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Weltenrettung für lau

 

Mikrofisch verschenken zwei Alben: Auf „Masters Of The Universe“ spielen sie selbst großspurige Minimalelektronik, auf „Monsters Of The Universe“ werden sie von ihren Freunden nachgesungen

Viel wird heute geredet über neue Möglichkeiten, Musik zu verbreiten. Um die Musik geht es dabei kaum, eher um die Frage des Geldflusses: Wie kommen Künstler, Plattenfirmen, Distributeure und all die anderen Beteiligten an ihren Lohn – in einer Zeit, in der das Produkt Musik sich angeblich schlecht verkauft, weil es unendlich und ohne Qualitätsverlust vervielfältigt werden kann und ohnehin an jeder Internetecke umsonst zu bekommen ist. Dass es jedoch längst nicht wertlos ist, beweisen die Umsätze großer Plattenfirmen und Internethöker.

Die Band Mikrofisch und ihr Label Komakino gehen einen dritten Weg: Sie verschenken die Musik. Seit einiger Zeit kann man Masters Of The Universe, das zweite Album der Band, von der Internetseite des Labels herunterladen – ganz ohne Kreditkarte oder schlechtes Gewissen. Dafür aber mit einer hübsch gestalteten Hülle zum Ausdrucken. Auf dem gleichen Weg kommt man nun an Monsters Of The Universe. Die Ähnlichkeit des Titels ist kein Zufall, denn hier sind Freunde der Band zu hören, die ihre Lieblingslieder von Mikrofisch neu einspielten.

Fühlen wir den geschenkten Gäulen auf den Zahn:

Auf Masters Of The Universe erklingt eine Art Minimal Elektronika. Ein Roland CR-68 – ein alter Schlagzeugcomputer, dessen vorprogrammmierte Rhythmen vielen Alleinunterhaltern die Abende versüßen – und diverse aus anderen Stücken geklaute Klänge pluckern die Takte. Darüber wabern analoge Synthesizer, Heimorgeln, Keyboards, alle schon ein bisschen angestaubt. Hier und da erklingen Bass, Gitarre und Glockenspiel. Mawe N. Klawe und Silvi Wersi bastelten in ihren Schlaf- und Wohnzimmern in München, Hamburg (dort lebt er) und London (dort lebt sie) dreizehn leichtfüßige Lieder, die den breiten Klängen Giorgio Moroders und der Italo-Disco die Ehre erweisen – am offensichtlichsten in dem quälend langsamen Rhythmus der Disco Fantasy. Die Klangzitate versehen sie mit irrsinnigen Melodien – schon für den an die guten Tage von The Cure erinnernden Ohrwurm Alien Monsters lohnt der Kauf, ähm, das Sichschenkenlassen des ganzen Albums.

Die Texte kennzeichnet ein feiner Humor, der meist aus trickreichen semantischen Verschiebungen entsteht. The Who proklamierten vor vierzig Jahren The Kids Are Alright, Mikrofisch verkehren das heute mit Hilfe eines Nuschelns ins Gegenteil: The Kids Are All Shite, singen sie, die sind doch alle scheiße, die Töne aus dem Radio, die Gesichter auf dem Monitor, „Coldplay, Keane and Kaiser Chiefs, Kasabian, Jets and Razorlight“. Mikrofisch zitieren und variieren: „I bet you look good on the dancefloor – but nowhere else.“ Die minimalistische Großspurigkeit der Musik steckt auch in den Texten. Viele ihrer schlechtgelaunten Zeilen könnten T-Shirts und Plakatwände zieren (und tun das auch): „The kids are all shite“, „Drum machines will save mankind“, „Sine wave oscillation will sweep the nation“, „Attack, decay, make me feel ok.“ Und überhaupt, wie kann man ein so minimalistisch eingespieltes Album Masters Of The Universe nennen?

