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Frau Pfeffer horchte auf

 

Eine Reise in den indischen Bundesstaat Goa: Dort vermischten sich zur Kolonialzeit europäische, lateinamerikanische und indische Musiken zu einer schrägen Melange.

Cover
 
Konkani Songs – Music from Goa
 
Trikont (2009)
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Es war eine schlechte Zeit, Goa zu besuchen: Im September 2001 kam Sigrid Pfeffer erstmals hier an die Westküste Indiens, vor Saisonbeginn, draußen verplätscherten müde die Reste des Monsun. Die Tontechnikerin hing mit den wenigen westlichen Touristen an der Hotelbar herum, um das scharfe Curry vom Abendbrot herunterzuspülen. Das Barpersonal machte sich nicht die Mühe, den üblichen für Touristen-Ohren poppig getrimmten Bollywood-Pop aufzulegen. Sie ließen das Radio laufen, den regionalen Sender All India Radio aus Panjim, der Hauptstadt Goas.

Frau Pfeffer horchte auf, als das Radio eine schräge Melange plärrte aus Mariachi-Trompeten und afrokubanischen Buena-Vista-Rhythmen, italienischen Mandolinen und Anklängen an osteuropäische Folkmusik. Dazu Gesang auf Konkani, der Sprache des Bundesstaats Goa. Seit dem Jahr 1997 besuchte Pfeffer regelmäßig Indien, aber so etwas hatte sie noch nicht gehört.

Seit jenem September war Pfeffer noch häufiger dort unterwegs, traf Musikwissenschaftler, Radio-DJs und Veteranen der Konkani-Musik. Sie versuchte zu verstehen, wie die europäischen Einflüsse und die indischen Wurzeln sich verwoben. Eine ihrer Stationen war die Kala-Akademie in Panjim, wo westliche und hinduistische Musik gleichermaßen gelehrt werden. Sie lernte Shakuntala Bharne kennen, eine klassische indische Sängerin, Musikwissenschaftlerin und Moderatorin bei All India Radio.

Bharne brachte ihre deutsche Kollegin mit Musikern zusammen und mit Einheimischen, die ihr die Hintergründe dieser seltsamen Musik erhellen konnten. Sie wurzelt im 16. Jahrhundert: Portugal errichtete in Goa ein Kolonialreich und bekehrte die Bevölkerung unter Zwang zum Christentum. Die Missionare bogen Goanern neben katholischem Katechismus, Mathematik und Alphabet auch die westliche Harmonielehre bei. Jahrhundertelang prägten die Missionsschulen die musikalische Ausbildung der Goaner.

Die Portugiesen übersetzten ihre Kirchenlieder in die Landessprache und führten Instrumente wie die Geige ein. Molltonarten mischten sich in die einheimischen Skalen, zweistimmiger Gesang und die melancholischen Klänge der Kirchenmusik färbten auf die hinduistische Kultur ab. Später wurde Konkani verboten; wer die eigene Sprache und Kultur retten wollte, wanderte in andere Provinzen aus – und trug so zur Verbreitung von sowohl Konkani als auch dem neuen Musikstil bei.

Viele der Migranten aus Goa verdienten sich im britischen Indien oder auf Passagierschiffen ihr Geld als Musiker. Die ersten Stummfilme in der keimenden Kinometropole Bombay wurden von Orchestern untermalt, deren Musiker größtenteils aus Goa stammten. In den ersten indischen Jazzbands, die Gaststars wie Duke Ellington oder Dave Brubeck begleiteten, sprach man vor allem Konkani.

Als eine immer restriktivere Prohibition die Nachtclubs aussterben ließ, fanden die goanischen Musiker in den Studios von Bollywood Zuflucht. Dank ihrer Ausbildung konnten sie Arrangements für große Orchester schreiben und Dixieland-Splitter ebenso einfließen lassen wie ellingtonschen Swing, Fado und Mozart.

Unter dem Einfluss des Tiatr, einer goanischen Form des Musiktheaters, entstanden die ersten Konkani-Filme – zwar in Bombay gedreht, aber mit geringeren Budgets und anderer Sprache als die Bollywood-Streifen. Das Tiatr hatte der goanische Auswanderer Lucasinho Ribeiro im Jahr 1892 erfunden. Er war Bühnenarbeiter bei einer italienischen Operntruppe und erwarb nach deren Tournee durch Indien die Kostüme. Die Oper schrieb er zu einem Bühnenstück auf Konkani um und setzte Lieder zwischen die Akte – fertig war das Tiatr, das Theater à la Goa also, das unter den Christen der Provinz heute noch populär ist.

Die Tiatr-Stücke behandelten später Alltagsthemen, und die die Lieder namens Cantaras oder Cantaram wurden zu einem eigenen Genre der Popularmusik. Die englische Plattenfirma HMV veröffentlichte im Jahr 1927 die ersten Platten auf Konkani. Vor allem in der Diaspora und ihrer Musik hat die Sprache überlebt, die während der portugiesischen Kolonialzeit lange verpönt war. Heute ist sie in Goa wieder Amtssprache.

Sigrid Pfeffer hat nicht nur bei hr2 eine Sendung über Konkani gestaltet, in der Reihe Musik der Welt – dem einzigen Programm des Hessischen Rundfunks, das Inseln des Anspruchs im Meer von Mittelmaß zulässt. Sie hat nun auch für das Label Trikont eine Auswahl von 22 Konkani-Liedern zusammengestellt. “For the first time ever Konkani songs and music will be introduced to German music-lovers“, freuen sich darüber auch die Kollegen der indischen Wochenzeitung Goan Observer.

Viele Lieder sind Kompositionen jener goanischen Musiker, die auch zur Entstehung der im Westen bereits populären Bollywood-Musik beigetragen haben: Chris Perry, Alfred Rose, Frank Fernand und Manuel Alphonso. Die Spurenelemente aus der ganzen Welt zu identifizieren, die in diese Musik Eingang fanden, zu erkennen, was die Rhythmen aus der hinduistischen Tradition dazu beigetragen haben – das ist ein Riesenspaß für deutsche Musikliebhaber.

“Konkani Songs – Music from Goa” ist auf CD bei Trikont/Indigo erschienen.

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1 Kommentar


  1. […] Im Bundesstaat Goa wurden jahrelang Schnulzen aufgenommen, von denen die Frankfurter Tontechnikerin Sigrid Pfeffer «vollkommen fasziniert» war: «Es klang so gar nicht ‘indisch’, sondern erinnerte […]