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Ping-Pong über die Weltmeere

 

In Paris traf der Trompeter Erik Truffaz einen Vokalakrobaten, in Mexiko einen Elektronikbastler, in Indien einen Tablaspieler und eine Sängerin. Daraus sind drei CDs entstanden

Mut hat er, der frankohelvetische Jazztrompeter Erik Truffaz: lässt sich mit HipHop-Bands wie Silent Majority ein, mit Rappern und DJs, traut sich an poppige Formate wie auf seinem letzten Album Arkhangelsk, verbaut Elemente aus Drum’n’Bass und Weltmusik. Fast eine halbe Million seiner Tonträger hat das schnieke Label Blue Note in den letzten zehn Jahren verkauft, für einen Jazzer eine ganze Menge.

Nun betritt Erik Truffaz gleich dreifach Neuland: Paris, Mexico und Benares heißen seine einzeln und im Dreierpack erhältlichen neuen Alben. Sie halten Begegnungen fest, die ihm am Rande seiner ausführlichen Konzertreisen widerfuhren. Als ergiebigste erweist sich die mit dem Tablaspieler Apurba Mukherjee und der Sängerin Indrana Mukherjee. Im Jahr 2007 war Truffaz mit dem Pianisten Malcolm Braff in Indien auf Tournee, sie teilten die Bühne mit lokalen Musikern. Dabei trafen sie die Mukherjees aus Kalkutta und beschlossen, zwei Monate bei ihnen zu bleiben. Truffaz erzählt von Kindern mit durchdringenden dunklen Augen, die bei den Proben kiebitzten, von köstlichen Speisen bei den Mukherjees, von nächtlichem Tigergebrüll. Von einem ganz in Weiß gekleideten Greis, der jeden Morgen sorgfältig das gemietete Klavier verstimmte. Und davon, wie die Musiker aus Indien und Europa im gemeinsamen Spiel ihre Unterschiede wahrnahmen.

All dies hört man in den knapp 50 Minuten von Benares: ein Klavier, das altindische Harmonien und die Phrasierung der Tablas aufnimmt, eine gemeinhin ruhige Trompete, die sich immer wieder von Indrana Mukherjees verzierungsreichem Gesang anstecken lässt, und den Perkussionisten Apurba Mukherjee, der in Indien wegen seiner Modernität und Aufgeschlossenheit geschätzt wird. Fünf Stücke entstanden im Dezember 2007 und Januar 2008, zwei davon wurden in Cully im Schweizer Kanton Waadt aufgenommen, einem Dorf am Genfer See mit einem eindrucksvollen Jazzfestival.

Mexico ist dagegen eine lässige Angelegenheit. Der Mexikaner Murcof, alias Fernando Corona, programmiert sparsam bewachsene Wüsteneien, durch die Truffaz‘ Trompete fegt wie ein heißer Wind, der Dornbüsche vor sich hertreibt. Truffaz entdeckte Murcofs Musik, als der Fahrer eines Tourlastwagens dessen Album spielte. Truffaz nahm daheim ein paar Töne dazu auf und begann ein Ping-Pong mit Kompositionen und Aufnahmen. Drei Stücke von zusammen knapp einer halben Stunde Länge sind entstanden.

Die Zusammenarbeit mit dem französischen Vokalakrobaten Sly Johnson war hingegen kein Zufall, die Aufnahmen für Paris entstanden in einem weniger improvisierten Prozess als die beiden anderen Alben. Es sind neun ausgefeilte Dialoge zwischen Trompete und Stimme. Johnson legt einen grandiosen Spagat zwischen Perkussion und Melodie hin, nicht umsonst wird er The Parisian Human Beatbox genannt. Seine an Bobby McFerrin erinnernde Kunst passt erstaunlich gut zu Truffaz‘ unaufgeregtem, gern gestopftem Spiel.

Erik Truffaz hat Miles Davis mal als den Picasso der Musik bezeichnet. Wer ist er dann selbst? Ein Mondrian, der seine Trompete schwarze Linien durch die sandfarbenen Klanggeometrien des Elektrobastlers Murcof legen lässt? Ein Magritte, der surrealistische Dialoge mit Sly Johnsons Beatgeboxe führt? Ein Gauguin oder Rousseau, der sich in den dschungeligen Landschaften von Indrani und Apurba Mukherjee verirrt? Jedenfalls ist er mehr als ein Kurator, der mit seinem Spiel die melodischen Gemälde anderer ausleuchtet – Truffaz spielt mit, gibt Stichworte, nimmt Hinweise auf und formt so den Klang seiner wechselnden Ensembles. Einen nachdenklichen, unaufgeregt avantgardistischen Klang.

„Rendez-Vous: Paris – Benares – Mexico“ von Eric Truffaz ist bei Blue Note/EMI erschienen.

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  1. […] Ping-Pong über die WeltmeereTruffaz nahm daheim ein paar Töne dazu auf und begann ein Ping-Pong mit Kompositionen und Aufnahmen. Drei Stücke von zusammen knapp einer halben Stunde Länge sind entstanden. Die Zusammenarbeit mit dem französischen Vokalakrobaten Sly … […]