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Zwischen gestern und morgen

 
Das Berliner Produzenten-Kollektiv Jazzanova huldigt alten Helden und schafft doch etwas Neues. Aus HipHop, Soul, Reggae und Jazz entsteht „Of All The Things“

Aktuelle Musik muss sich immer gegen die Töne der Vergangenheit verteidigen. Wie kann man der Tradition huldigen, ohne ein Imitat zu produzieren? Ständig erscheinen Platten, bei denen man sich fragt, weshalb man nicht einfach zum Original greift. Auch im Soul ist das so. Neben den Futuristen, die vor lauter Produktion die Lieder vergessen und den Erben des Schlafzimmersoul musizieren zahllose traditionsbewusste Soulmänner und -Frauen, die einem Stevie Wonder und Marvin Gaye wieder näher bringen.

Das sechsköpfige Kollektiv Jazzanova war bislang für die Verbindung von fortschrittlicher Produktion und Traditionsbewusstsein bekannt. Beim ersten Hören ihrer neuen Platte Of All The Things beschleicht einen das Gefühl, sie hätten sich nun ganz auf die Seite der Traditionalisten geschlagen. Waren ihre bisherigen Produktionen verschachtelte digitale Basteleien, haben sie nun zahlreiche echte Musiker in ihr neuerdings mit allerhand analoger Gerätschaft ausgestattetes Studio eingeladen. So klingt der Soul auf Of All The Things wie in den Sechzigern und Siebzigern.

Alles schon dagewesen also? Von wegen, Jazzanova gelingt es, etwas Neues zu schaffen, das den Geist des Originals atmet. Zum Einstieg grüßen lässig gehauene Congas, eine verhuschte Orgel und eine prägnante Gitarre. Phonte, der Sänger auf Look What You’re Doing To Me klingt wie Justin Timberlake und ein Isley-Bruder in einem. Hier geben sich Tradition und Moderne noch die Hand. Auf Let Me Show Ya dann wirbeln die Streicher, jubilieren die Bläser und singt der Chor der Engel als seien die Tage des symphonischen Soul nicht längst vergangen. Das Arrangement könnte von Curtis Mayfield sein, die Mischung aus ernsthafter Predigt und überkandideltem Himmelsversprechen ebenso. I Can See wiederum hat etwas von Northern Soul.

Jürgen von Knoblauch – einer der drei DJs bei Jazzanova – erzählt, dass jedes Stück auf Of All The Things eine Vorlage habe, ein Stück, aus dem etwas übernommen wurde, um daraus etwas Eigenes zu formen. Welches die Vorlagen sind, verrät er nicht. Manchmal ist es jedoch leicht zu erraten: Die Streicher des funkelnden Poplieds Lie stammen eindeutig aus Michelle von den Beatles.

Schwieriger ist etwa die Vorlage der elegischen Ballade Little Bird auszumachen. Dramatisch steigert sich das Stück bis zum Crescendo der Streicher. Rockin‘ You Eternally ist eine Coverversion – und der Komponist Leon Ware singt hier selbst. In den Händen von Jazzanova wird aus Rockin‘ You Eternally genau der deliriöse Schlafzimmer-Soul, den Leon Ware in den Siebzigern für Marvin Gayes Meisterwerk I Want You produzierte.

Und die Reise durch das Geschmacksuniversum Jazzanovas geht immer weiter: Hier ein butterweicher Abstecher in den HipHop, dann über beschwingten Jazz zum brasilianischen Pop. Das plüschige Dial A Cliche beschließt diese wunderbare Platte. Da hat man das Raten längst aufgegeben und genießt, wie Jazzanova den Vorbildern Tribut zollen und doch etwas Ebenbürtiges geschaffen haben.

„Of All The Things“ von Jazzanova ist auf CD und LP erschienen bei Verve/Universal.

Mehr von Jazzanova ist zu hören am Donnerstag, dem 06.11., um 22 Uhr beim Netzradio ByteFM an. Markus Schaper widmet der Band seine Sendung „60minutes“.

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3 Kommentare

  1.   Henning

    Die Platte gefällt mir ausnehmend gut. Vor allem die aktuelle Singleauskopplung „Let Me Show Ya“ ist einfach ein Gute-Laune-Lied.


  2. […] und -Frauen, die einem Stevie Wonder und Marvin Gaye wieder näher bringen. — Dieter Wiene – Zwischen gestern und morgen November 3rd, 2008 / 0 Comments / […]


  3. […] die Quellen. Die Plattenrezensionen sind unter dem Titel “Zeitblog” allesamt von der Zeit übernommen. Im Blogroll befindet sich allerdings kein Hinweis auf die […]