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Sitzen Sie aufrecht!

 

Ian Hodgson hat sich eine Welt aus Kindheitserinnerungen und Okkultismus gebaut. Wild tanzen kann man zu den Klängen seiner Band nicht, doch zum Barfuß-Shuffle auf dem Flokati reicht es allemal.

Der Moon Wiring Club existiert bereits seit dem Jahr 1908 in dem Örtchen Clinkskell. Hier treffen Exzentriker und gelangweilte Aristokraten aufeinander und geben sich dem Elektronischen und Okkulten hin. Die Ziele der Zusammenkunften sind nicht bekannt.

Diesen fantastischen Gründungsmythos jedenfalls hat Ian Hodgson seiner Band Moon Wiring Club ersonnen. Deren zweites Album Shoes Off And Chairs Away erscheint nun.

Also, Schuhe aus, Stühle aus dem Weg: Zunächst hört man Schritte. Eine Frauenstimme fragt „Ready?“, ein Mann antwortet „Music!“. Zu abgewetzten Streichern erklingt die Ankündigung, die nächste Stunde transportiere den Hörer in die Vergangenheit. Das hatte der sich nach Betrachten der Montage auf der Hülle bereits gedacht. Auch der Albumtitel gemahnt an eine spießige Hausparty in den sechziger Jahren.

Und wirklich, in den Sechzigern liegen die Quellen dieser faszinierenden Musik. Sie versetzt einen zurück in die frühen Tage des Fernsehens, als vertrackte Elektronik Hörspiele und TV-Serien wie Doctor Who und The Prisoner begleitete. Die auf Shoes Off And Chairs Away zuhauf verwendeten Stimmenschnipsel stammen allesamt aus solchen Sendungen, die damals im BBC Radiophonic Workshop entstanden.

Mehr als einmal erinnert das Album an die Pioniere des schluffigen Downbeat, die Boards Of Canada. Wie deren Musik Bilder einer in der Erinnerung verwaschenen Kindheit hervorruft, versetzt auch der Moon Wiring Club den Hörer in die Vergangenheit zurück. Etwa in Strangers In The Music: Am Ende des Stücks weist eine freundliche Frauenstimme darauf hin, bei der folgenden Übung ja keine krumme Haltung anzunehmen. Dem ursprünglichen Kontext – wohl einer Anleitung zur Gymnastik – entrissen, bekommen die Worte eine ganz eigentümliche Wendung. Wer kennt solche Aufforderungen nicht aus der eigenen Kindheit? Hernach quaken dann rhythmusfrei die Frösche und wecken neue Assoziationen. Warum soll man nun aufrecht sitzen? Der Moon Wiring Club spart sich jede Auflösung, die heraufbeschworenen Erinnerungen sind vieldeutig, das Gefühl von Geborgenheit und Unschuld vermitteln sie selten.

Auch andere Bands bastelten schon mit den Klängen der BBC, etwa Künstler des Labels Ghost Box. Sie kamen ohne Beats aus und stellten das Unheimliche, das Seltsame dieser Musik in den Vordergrund. Anders der Moon Wiring Club, dessen Lieder sind so poppig, dass man die im Albumtitel versteckte Aufforderung zu Tanzen gerne annimmt. Wild tanzen kann man zu diesen Klängen wohl kaum, doch zum Barfuß-Shuffle auf dem Flokati reicht es allemal.

„Shoes Off And Chairs Away“ von Moon Wiring Club ist auf Doppel-CD bei Gecophonic erschienen und über Ian Hodgsons Website erhältlich.

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