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Die Krise rockt

 

New Model Army sind die Jugendhelden vieler Mittdreißiger von heute. Aber: Will man ihre Musik noch hören? Unser Autor ließ sich vom neuen Album überraschen.

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Nein, mit dem Schreiben über die neue Platte von New Model Army täten sich viele Kollegen schwer, sagt der Promoter, „aber sobald die Band in der Nähe ist, wollen sie alle auf die Gästeliste“.

Und auch der Autor mag sich nicht sofort zu einem Kommentar der neuen Platte entschließen. Die Vorurteile gegenüber den seit 30 Jahren agierenden Briten sind wahrlich überwältigend: Aus der Zeit gefallen wirken New Model Army, so ernst, humorlos und – das ist heute ja das Schlimmste – ironiefrei. In den späten Achtzigern bedröhnte ihr 51 State Abipartys, heute AStA-Feten. Geht es schlimmer?

Es mag genau das sein: Wer möchte sich schon mit Ende 20, Mitte 30, Anfang 40 wieder der Musik seiner späten Schulzeit widmen? Die Platten und Auftritte der Band Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger waren kraftvoll und rebellisch, der Typ da meinte, was er sang, ihm glaubte man jedes Wort. Mit anderen Worten: New Model Army waren die perfekten Begleiter durch die späte Pubertät. Die Abifete setzte dem ein Ende, dem frisch Erwachsenen stand ihr Gestus bald nicht mehr. Und die Welt drehte sich ja auch weiter, wurde digital, bunt, ironisch.

Warum also überhaupt reinhören in New Model Armys neues Album, Today Is A Good Day? Es sei ihr elftes Album im dreißigsten Bandjahr, teilt der Promoter mit. Und, übrigens, „das beste der letzten 15 Jahre“! Doch das ist wahrlich nicht schwer.

© Attack Attack Records
© Attack Attack Records

Ihre beiden besten Alben Thunder And Consolation und Impurity nahmen New Model Army in den Jahren 1989 und 1990 auf, in einer Zeit also, die vom enttäuschenden Zusammenbruch des Sozialismus und überwältigender Aufbruchstimmung gleichermaßen geprägt war. Heute haben sich die Vorzeichen verkehrt, und es herrscht eine Mischung aus Untergangsstimmung und der Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Neubeginn. Eigentlich keine gute Zeit für ein neues Album von New Model Army, schließlich predigen sie seit 30 Jahren von der Unverdaulichkeit von Geld und Erfolg. Und nun? Haben sie wohl recht gehabt. Wovon also singen?

Aber warum eigentlich etwas Neues singen? Die Welt ist nun gestolpert, und New Model Army erheben sich wie Phönix aus der Asche. Angestachelt von den unzähligen Krisen unserer Tage weiden sie sich am Apokalyptischen. Erzählen von Stürmen und steigenden Ozeanen, von Gleichschaltung, Heuchelei und Widerstand.

Dabei klingt es erstmal wie ein Fehler, die CD überhaupt eingelegt zu haben: Das Titelstück eröffnet das Album und stopft dem Hörer die Ohren. Welch aufgesetzt wütender Krisenrock! Heute sei ein guter Tag, raunt Justin Sullivan, schließlich fege ein Sturm durch die Wallstreet und reiße die Kriegs- und Krisentreiber mit sich. Dazu wiehern einfallslose Gitarren. Machen New Model Army nun etwa Punkrock der Marke Tote Hosen?

Zum Glück nicht. Alles Folgende knüpft dort an, wo New Model Army Mitte der Neunziger den Faden verloren. Wie alle guten Alben der Band – vor Ewigkeiten erschienen – hat Today Is A Good Day ein Herz und eine Seele. Auf Thunder And Consolation waren es das treibende 225 und das berührende Meisterstück Green And Grey, auf Impurity waren es Lust For Power und Eleven Years. Und nun wummert das Herz wieder: einerseits States Radio, eine leidenschaftliche Attacke gegen den Dudelfunk. Andererseits das melodramatische Ocean Rising. Die Spannung zwischen diesen beiden Stücken trägt das Album. Wut und Romantik mal von der hart angeschlagenen Westerngitarre erzählt, mal als folkiger Reigen, mal von jauchzenden Gitarren. Essenziell wie zuvor sind der wuchtige Bass und Justin Sullivans krächzende Stimme, die sicher nie zum Singen gedacht war.

Glückwunsch dann also doch, zum neuen Album, zum Jubiläum. Zur Korrektheit der frühen Analysen ja sowieso. Und für den Fall, dass die Band mal in der Nähe ist, Herr Promoter: Ich erbitte meinen Namen auf der Gästeliste!

„Today Is A Good Day“ von New Model Army ist auf CD bei Attack Attack/Alive erschienen.

