grossartige Neubearbeitung dieses impressionistischen Faun-Stueckes! (sorry, bin grad zu faul nachzuschauen von wem es im Original ist)

  4.   stefan

    an jens… nee, mir gehts gar nicht darum, dass hier im artikel was fehlt… mir fehlt im allgemeinen immer die idee, vielleicht auch mal anzuerkennen, dass nun mal heutzutage ebenfalls klassische musik komponiert wird, welche selbst schon mit elementen von rock, house, acid jazz usw. spielt und trotzdem in die e-sparte fällt…. diese uralten schmonzetten noch immer als das höchste aller kompositionen zu feiern (im falle der gramomphon) an die man die jungen mal ranlässt, finde ich halt völlig überflüssig, aber für neuere sachen interessiert sich die grammophon nicht… gar nicht!!! stattdessen ist die aktuelle klassik eher ein nischenprodukt… subkultur vielleicht… und deshalb stört micht diese art, denn diese marktstrategie behauptet: „um klassik aktuell zu transformieren, bedarf es pop-musiker!“ anstatt einfach die aktuelle klassik anzubieten… und da gibt es sehr viel zu entdecken… aber seit den 60ern haben die grossen labels daran kaum interesse… da wird eine haswell/hecker auf warner classics plötzlich zum weltwunder… obwohl es in den 70ern viel häufiger solche platten auf majors gegeben hat, bei kleineren abnehmerkreisen und viel höheren produktionskosten… mich ärgert diese vorsichtigkeit…

  5.   Jeeves

    Wenn die Leser wissen würden (die Journalisten wissen es offensichtlich nicht) wie leicht sowas technisch zu bewerkstellen ist, Klassik —> Elektro, dann würden sie lauthals lachen über den Quatsch.

  6.   efjott

    @Jeeves: Une wenn man sich dann wirklich damit auseinandergesetzt hat, merkt man plötzlich dass zwischen dem Gedanken und dessen Umsetzung ein sehr großer Unterschied besteht. Auch deshalb schätze ich diese „recomposed“-Ausgabe.