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Halt die Luft an!

 

„C’Est Com… Com… Compliqué“ ist erst das neunte Album der im Jahr 1970 gegründeten Krautrockband Faust. Ihr Einfluss auf die Gitarrenmusik auch heute noch immens

Faust – Kundalini Tremolos
 
Von dem Album: C’est Com… Com… Compliqué Bureau B (2009)
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Man fragt sich: Wann geht es endlich richtig los? Die Gitarre tremoliert ungeduldig, für eine Ewigkeit. Verwischte Stimmen, französisch? Der Hall von Holz und Ton, Gezischel der Perkussion, aber keine Spur eines erlösend eingängigen Saitengedresches, des ballernden Bumm-Tschaks, auf das der Anfangswirbel doch so offensichtlich hinarbeitete. Das neue Album der deutschen Krautrockband Faust dreht im Spieler, C’Est Com… Com… Compliqué heißt es. Ist es – kompliziert?

Zuerst einmal: Wann geht denn nun los? Kundalini Tremolos, das erste Stück, bringt die Erlösung nicht, auch nach neun Minuten nicht. Dann Accroché À Tes Lèvres, dann Ce Chemin Est Le Bon, dann Stimmen, es geht immer so weiter. Im großmäuligen Rockjargon wagen Faust behände Versprechungen – und scheren sich einen Teufel drum, sie einzulösen. Zeit ist hier kein interessantes Konzept. Zwölf Minuten, zwei, sieben, ist doch egal. Faust folgen einem Impuls so lange, wie der Atem eben reicht. Ein Stück fließt ins nächste, eine Geste in die andere, Ideen laufen ineinander zu bildhübschen Mustern. Könnte man, hielte man beim Hören die Luft an.

Und wann, ja, wann, geht es denn nun endlich los? Das fragt man sich bald nicht mehr. Weil man erkennt, das man schon mittendrin ist. Das Prinzip Faust kennt keinen Anfang und kein Ende, nur Spannung. Die neun Stücke des neuen Albums – Lieder mag man gar nicht sagen – klingen wie Momentaufnahmen. Mehr wie vertonte Eindrücke, denn vom üblichen Wunsch zu beeindrucken getrieben. Denn Faust sind bei allem Drang zum Experimentieren keine selbstgefälligen Mucker. Als bräuchte es den klanglichen Beweis schmiegt sich das schwatzhafte Mittelstück der Platte, Petits Sons Appétissants, tief in die Ohren. Ein Chanson? Nein, so eindeutig ist das nicht.

Überhaupt mangelt es an Eindeutigkeit in und um Faust. So ist wohl auch die ganze Geschichte der in Hamburg im Jahr 1970 entstandene Band zu begreifen. Die Superlative gehen einem nicht so leicht über die Lippen, trotz einer bald vierzigjährigen Bandgeschichte voller langer Schaffenspausen, trotz der erstaunlich geringen Zahl in dieser Zeit eingespielter Studioalben (nämlich neun) und trotz sensationell mangelhaft verkaufter Meisterwerke. Faust haben eben ein neues Album gemacht, es klingt so wenig nach etwas ganz Bestimmten, wie Faust schon immer klingen. Mit Tobias Levin – das Presseinfo raunt „Indie-Starproduzent“ und „Soundtüftler“ – haben die beiden verbliebenen Bandmitglieder Jean-Hervé Peron und Zappi Diermaier das Album aufgenommen, das ist schon ein bisschen her.

Und doch: Als reich an Einfluss gelten Faust ja noch immer vollkommen zurecht. Das Prinzip der endlosen Wiederholung kleiner instrumenteller Muster ist heute allgegenwärtig – man höre nur mal irgendeine beliebige aktuelle Indierockscheibe.

Am Ende versteht man auch den Titel des Album endlich richtig, C’Est Com… Com… Compliqué. Das ist kein Stottern, nicht Ausdruck dessen, dass die Musik unhörbar ist. Der Titel gibt vielmehr das Ringen um Worte der Beschreibung wieder, C’est comme…, das klingt wie… – und dann die Kapitulation: Ja, das zu beschreiben, ist schwierig. Aber Beschreiben mag man schließlich ohnehin nicht mehr, nach einer im dreizehnminütigen Titelstück ausklingenden Stunde fragt man sich vielmehr: Huch, schon vorbei?

„C’est Com… Com… Compliqué“ von Faust ist als CD und LP bei Bureau B/Indigo erschienen.

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3 Kommentare


  1. […] ZEIT ONLINE: Faust: “C’est Com… Com… Compliqué” (Bureau B/Indigo 2009) […]

  2.   E. Peter

    Das neue Album besteht aus Remixen von Material, das bereits 2006 eingespielt wurde: http://faust-pages.com/records/cestcomplique.html

  3.   Jan Kühnemund

    Lieber E. Peter,
    Ihr Hinweis ist natürlich durchaus korrekt. Ich habe diese Information aus zwei Gründen mutwillig unterschlagen. Einerseits leitet der Begriff „Remixe“ etwas in die Irre, denn hier haben ja nicht irgendwelche DJs dumpfe Bässe unter Originalmaterial gelegt. Andererseits sind zwar zahlreiche Melodieschnipsel und Klänge von „Disconnected“ auszumachen, klingt das neue Album in meinen Ohren aber vollkommen anders, wesentlich spielerischer, lockerer. Deshalb beließ ich es im Text bei der Bemerkung, die Aufnahmen seien „schon ein bisschen her“. Verstehen Sie diese Ungenauigkeit und verzeihen sie mir.
    Herzlichen Gruß, jk