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Routiniert abschocken

 

Leichensex, Hakenkreuze, Weltuntergang: Was hat Marilyn Manson bloß dazu gebracht, sein neues Album „The High End of Low“ aufzunehmen? Ein fiktive Szene

Cover
 
Marilyn Manson – Arma-Godd**n-Motherf**kin-Geddon
 
Von dem Album: The High End of Low Universal 2009
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„Eigentlich ein schöner Tag“, denkt Marilyn Manson, als er mittags aus dem Fenster schaut. „Ich bin Rockstar geworden, habe Geld wie Heu und einen riesigen Fernseher. War doch gar nicht so schwer.“ Als er zum Kühlschrank gehen will, um sich eine Flasche Champagner zu holen, klingelt das Telefon.

„Hallo?“
„Hier ist Jeffrey Steiner. Ich bin dein neuer A&R-Manager.“
„Was ist mit Mose?“
„Mose musste gehen. Ich glaube, er wohnt wieder bei seinen Eltern.“
„Was willst du?“
„Ähm, ich wollte mich nur kurz vorstellen.“
„Wenn du dich vorstellen willst, dann komm doch her, ich hätte nächsten Monat Zeit.“
„Was machst du gerade?“
„Ich gucke Football.“

Es kommt zu einer längeren Pause, dann ergreift Manson wieder das Wort:

„Mann, ich liebe Football. Wie sich diese Fleischberge gegenseitig zermalmen. Ich stelle mir dabei vor, dass die alle nichts anhaben, außer dem Helm. Der Ball ist ein haariges, fettiges Lebewesen und aus den Helmen kriechen Würmer!“
„Cool.“
„Nicht cool, war nur ein Witz, also was willst du wirklich?“
„Eigentlich wollte ich mit dir über dein neues Album sprechen. Wann ist es fertig?“
„Album!? Hat dir denn keiner gesagt, dass ich keinen Bock mehr auf Musik habe? Ich arbeite an Filmen und male mit Tusche. Nächste Woche habe ich eine Ausstellung. Musik ist für mich ausgereizt. Eigentlich seit meinem Album Mechanical Animals. Das war echt gut. Danach kamen nur Wiederholungen und Gerichtsprozesse. CDs haben mit Kunst nichts zu tun, sie sind doch nur Produkte.“

Manson merkt, wie sich am anderen Ende der Leitung Unmut regt. Der vormals schüchterne Manager wird resolut:

„Darf ich dich an den bestehenden Vertrag mit unserer Plattenfirma erinnern? Du SCHULDEST uns ein Album. (Dann wieder etwas weicher:) Deine Musik ist echt geil, du solltest wirklich wieder eine Platte machen. Und zu den Produkten: Das ist doch das schöne im Kapitalismus! Du kannst dich in aller Öffentlichkeit beschweren und die kommerzielle Maschinerie anprangern. Und trotzdem kannst du verdammte Produkte raushauen. Am Ende des Tages zählt die Kohle. Sei doch froh, du hast’s geschafft. Du hast die Formel geknackt, Mann. Find‘ ich buttergeil! Du musst nichts mehr ändern. Einfach weitermachen! Ich hab‘ auch schon einen geilen Produzenten engagiert: Sean Beavan, mit dem du auch das geile Antichrist Superstar gemacht hast. Sean lässt dich grüßen und sagt, er findet’s voll geil und hat auch ein paar geile Ideen.“
„Sean Beavan? Auf keinen Fall, der produziert Musik zum Mitgrölen!“
„Ach, komm – die Leute lieben den Scheiß! Du bist der Fürst der Dunkelheit, und die Leute wollen routiniert abgeschockt werden und feiern! Wir kümmern uns um alles, Studio und alle Expenses (Anm. d. Red.: zu deutsch „Ausgaben“). Du musst das nur aufnehmen und auf Tour gehen.“
„Touren macht Spaß. Ich hab mit Twiggy Ramirez gesprochen. Der wäre wieder dabei.“
„Twiggy wer? Aha, cool.“
„Ich will, dass Dave LaChappelle die Fotos schießt!“
„Kannst du vergessen, das ist viel zu fröhlich. Wir machen das Motiv Moorleiche, wie gehabt.“
„Ich könnte Songs zur Wirtschaftskrise machen.“
„Ach was, brauchst du nicht. Deine Texte sind so offen und frei interpretierbar. Wenn die Journalisten die neuen Songs hören, die wie die alten klingen, denken sie sowieso an Wirtschaftskrise – hast du schon Texte?“

