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Was nicht passt…

 

Morrissey hat sein Album „Maladjusted“ von 1997 wiederveröffentlicht – und kurzerhand umgestaltet. So einfach schreibt man die Musikgeschichte um, wenn sie einem nicht gefällt.

© Travis Shinn/Universal Music
© Travis Shinn/Universal Music

Bald mag alles anders sein. Die just erfundene Generation iPod schätze das Album weniger als den einzelnen Download, heißt es. Mit dem Tonträger verschwinde auch das, was ihn einst ausmachte, das Gesamtwerk aus fünf, neun, siebzehn Stücken.

Wer weiß, ob’s stimmt. Noch jedenfalls veröffentlichen die meisten Künstler Alben, noch ist das Album der stärkste Bezugspunkt des Musikmarketings, auch der Presse und vieler Fans. An Alben entlang wurde und wird die Popmusikgeschichte geschrieben: Sgt. Pepper, Never Mind The Bollocks, The Queen Is Dead, Nevermind, OK Computer …

Die Musikgeschichte im Falle von Steven Patrick Morrissey schreibt sich so: Vier Jahre/Alben lang Sänger von The Smiths, dann solo: Viva Hate, Kill Uncle, Your Arsenal, Vauxhall & I, Southpaw Grammar, Maladjusted

… und an dieser Stelle würde er die Geschichte gern umschreiben. Denn mit Maladjusted war er immer schon unzufrieden, mit dem Äußeren, mit manchem Lied. Erschienen war das Album im Sommer 1997, die Plattenfirma unterließ jegliche Werbung, der Künstler mochte niemanden sprechen.

Vielleicht lag es auch daran: Ein Gericht hatte damals entschieden, dass Morrissey zwei seiner ehemaligen Bandkollegen nachträglich mit einer Million britischer Pfund zu entlohnen hatte. In seiner Wut schrieb er das Stück Sorrow Will Come In The End, eine fiese Rachefantasie: „A court of justice, with no use for truth, lawyer … liar“, sang er – und drohte dem Richter: „Don’t close your eyes, a man who slits throats has time on his hands, and I’m gonna get you.“

Und er wetzt das Messer bis heute. Gerade erschien Maladjusted in einer Neuauflage – und die Hälfte der Erläuterungen zu dieser widmet Morrissey dem damaligen Streit und seinem noch immer währenden Entsetzen über die britische Gerichtsbarkeit. Auf den übrigen Seiten breitet er seine Unzufriedenheit über die Erstauflage von 1997 aus.

Und diesen Worten lässt er Taten folgen: Die Neuauflage unterscheidet sich in beinahe jeder Hinsicht vom Original. Eine neue Hülle hat er sich gestalten lassen, die Anzahl und Reihenfolge der Lieder geändert. Hat sich schon jemand dermaßen brutal an der Musikgeschichte zu schaffen gemacht? An seinem eigenen Werk Morrissey setzt die Brechstange an.

Die Hülle: Damals hockte er unleidig mit gespreizter Jeans vor einem silbernen Hintergrund – heute lehnt er lächelnd an der Hauswand des Alone in London-Hostels in Kings Cross, schick gekleidet und mit Sonnenbrille. Wie amateurhaft die goldenen Buchstaben mit schwarzen Schatten eingesetzt sind. Das ist furchtbar!

Und die Lieder: Elf waren es damals, fünfzehn sind es heute. Er verbannte das etwas einfältige Papa Jack und die wahrhaft blödsinnige Fensterputzerballade Roy’s Keen. Beides kein Verlust. Und dennoch ist die Dreistigkeit erstaunlich, diese kleinen historischen Falten so einfach auszubügeln. Die übrigen neun Lieder waren toll, sie sind es heute noch. Etwa die ohne Schwulst vorgetragene Ballade Ambitious Outsidersy, das melodiöse Alma Matters, oder das im Abgang wütend dröhnende Titelstück.

Morrissey wirbelt sie nun gut durch, allein das Titelstück behält seinen Platz zu Beginn. Darunter mischt er sechs ehemalige Rückseiten von Singles, manche gut, aber nicht alle. Wer die Platte zuvor liebte, wem jeder Übergang vertraut ist, der tut sich schwer beim Neuhören. Nein, das ist nicht richtig so.

Aber man gewöhnt sich dran. Denn Maladjusted war schon damals eine tolle Platte. Morrisseys beste? Möööp! Blasphemie! Natürlich sind alle seine Platten fantastisch, jede hat etwas, was sie liebenswert macht. Maladjusted ihrerseits ist auch deshalb liebenswert, weil Morrissey danach für sieben Jahre untertauchte, und erst im Jahr 2004 mit You Are The Quarry seinen dritten Frühling eröffnete (nach dem ersten mit The Smiths und dem zweiten, einer Dekade des Solowerkelns). Und Maladjusted klingt heute eben liebenswert durch diesen doch arg dröhnenden dritten Frühling.

Die Platte habe eigentlich Ambitious Outsiders heißen sollen, schreibt Morrissey. Erst in letzter Sekunde habe er den Titel geändert, das habe der Stimmung der Band eher entsprochen. Eigentlich nur schlüssig, dass der alte Querkopf Morrissey den Titel Maladjusted – unangepasst – anlässlich der Neuauflage nicht auch geändert hat.

„Maladjusted“ von Morrissey erschien zuerst im Jahr 1997 auf CD und LP bei Mercury. Die Neuauflage wurde jetzt auf CD bei Universal veröffentlicht.


2 Kommentare

  1.   sven

    Dass Bands kurzerhand Titel streichen, drauflegen oder umwürfeln, ist nicht so neu. Wenn das kultisch angelechzte Schönlinge tun (im Gegensatz zum Beispiel zu den kultisch ignorierten XTC mit „Black Sails“), wirkt natürlich sehr viel wichtiger und persönlicher. Aber, was auch immer den Morrissey auf die letzten Tage glücklich macht – vor 20 Jahren wäre „Re-Issue! Re-Package! Re-Package!“ wohl undenkbar gewesen.

  2.   sdfsdfdsfsvbcvbcvb

    Schon schlimm, diese goldenen Buchstaben. [/ironie]