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Um ein Haar gerockt

 

Jarvis Cocker ist zurück: bärtig, grau meliert, lakonisch und bisweilen banal. „Further Complications“ heißt sein persönliches Krisenalbum

Cover
 
Jarvis Cocker – Further Complications
 
Aus dem gleichnamigen Album Rough Trade (2009)
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Jarvis Cocker zu zeichnen ist leicht. Es genügt, mit dem Edding ein Ungetüm von Brille zu kritzeln, strähniges Langhaar, ein tailliertes Tweed-Jackett. Jetzt noch ein Strich von Mund – fertig ist diese leicht verdutzte Mimik, die entsteht, wenn einer permanent die Wangen einsaugt. Mit seinem zweiten Soloalbum fügt Englands unwahrscheinlichstes Sexsymbol dem Bildnis nun ein weiteres markantes Zeichen hinzu: einen Vollbart.

Distinguiert ist er, natürlich, und leicht grau meliert – der Ex-Chef von Pulp geht schließlich auf die 46 zu. Ein biblisches Alter im Popgeschäft, wo man mit 25 die besten Jahre durchläuft. Doch Cocker ist gut gealtert, weil er schon immer konsequent auf Selbststilisierung setzte. Das leicht Streberhafte seiner Erscheinung ist seit seinen Tagen als Klassenbester des Britpop Programm und wird auf Further Complications bruchlos weitergeführt – mit zwiespältigem Ergebnis. Das Leitmotiv seines jüngsten Entwurfs hat Cocker gewohnt ironisch als Versuch umschrieben, „den Schmerz eines Mannes nachzuvollziehen, dessen Honda Goldwing keinen Sprit mehr hat“. Further Complications ist ein Rückzug in haarige Rockismen, dem auch die Tatsache nicht zugutekommt, dass der einschlägig bekannte Steve Albini produziert hat. Im Gegenteil: Je mehr Muskeln diese Musik macht, desto schwächer wird sie.

Das Originellste an der bleiern einfallslosen Single Angela ist, dass der Künstler der deutschen Kanzlerin präventiv deren Verwendung als Wahlkampfsong untersagt hat. Ein Promogag, den er zu seinen Glanzzeiten verschmäht hätte. Das polternde Titelstück ist ebenso banal wie das wortlose Gedresche von Pilchard oder der irrlichternde Fuckingsong, der, wie das ganze Album, aus seinem Thema (Sex!) kein Hehl macht.

Umgekehrt ist Cocker dort am stärksten, wo er musikalisch auf bewährte Eleganz und textlich auf lakonischen Witz setzt, anstatt sich hinter rotzigen Plattitüden zu verbergen: „And if you’re waiting to find out what’s going on in my mind you could be waiting for ever and ever„, hadert er croonend im saxofongefederten I Never Said I Was Deep mit seinem Image als Pop-Intellektueller. Leftover mit seinem unterkühlten Northern Soul und dem leidenschaftlichen Sprechgesang klingt gar, als hätte Van Morrison den Song in den siebziger Jahren geschrieben und dann irgendwo liegen lassen, bis Cocker ihn fand.

Therapeutische Selbsthilfe hört sich anders an. Doch weil Further Complications ein persönliches Krisenalbum ist, schließt es mit einem stilistischen Bruch, durch den endlich doch noch Licht vom Ende des Tunnels hineinleuchtet: You’re In My Eyes (Discosong) ist eine über neun Minuten dahinpulsierende, erlösende Meditation darüber, dass allein auf dem Dancefloor mit seinen sublimen Ekstasen Leben und Libido wieder ins Lot gebracht werden könnten. Das war knapp. Es braucht nicht viel, um Jarvis Cocker zu karikieren. Wenn er nicht aufpasst, erledigt er das bald selbst.

„Further Complications“ von Jarvis Cocker bei Rough Trade erschienen.

Dieser Text ist der ZEIT vom 14.5.2009 entnommen.

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