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Das letzte Lied

 

Schnell kann das Leben vorbei sein. Und was dann? Welche Musik soll beim letzten Geleit erklingen? 13 DJs haben vorgesorgt und auf „Final Song #1“ ihren letzten Willen verfügt

DJ wird man nicht, weil man gerne Musik hört. DJs möchten Musik mit anderen teilen, die Beschallung des Planeten mitbestimmen. Doch schnell kann die Party vorbei sein: Ein falscher Fußtritt, eine schlecht isolierte Lampe, ein Fön in der Badewanne, ein Flugzeugabsturz oder ein mordlüstiges Groupie – schon hat man seinen letzten Auftritt, leblos aufgebart in einer Friedhofskapelle.

Welch ein Horrorszenario: Freunde, Verwandte und Fans versammeln sich, und der Bestatter schickt ein schepperndes Time To Say Goodbye von Andrea Bocelli durch die Boxen. Abgespielt von einer lieblos beschrifteten Selbstgebrannten, Trauer 1-13 steht darauf.

Ein letztes Mal möchte der DJ ins Geschehen eingreifen und Geschmack beweisen, bevor er sich auf ewig von dannen macht – aber er kann nicht! Seine Seele muss von oben zuhören. Hätte er bloß Vorkehrungen getroffen.

Das Berliner Technolabel Get Physical hat nun für den Fall der Fälle vorgesorgt. Pech und Schwefel! 13 Discjockeys wurden gebeten, ihr allerletztes Lieblingslied auszuwählen, den Final Song, der zur eigenen Beerdigung laufen soll. Herausgekommen ist ein buntes Grabgesteck auf CD, kühn gemischt und teilweise arg narzisstisch. DJ Hell verfügt, Golden Brown von den Stranglers solle die Gäste seiner Abschiedparty beschwingen. DJ T wünscht klassisches Trauern und entscheidet sich für Erik Saties 1. Gymnopédie – melancholisch, nachdenklich klimpert das Klavier.

Richie Hawtin schenkt den Hinterbliebenen ein Technobrett. Zu Laurent Garniers Beisetzung schallen Pathos, Verstörung und Radiohead, während Francois K. Sternenstaub verteilt: Astral Traveling vom Saxofonisten Pharoah Sanders – dem Weltraum zugewandter Klang. Der Lebemann Ricardo Villalobos ließe es auch im Jenseits bedenkenlos krachen: Caramba, Yo Soy Dueno Del Baron klingt etwa so, wie es sich liest.

Zwei Fragen bleiben offen: Wieso will Chloé ihr eigenes Stück hören? Und warum sucht das DJ-Duo Coldcut gemeinsam ein Lied aus? Wollen sie gemeinsam sterben?

Doch stellen wir den Spaten kurz in die Ecke: Wer eine Mix-CD sucht, die nicht auf einem Beat vor sich hinsediert, sondern Brüche und Überraschungen parat hat, wird mit Final Song glücklich. Denn bei aller Fragwürdigkeit der Methode – das Ergebnis ist durchaus lebendig. Und wer hätte gedacht, dass man auf einer Beerdigung gute Musik entdecken kann?

„Final Song #1“ ist auf CD bei Get Physical Music/Rough Trade erschienen.

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Norman Palm: „Songs“ (Ratio Records 2008)
David Grubbs: „An Optimist Notes The Dusk“ (Drag City/Rough Trade 2008)

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4 Kommentare


  1. Sehr geehrte ZEIT-Redaktion, liebe HörerInnern, ich empfehle in dieser Situation, folgende Musik:

    1. MOZART – Requiem
    2. EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN – Der Tod ist ein Dandy
    3. PLACEBO – The Bitter End

  2.   Georg Rebhan

    Ich empfehle „love is blindness“ von U2 oder
    Suite Bergmanesque von Alexis Weissenberg

  3.   Bernd C.

    1. Beethoven #9 Symphonie 2. Satz
    2. „we’ll meet again“ Vera Lynn
    3. „Dark Side of the Moon“ Pink Floyd


  4. Es gibt wohl nichts Passenderes zum Event als “When I am laid in Earth” (oder “Dido’s Lament”) aus der Oper ” Dido And Aeneas” von Henri Purcell. Gesungen von Janet Baker. Einfach perfekt ! Meine Freunde kennen ihre Aufgabe – und ueber ProAc Boxen bitte ! Die koennen sie vom Wohnzimmer direkt in die Kirche schleppen, damit es auch so richtig kling ….
    Grusse aus Mailand, Marco