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Streicht das Weiße Haus schwarz!

 

Eine Präsidentschaftswahl macht noch keinen Sommer: Die neue Kompilation „Message Soul“ dokumentiert die ungebrochene Kampfeslust und Larmoyanz des schwarzen Amerika

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Message Soul
 
Politics & Soul in Black America 1998 – 2008 Trikont 2009
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Yes we can … das eigentlich nicht mehr hören: diese afroamerikanische Dauervergewisserung, gemeinsam alles zu schaffen, wenn nicht gar geschafft zu haben, seit Barack Obama ins Weiße Haus einziehen wollte und damit auch noch erfolgreich war. Es scheint bisweilen, als hätte der formelle Politikwechsel in Washington die Ära des Postrassismus nicht nur eingeleitet, sondern zu einem Ende geführt.

Yes we have … lautet indes der musikalische Gegenentwurf aus der Welt schwarzer Musik … noch einiges vor uns. Gebündelt ist er auf einem bemerkenswerten Sampler: Message Soul, herausgegeben vom Münchner Trikont-Verlag, eine Kompilation politischen Souls der vergangenen zehn, elf Jahre.

Sie zeigt die Kampfeslust, aber auch die Larmoyanz des schwarzen Amerika. Sein religiös-archaisches Eigenleben und die damit verbundene Realitätsferne, ein kollektives Aufbegehren im Ghetto ebenso wie seine Beschwörung, vorgetragen von allem, was im Soul der Gegenwart Rang und Namen hat.

George Clintons aberwitzige Forderung „Paint the White House black“ aus den frühen Bush-Neunzigern, vertont in schmissig reinem Funk, sie mag heute ein Stück weit Realität geworden sein; vom „Black House“ zu singen, wie es Clintons alter Keyboarder Amp Fiddler mitten im Wahlkampf tat, bleibt dennoch weiterhin sonderbar utopisch. Eine Abstimmung macht eben noch keinen Sommer. Auch wenn das farbige Lebensgefühl einen unglaublichen Selbstbewusstseinsschub erhalten hat, dank Obamas milder Blackness.

Umso eindringlicher ist das, was der Mottomusik-Hamster Jonathan Fischer diesmal für Trikont kompiliert hat. Anthony Hamilton singt seine Verelendungsklage Ain’t Nobody Worrying und es bleibt erfrischend offen, ob der Auftaktsong Frage oder Feststellung ist. Donnie, ein Cousin Marvin Gayes, bittet in Classfields durch zart-schmachtenden R’n’B um einen Job als Gärtner im verwüsteten Garten seines Landes. Jill Scotts Rasool wütet in mitreißendem Neo-Soul gegen die Gewalt in der City. Kyle Jason setzt dem Drogensumpf in Strong eine Art spirituellen HipHop entgegen. Und die Plattenmillionären Erykah Badu haucht ihren markanten Ghetto-Slang gegen das Leid ihres Ursprungs.

Es ist ein aufwühlendes, anspruchsvolles, nur selten allzu hitradiotaugliches Kompendium dunkelhäutiger Selbstbehauptung im rassistischen Umfeld. Zwar wünscht man sich bisweilen einige Blicke über den Tellerrand: lieber Pharoahe Monchs Protestlieder gegen den Irak-Krieg und Stammzellengeschäfte oder Me’Shell Ndegeocellos Griff an die eigene hedonistische Konsumgesellschaftsnase als immer wieder die Beschränkung aufs Schwarze am Unterdrückten. Dennoch ist die Kraft hinter den 15 Stücken beeindruckend. Und die unglaubliche Coolness, mit der eine Rachelle Ferell in Sista an ihre Schwestern appelliert, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Es ist diese Lässigkeit im Umgang mit ernsten Themen, eine Art heitere Gospel-Note an der Litanei, die Message Soul dem aggressivem Cop-Killer-Crossover von Ice T aka Body Count voraushat. Ganz zu schweigen vom wild wütenden Punk oder Bruce Springsteens heimatduseligen Freiheitsfolk. Auch wenn er letztlich auf derselben Seite steht. Widerstand braucht eben manchmal ein bisschen Nonchalance. Das ist nicht nur ein Teil des Soul, es ist sein Wesen.

„Message Soul – Politics & Soul in Black America 1998 – 2008“ ist erschienen bei Trikont/Indigo.

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