Was folgt, verstört den jungen, engagierten und leicht benebelten Manager zutiefst. Er hat schon mit anderen Stars verhandelt und sich allerlei Schrullen gefallen lassen. In seinem Büro wurde er mit Schusswaffen bedroht, am Telefon wurde er Zeuge wilder Orgien, musste mit sexuell Erregten über Verträge sprechen. Wenn Jeffrey Steiner in den Spiegel sieht und nicht hinreichend betäubt ist, erblickt er Verachtenswertes. „Ich bin das letzte Glied“, sagte er in solchen Momenten und geht frustriert zurück in sein Büro. Zynisch ist er geworden, obwohl er seinen Beruf erst eineinhalb Jahre ausübt. Aber was Manson mit ihm macht, setzt allem eine traurige Krone auf. Eine Krone, gebastelt aus einer leeren Packung Cornflakes. Jeffrey Steiner hört ein aufgeregtes Kichern. Der Superstar, der Fürst der Finsternis giggelt. Unfassbar!

„Haha, warte, ich hole die Phrasendreschmaschine,“ ruft Manson aus dem Off und kehrt zum Apparat zurück:
Blarmagoddamnblotherfuckingbleddon!“
„Bitte was?“
I blwant two schmasch yourblgh face like a plane and drouwn in between yourblg legs.“
„Hast du was im Mund?“
„Ne Blanane.“

Manson kichert hysterisch. Er kommt richtig in Fahrt:

I want to sell you hate. Pissing down on you. You’re as pretty as a swastika. I’ll keep you wet when the world is dry.

Manson kann sich kaum halten vor Lachen und brüllt mit Reichsparteitagsstimme:

„Das nächste Album wird eine Abrechnung – der totale Rundumschlag! Präsidentenmord, Sex mit Leichen, Weltuntergang, Nostradamus, Hakenkreuze, das ganze Zeug. Und mit meiner Ex-Frau räume ich auch auf. Das wird so böse, das hat die Welt noch nicht gehört!“

Sein wahnsinniges Lachen klingt, als komme es aus tausend Kehlen. Jeffrey Steiner ist hilflos. Sein maladaptives Ich fragt, was es tun soll. Was ist jetzt richtig? Mitlachen? Weinen? Sachlich bleiben? Er beschließt, das Gespräch zu beenden, schließlich bekommt er auch nicht so viel Geld für seinen Job. Er nimmt all seinen Mut zusammen und spricht ein deutliches „Ich schicke dir die Termine, wir sehen uns.“ in die Muschel.

Die Antwort folgt prompt und im Chor: „In der Hölle!“

„The High End Of Low“ von Marilyn Manson ist als CD und Download bei Interscope/Universal erschienen

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3 Kommentare

  1.   twitty

    Also in dem Bericht wird ja der Manager schon als „Opfer“ bezeichnet/dargestellt, oder? Dass er von Manson fertig gemacht und nicht ernst genommen wird etc.
    Ich habe mich hingegen beim Lesen gefragt: Auf welcher Seite stehe ich?
    Auf der des Managers, der eine neue Platte braucht – ist ja schließlich Pflicht und steht so im Plattenvertrag! Oder auf Mansons, der weniger Lust hat, ein neues Album herauszubringen, aber ihm quasi nichts anderes übrig bleibt, eins aufzunehmen…
    Nun ja, beim Hören der neuen Platte merkt man die Lustlosigkeit und die Anit-Motivation hinter Herrn Manson. Da sage ich doch; lieber keine Platte, als ne Platte, die scheiße ist! Und er hatte ja auch wesentlich bessere, hinter denen mehr Elan und Freude (hehe) steckte. Schon schade, dass so das Musikbusiness ausschaut…

  2.   Manuel Gemperli

    Äh, hab ich hier was falsch verstanden oder sollte das nicht etwa eine Plattenrezension sein? Es wird kein einziges Wort über die Musik verloren, stattdessen versucht der Autor zwanghaft lustig zu sein. Was ist eigentlich so schlimm dran in einer Plattenkritik über eine Platte zu sprechen? Über die Musik auf der Platte? Das ist ein Phänonem, das in praktisch allen so genannten Qualitätszeitungen auftaucht. Man verhederrt sich in irgendwelchen pseudo-intellektuellen oder möchtegern-lustigem Scheiss und vergisst dabei die Musik… Ich kann mir echt nicht erklären, wie solche Leute Musikjournalisten werden. Weiss es sonst wer?

  3.   Neckerfritze

    Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn jemand mal was anderes schreibt als das Übliche? Muss dann gleich ein Oberleser kommen und ihn zurechtweisen? Aber aufgepasst, ZEIT ONLINE: Noch so eine Kritik, und der schwer verärgerte Kunde kündigt seinen DSL-Anschluss!