Mit Gitarre und Pullunder
Über die Jahre (59): Es geht auch sauber! The Feelies zeigen, dass moderne Rockmusik nichts mit Schmutz und Gefahr zu tun hat. Ihre Alben aus den Achtzigern sind gerade neu erschienen.

© Domino Records
Welch ein Cover! Vier sauber frisierte Typen in Polohemden und Pullundern, aufgereiht vor einem himmelblauen Hintergrund; über ihren Köpfen schweben der Bandname und die stumme Frage: Was haben wir mit Rockmusik zu tun?
Die Antwort lautet: Alles und nichts. The Feelies kamen aus Haledon, einem unspektakulären kleinen Ort in New Jersey. Crazy Rhythms, 1980 erschienen, war ihr erstes Album: moderne Rockmusik, die von den modernen Mythen des Rock vollkommen befreit war. Kein Aufruhr, kein Glamour, kein Schmutz, keine Gefahr. Humor? Nö. Und auch die Lässigkeit, mit der die New Yorker No-Wave- und die Londoner Post-Punk-Bands der damaligen Zeit das Schiefe gerade sein ließen, ging den Feelies ab.
Aber wie aufregend diese Platte trotz alledem klingt!
Neun Stücke enthält sie, den Ton geben stets die Gitarren der beiden Songschreiber Glenn Mercer und Bill Million an. Unruhig dengeln sie herum, mal jede auf ihrem eigenen Weg, dann wieder beide ineinander verzahnt. Oft kommen sie mit zwei, drei Akkorden aus, manchmal reicht auch ein einziger. Der Gesang klingt spröde, der Bass noch spröder, und das Schlagzeug tackert stoisch vor sich hin wie einst bei Moe Tucker von The Velvet Underground.
Doch von Anfang an, denn da hört man erst einmal nichts. Fast nichts. Nur ein paar leise Töne von afrikanischen Klanghölzern, begleitet von der Stille des Raumes. Erst nach einer Minute setzt der Beat ein und gibt das Motto der restlichen 39 Minuten vor: Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung. Und dann kommt der Trick, der die Sache ins Rollen bringt: Ein mitreißendes Klötern und Klackern schiebt sich zwischen, über, neben die Wiederholungen, fortan ist alles in Bewegung. Das Stück heißt The Boy With The Perpetual Nervousness. Exakt so hört es sich auch an.
Diese beständige Nervosität zieht sich durch das gesamte Album, es ist ein permanentes Spiel mit der rhythmischen Spannung. Zwar gibt es durchaus auch schmissige Popsongs, etwa Original Love oder Moscow Nights, doch sie folgen nicht den Regeln schmissiger Popsongs. Das klassische Auf und Nieder von Strophe und Refrain, hier weicht es einem feinsinnig arrangierten An- und Abschwellen von – nun ja: Crazy Rhythms eben.
Dabei greifen die Feelies auf so ziemlich alles zurück, was Geräusche macht. Auf der Innenhülle der Platte gewähren sie uns einen Einblick in ihren kollektiven Werkzeugkasten: Neben Maracas und Kastagnetten finden sich darin eine Holzblocktrommel, Kuh- und Schlittenglocken, Schuhe, Dosen, ein Garderobenständer und und und. Auch Spasmodic Drums kommen zum Einsatz. Das liest sich fast so schön, wie es klingt, wenn man die Platte auflegt. Aber nur fast.
Der Haken war bislang, dass nur wenige The Feelies hören konnten. Lange war das letztmals vor gut zwei Jahrzehnten veröffentlichte Album nirgends aufzutreiben, weder als CD noch als Vinylplatte: zu gering die Auflage, zu groß die Zahl derer, denen es so ans Herz gewachsen ist, dass sie sich niemals von ihm trennen würden. Nun jedoch hat es die britische Plattenfirma Domino Recordings wiederveröffentlicht (ebenso wie das zweite, wesentlich konventionellere, aber kaum minder empfehlenswerte Feelies-Album The Good Earth aus dem Jahr 1986 – von der alten Besetzung waren noch Mercer und Million dabei). Die Musik hat nichts von ihrem Geheimnis verloren.
