Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Sie widersetzen sich dem Gleichklang

Von 10. Mai 2010 um 13:36 Uhr

Kein bisschen langweilig: Die Foals aus England entwickeln ihren Progressive-Afrika-Punk-Rock weiter. Ihr Zweitwerk “Total Life Forever” ist gelassen, erwachsen und eigen.

© Steve Gullick

Erfolg basiert auf Wiederholung. Eine Grundregel im Musikgeschäft: Erfolg hat, wer sich einen schicken Klang zusammenklaut, ihn perfektioniert, immer wieder leicht variiert abspult – und jede Platte als originelle Weiterentwicklung verkauft. Im Rockgeschehen der vergangenen Dekade ging das so weit, dass man viele Bands kaum mehr voneinander unterscheiden konnte.

Manche widersetzen sich dem Gleichklang. MGMT und die Foals etwa. Sie klangen frisch und eigen, als beinahe zeitgleich vor etwas mehr als zwei Jahren ihre Debütalben erschienen. Oracular Spectacular und Antidotes, zwei Platten, die beinahe nichts gemein hatten: Die Amerikaner MGMT hauten tanzbaren Folk in ein Vierteljahrhundert alte Synthesizer – die britischen Foals machten verkopften Rock, der im Progressiven, im Afrikanischen und im Punk wilderte. Allenfalls Four Tets Remix von deren Cassius dürfte damals in derselben Indie-Disco gelaufen sein wie die freudentrunkenen Tanzbodenbrecher von MGMT. Wie einfach wäre es gewesen, diese Erfolgsrezepte ein weiteres Mal aufzukochen. Niemand hätte sich beschwert.

Nun, da wiederum im Abstand weniger Wochen beide Bands ihr Zweitwerk veröffentlichen, erscheinen sie verbunden im Prinzip, sich nicht zu wiederholen – wohlmöglich um den Preis des kommerziellen Erfolgs. Beide Alben brauchen Zuwendung, weil sie den Erwartungen nicht entsprechen. MGMT etwa hätten “einfach die Thematik gewechselt wie das Hemd”, schrieb Thomas Winkler in der ZEIT über Congratulations, so sei es ihnen gelungen, “das kommerzielle Potenzial ihrer Musik zu minimieren”.

Und die Foals? Sie klingen auf dem Zweitling Total Life Forever – wie soll man es nennen – gelassener? Entspannt? Erwachsen? MGMT nahmen Congratulations ja angeblich unter dem Einfluss von Heroin auf. Bei den Foals wirken Bluthochdruckblocker. Oder Valium. Und wie gut das klingt. Kein bisschen langweilig oder bemüht.

Antidotes: Das flirrte und holperte, ließ Lücken. Der Sänger Yannis Philippakis klang heiser und aufgeregt, der Schlagzeuger Jack Bevan schlug fransige Takte, die taten als wären sie gar keine. Die Band rieb sich auf.

Total Life Forever fehlt diese brutale Schärfe – nicht aber der Schwung. Noch immer sind da diese ausholenden Melodien, diese sengenden Gitarren, gezupft auf den hohen Saiten. Doch der Klang ist nun dicht, die Rhythmen gerade. Die Fransen sind leicht gestutzt, das Holpern ausgebessert. Die Gitarren zersägen die Lieder nicht mehr, sie färben sie ein – und Yannis Philippakis bellt kaum noch, er singt, kräftig, manchmal getragen.

Nein, die Foals klingen nicht, als wollten sie nicht mehr die Foals sein. Sie konzentrieren sich jetzt mehr auf die Atmosphäre ihrer Stücke, weniger auf den Abbau ihrer Aggressionen. Kraftvoll und tanzbar ist das weiterhin, sei es das funkensprühende Miami oder die treibende Hymne This Orient.

Sie hüllen ihre Lieder in eine große Metapher des Erwachsenwerdens. Wo zu Zeiten von Nirvanas Nevermind ein Säugling nach einer Dollarnote tauchte, da treiben nun fünf bekleidete Musiker durch den Pool, irgendwie ziellos, solange die Luft reicht.

Wenn sie weiter so gelassen zu Werke gehen, wird sie lange reichen.

“Total Life Forever” von den Foals ist auf CD und LP bei Transgressive/Warner Music erschienen.

Kategorien: Rock
Leser-Kommentare
  1. 1.

    absolut richtig

    • 10. Mai 2010 um 16:03 Uhr
    • KeleO
  2. 2.

    Ich weiss zwar nicht, wie oft ich noch die erbärmliche Metapher der “sägenden Gitarren” lesen muss, aber was solls. Die Foals scheinen wirklich mal erfrischende Kopierer zu sein, ein sehr netter Mix aus Cure-Gesang mit ein paar Spritzern Chilipeppers, dazu Anklänge an Talking Heads, garniert mit feinen King Crimson-Zitaten, fertig ist der “neue Sound”. Wie sangen doch Fury in the slaughterhouse so herrlich selbstironisch: all in all we are just brilliant thieves.

    • 10. Mai 2010 um 23:40 Uhr
    • sven el
  3. 3.

    Absolut langweilig. Bin total entäuscht. Klingt stellenweise wie coldplay. Was soll das?

    • 11. Mai 2010 um 09:50 Uhr
    • foals_
  4. 4.

    Die Foals machen Math Rock Indie
    ich denke hier liegt eine verwechslung mit
    Vampire Weekend vor die machen nämlich
    “Progressive-Afrika-Punk-Rock” wenn man das so sagen will.
    Kann ich nicht bei ihnen die Musiksachen schreiben?
    Bitte…

  5. 5.

    P.S.
    wer nicht weiß was Math Rock ist
    http://www.youtube.com/watch?v=1LLAN29W-4w
    The Battles sind wohl ein signifikanter Vertreter

  6. 6.

    Lieber sven el,

    freuen Sie sich doch, dass Sie bei ZEIT ONLINE nichts von “sägenden Gitarren” lesen müssen. Der Autor hebt nämlich die “sengenden Gitarren” hervor, und das finde ich ziemlich heiß!

    Beste Grüße aus der Musikredaktion!

    • 11. Mai 2010 um 15:47 Uhr
    • Rabea Weihser
  7. 7.

    Lieber Vincent Peter,
    ich halte nicht so viel davon, den Bands Inhaltsverzeichnisse wie “Math Rock Indie” ans Revers zu heften. Und im Falle der Foals finde ich den “Math Rock” auch gar nicht wirklich zutreffend. So pingelig präzise und mathematisch komponiert wie die Stücke der Battles sind die der Foals auf dem ersten Album schon nicht gewesen – auf “Total Life Forever” sind sie es auf keinen Fall.
    Gruß, jk

    • 11. Mai 2010 um 15:57 Uhr
    • Jan Kühnemund
  8. 8.

    “Die Gitarren zersägen die Lieder nicht mehr, sie färben sie ein”, ich denke, mehr muss ich nicht zitieren, oder?

    • 12. Mai 2010 um 10:22 Uhr
    • svenel
  9. Kommentar zum Thema

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