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Fest der Liebe, you know?

 

Kaum hat der Herbst begonnen, finden sich schon die Saisonartikel in den Läden: Bob Dylan spielt den Weihnachtsmann, und Sting singt zum Klang keltischer Sackpfeifen.

Unser Audioplayer wird derzeit überarbeitet
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Bob Dylan setzt sich die rote Zipfelmütze auf – und wie immer sind seine Anhänger gespalten. Für manche war ja schon die elektrische Gitarre damals beim Newport Folk Festival Verrat. Nun, auf seinem 48. offiziellen Album: Saint Bob als Weihnachtsmann.

In den USA haben Weihnachtsplatten Tradition, sie gehören zu jeder musikalischen Biografie, sogar Hip-Hopper hören die Englein singen. In Europa wird dergleichen reflexhaft als Kitsch berümpft. Interessiert Bob Dylan natürlich nicht die Bohne. Er hat damit gerade, 68-jährig, Platz eins der Billboard-Charts eingenommen – und spendet seine Tantiemen an das Hungerhilfswerk Feeding America.

Als unermüdlicher Student des Great American Songbook hat Dylan auf Christmas In The Heart ein Album für die private Andacht zusammengestellt, das sich als Alternative zur alljährlichen Musikfolter unterm Baum empfiehlt. Schon in Here Comes Santa Claus sticht seine Stimme wie ein rostiger Nagel in den Bing-Crosby-Jingle-Bells-Schmalz. Er knarzt und gurgelt sich durch 15 üppige, handwarm gespielte Songs, manchmal glaubt man fast Tom Waits zu hören.

Dabei raspelt Dylan die Songs nicht kurz und klein; er hat Lust an der Reibung, aber die Reibung produziert Wärme. Dazu gibt es Aloha-Gitarren und auch mal einen Christmas Blues. Des Weiteren geboten werden schamlos himmlische Chöre – und im Beiheft ein schelmisches Bild der Fetisch-Ikone Betty Page. Fest der Liebe, you know?

Gerade wegen seiner doppelbödigen Interpretationen und Ambivalenzen rückt dieses Werk Weihnachten wieder dahin, wo es hingehört: mitten ins Herz. Egal, in welche Richtung, für welches Geschlecht und welchen Gott es gerade schlägt. Von Ralph Geisenhanslüke

„Christmas In The Heart“ von Bob Dylan ist erschienen bei Columbia/Sony.

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Seit Sting sich vom New-Wave-Blondie zum Erwachsenenpopstar gemausert hat, ist ihm nicht nur ein Vollbart gewachsen, der ihn imagemäßig in die Nähe von Käpt’n Haddock aus den Tim-und-Struppi-Comics rückt. Auch musikalisch zieht es ihn zurück zu den Volksweisen und Liederbüchern der Alten.

Bereits Songs From The Labyrinth, seine Platte mit vertonten Nachtgedanken von John Dowland, war eine Exkursion zu den Wurzeln der europäischen Melancholie. Für If On A Winter’s Night… hat er sich mit einer Schar handverlesener Musiker auf sein toskanisches Landgut begeben, um der Welt zu zeigen, wie schön die kalte Jahreszeit sein kann.

Dass die Auswahl geschmackvoll geraten ist, versteht sich von selbst: Sting ist schließlich ein Studierter, der seine traditionals genauso gut kennt wie Weisen von Bach und Schubert, dessen Leierkastenmann er hier wacker intoniert.

Im Begleitheft spricht er sich dankenswerterweise für einen ökologisch korrekten Humanismus aus. Störend nur, dass der Künstler seinem Hang zu überzuckerten Arrangements freien Lauf lässt: Nicht jede Melodie muss mit keltischen Sackpfeifen zusätzlich unterstrichen werden, und Lo How A Rose E’er Blooming, die britische Variante von Es ist ein Ros entsprungen, wäre ohne die New-Age-Chöre im Hintergrund um gefühlte 70 Prozent besinnlicher geraten…

Deshalb unsere Verkaufsempfehlung: Man sollte dieses Album als saisonalen Artikel betrachten, der sich prächtig zur Einstimmung auf Weihnachten eignet, quasi als akustisches Pendant zu Glühwein und Spekulatius. Aber Obacht: Steigerungen sind danach nur noch mit Hörbuch-CDs zu erzielen, auf denen Ben Becker aus der Bibel liest. Von Thomas Groß

„If On A Winter’s Night…“ von Sting ist erschienen bei Deutsche Grammophon.

2 Kommentare


  1. Obwohl Flusser vor Jahren als Exilant in Brasilien zweifelsfrei und für alle Zeiten niederlegte, dass es nach wie vor allein Schildbürgern vorbehalten bleibt, in Dunkelheit nach Licht zu suchen oder Licht in das Dunkel zu bringen, sangen Studierte als vermeintliche Künstler wie auch Sting wider des ihnen verliehenen Hochschulgrades unverdrossen weiterhin davon und hielten sich dadurch an Orten auf, an denen sie deshalb dort nie etwas finden konnten, weil sie dort noch nie etwas verloren hatten. Einziger Effekt solchen Verhaltens ist äußerste Schädigung des eigenen Selbst wie insbesondere Ärztliche Direktoren psychiatrischer Universitätskliniken regelmäßig zu diagnostizieren haben, das strategisch vor allem das Gemeinwohl völlig ruiniert.

  2.   Erich

    Meine Meinung zu Santa Bobs Wehnachtsalbum findet Ihr hier:
    http://jojoclub.musikbloggo.de/4916/Zipfelmutze-II/