“Crazy Rhythms” (1980) und “The Good Earth” (1986) von The Feelies sind auf CD und LP bei Domino Records wiederveröffentlicht worden – jeweils mit einem Album-Download-Code, mit dem sich auch digitale Bonus-Tracks herunterladen lassen.
Zitat: “Auf der Innenhülle der Platte gewähren sie uns einen Einblick in ihren kollektiven Werkzeugkasten: Neben Maracas und Kastagnetten finden sich darin eine Holzblocktrommel, Kuh- und Schlittenglocken, Schuhe, Dosen, ein Garderobenständer und und und.”
Davon ist auf meiner 1980er Stiff Records-Pressung (über Teldec vertrieben) nichts zu sehen. Ansonsten habe ich nichts hinzuzufügen. Tolle Platte, die Urmutter von pubertärem Indieschrammel, nur viel besser und akzentuierter. So nie wieder erreicht (vielleicht auch von niemandem so wieder versucht – es ist aber auch verdammt schwer, einen technisch ähnlich guten Drummer zu finden wie Anton Fier), auch von ihnen selbst nicht. Vieleicht kann man das afrikanische Geklöppel neuerer NYC-Bands noch als Nachhall nennen (Vampire Weekend). Gilt im Prinzip auch für das Cover: Klassisch, stilbildend. Nie hat sich eine jugendliche Vorstadt-Band so schön und subversiv in Szene gesetzt: zugeknöpftes hellblaues Polo-Shart, Wollpullover mit V-Ausschnitt, ordentliches Hemd und ordentlich gekämmte Frisuren vor hellblauem Himmel – ein Anti-Punk-Statement – und dabei hat die Energie ihre Musik so ziemlich alles vom Teller geklopft, was sich 1980 als Punk definierte. Zu Recht wiederveröffentlicht.
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Mit den Alben: “Time for a witness” und “Only Life” wurde es später dann sogar noch besser. Ich weiß nicht wie oft ich gerade letzteres Album gehört habe. Wenn es einem mal dreckig geht: diese Platte holt dich raus aus dem Loch. Die Hitdichte ist höher als auf Michael Jacksons “Thriller”.
Blöder Vergleich zwar aber hört selbst.
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Ich habe gefühlte Millionen Platten gehört, aber keine ist wie diese! Zwar gibt es rund 100 Lps, von denen man das sagen kann, aber gemessen an dem Überangebot an schlechter Musik sind hundert nicht eben viel.
Doch der Reihe nach: Das Coverbild. Der Sound. Ein Jahrhundertsong.
Das Coverbild hat mich überzeugt, als ich die Feelies im Grabbeltisch entdeckte, ammo 81. Kids aus der Nachbarschaft, die hatten mir was zu sagen. Die waren wie ich. Und in der Tat spielten sie dieselben einfachen Akkorde, die ich damals auch schon spielen konnte. Wie aber haben sie diesen einmaligen Sound hinbekommen: kompakt, irritierend detailliert, mit der besten Schlagzeugabmischung, die jemals ein Produzent geschaffen hat? Damit nicht genug: jeder der Songs ist zwingend und eigen, wie fasziniert haben wir damals dazu getanzt! Und als Krönung, für mich, “Moscow Nights”, in meiner ewigen Top Ten ganz oben: wenn es je einen perfekten Song gab, dann diesen. Herrlich dramatisch aufgebaut, mit der hereinschleichenden Sologitarre über dem nervösen Rhythmus, dem sich steigernden Gesang und (als besonderer Luxus) immer noch ein erlesenes Element dazugeschenkt: das bewegende Gitarrensolo, der Harmoniegesang, das Mandolinenoutro. Aber die Sprache bricht zusammen, wenn sie (diese) Musik beschreiben soll. Man muss es gehört haben, ich vergesse diesen Eindruck nie. Seufz – ein Mysterium! Ich werde jedes Mal sauer, wenn ich vergebens versuche, Musik zu beschreiben…
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