Die auf Monsters Of The Universe zusammengetragenen Neuinterpretationen sind im Geiste der Originale eingespielt, aber meist mit ganz anderen Mitteln. Statt des Casiotone erklingen viele gezupfte Gitarren. Die Band Plaste und Elaste verwandelt den Tanzbodenbrecher Focus On It in einen schwingend geflöteten Blues und zerrt das Stück von den frühen Neunzigern in die Siebziger. Peer singt an der unverstärkten E-Gitarre Mikrofischs Hymne auf die eigene musikalische Sozialisation Let’s Kiss And Listen To Bis nach. „Dinosaur Jr, Afghan Whigs, Sonic Youth, always told the truth“, heißt es im Original, Peer mochte lieber deutsche Rockmusik: „Komm Küssen und zu Blumfeld vermissen / Tun wir so, als wäre Sechsundneunzig und tanzen zu Tocotronic.“ Nur manchmal wird es laut, Lattekohlertor etwa spielen eine flotten Elektropunk, und die holländische Band mit dem tollen Namen The USA verziert Alien Monsters mit recht ordentlichem Gitarrengedengel. Auch auf Monsters Of The Universe gibt es diese feinsinnigen Verschiebungen, die einen zum Schmunzeln bringen. The Green Apple Sea singen „Modulation is a state of mind, Drum machines will save mankind“ – und stimmen dazu einen schunkeligen Folk an, statt der Maschine klatscht der Mensch in die Hände.

Will ich das eigentlich haben, fragt man sich vor dem Kauf eines Albums. Und hier nun? Zwei Klicks, und 25 Stücke liegen auf der Festplatte. Ein paar Klicks mehr und der restliche Katalog des Labels Komakino liegt vollständig daneben – zwei Minialben von Eerie und vier Singles von Mawe N. Klawes Zweitband The Voltarenes. Da stellt sich doch eine ganz andere Frage: Will ich das eigentlich hören? Das muss jeder selbst herausfinden, und so lernt man im schieren Überfluss des Möglichen doch wieder zuzuhören. Und was nicht gefällt, kann guten Gewissens gelöscht werden, da sein einziger Wert in sich selbst liegt. Musik ist kein Produkt mehr, wie befreiend das ist.

Und Mikrofisch löscht man so schnell ohnehin nicht.

„Masters Of The Universe“ und „Monsters Of The Universe“ von Mikrofisch sind bei Komakino erschienen.

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3 Kommentare


  1. Danke für diesen herrlichen Beitrag. Selten so gute freie Musik serviert bekommen.


  2. […] musikalische Rettung der KW 1 wurde durch folgenden Blogeintrag der ZEIT eingeleitet. Mikrofish. Last.fm zeigte als Beschreibung beim ersten Abspielen: “Fed up with […]


  3. […] Mikrofisch (ebenfalls mit kostenlosem Album), jetzt alleine unterwegs, sahen in einer Nürnberger U-Bahn-Station ein Duo namens „Trike“, das ihre Lieder auf dem Keyboard spielte, während der weibliche Teil des Duos stepptanzte und der männliche in ein Megafon sang. Und weil „Trike“ gerade eh nix zu tun hatten, kamen sie mit auf Tournee. Und am Samstag nach Regensburg. Hier wusste aber kaum jemand von der Existenz der beiden Kanadier und weil sie eh schon seit Tagen auf der Straße musizierten, dachten sie, sie würden jetzt auch auf der Straße Werbung für ihr Konzert im „W1“ machen. Am besten am Bismarckplatz. Am besten an einem lauen Sommerabend. Und so spielten „Trike“ plötzlich inmitten einer Menschentraube ihre kleinen Hits. Bis hinter ihnen ein Streifenwagen stehenblieb. Merke: „Trike“ hatten keine Genehmigung, um hier einfach auf der Straße Musik zu machen. Doch die Polizisten ließen die Fenster ihres Streifenwagens runter, hörten kurz hin und… fuhren weiter. Gut, man muss sich an Regeln und Gesetze halten. Nur manchmal geht es halt nicht anders. Ehrlich. […]