8 Kommentare

  1.   Jupp Derwall

    „Ihre beiden besten Alben Thunder And Consolation und Impurity (…)“

    Hier wendet sich der geneigte Leser mit Grausen, stehen doch diese beiden Alben (zumindest letzteres) für den beginnenden Ausverkauf, Verlust jeder Glaubwürdigkeit und beginnende Belanglosigkeit der einst geschätzten Band. Wenn denn ein Album als der Zenit ihres Schaffens gilt, so ist es „Ghost of Cain“ von dem ja auch das erwähnte Lied „51st State“ stammt.

  2.   Jan Kühnemund

    Erstaunlich, dass das Wort Zenit keinen Plural hat, oder? Liegen doch unzählige Zenite in den Augen der jeweiligen BetrachterInnen. „Ghost Of Cain“ fand ich immer ganz gut, aber richtig gut eben erst „Thunder…“ und „Impurity“. Auch wenn das die Echtheit meines damaligen Fanseins beschädigen sollte.

  3.   Jupp Derwall

    Wieso erstaunlich? Der Zenit ist der höchste Punkt einer Bahn und da gibt es eben nur einen. Unstreitbar ist jedoch, dass die Schönheit im Ohre des Zuhörers liegt.
    Dennoch will es mir nicht in den Sinn, dass die Verkäufe der NMA gerade nach den Veröffentlichungen ihrer vermeintlichen „Höhepunkte“ einbrachen und sie praktisch in der Versenkung verschwanden.
    Mein persönlicher Favorit ist übrigens die „White Coats“ EP.

  4.   Sebastian Brandt

    Zweifel an der Qualität von NMA hatte ich eigentlich nie. Entweder man hat das NMA-Gen oder eben nicht. Das Album ist klasse. Die Jungs sind noch da, wir sind noch da. NMA hat sich auch nach all den Jahren jenseits von Abi und Studium als taugliches Begleitorchester erwiesen. Authentischer als New Model Army geht doch eigentlich gar nicht. Ich hab Justin Sullivan Anfang August in Leipzig getroffen. Er überzeugt nicht nur als Musiker und auf der Bühne, sondern in erster Linie durch seine unheimliche Aura und Präsenz. Ich werde weiter zu den NMA-Konzerten pilgern, auch ohne Eintrag auf der Gästeliste.
    We are old, we are young, we are in this together!

  5.   Heaton

    Ach ja…? Aber die White Coats-EP besteht doch bis auf My Country aus Songs von der Thunder and Consolation?


  6. Ghost of Cain, thunder and consolation, impurity, love of hopeless causes and today is a good day. Was will man mehr; alle auf gleichem Niveau in unterschiedlicher Zeit geschrieben. Keep on rocking..

  7.   peff

    herbst
    über dem land flüstert leise die luft
    die blätter fallen goldgefärbt nach und nach herunter
    so wie das papiergeld verschwindet
    oder soldaten heimwärts schleichen
    da gibt es nur einen anfang
    und da ist der anfang vom ende
    alle leute strömen umher
    wie der strom einer gigantischen überschwemmung
    „und alles ist wunderschön weil alles am sterben ist“
    also lass uns runter zum strand gehen
    wir entzünden ein feuer zur erinnerung
    wir nehmen die letzte flasche wein
    und trinken einen toast auf die “ vergänglichkeit“
    und kritzeln barfuß in den feuchten kalten sand
    “ wir haben es euch gesagt “
    und genießen den anblick der welle die alles wieder verwischt
    und ich fange dein lächeln ein und höre dich sagen:
    „und alles ist wunderschön weil alles am sterben ist“
    so wer will denn schon für immer leben
    wenn solche momente nur ein einziges mal kommen werden
    und wir starren in die wärmende glut und asche
    von diesem magischen FEUER
    „und alles ist wunderschön weil alles am sterben ist“

  8.   Lermann

    Schöne Entschuldigung hast du da geschrieben, ist sie ja doch gar nicht so notwendig, wie die Kommentare dich beruhigen. Hast alles richtig gemacht, keine Sorge. Da ich meinen Mitdreißger-Zenith schon überschritten habe, wage ich „No Rest For The Wicked“ als das Beste zu bezeichnen, was ich von NMA kenne, obwohl ich keiner Platte richtig abgeneigt war bis in die Neunziger. Dann konnten sie halt nicht mehr anstinken gegen die anderen Bands, die den Zeitgeist besser einfangen konnten (Pearl Jam, Soundgarden, Nirvana etc.)
    Ich empfehle trotzdem mal das Album HIGH (2007) allen, die (heimlich) ein Konzert im November besuchen. Zusammen mit dem neuen schon mal zwei gute Gründe, nicht nur hinten rumzustehen.