Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Ein Leben nach dem Hit

Von 17. Mai 2010 um 17:06 Uhr

Seit dem Erfolgsalbum “Boxer” haben sich The National aus Ohio drei Jahre Zeit gelassen, um ihren Stil behutsam zu verfeinern. Nun erscheint das wunderbare “High Violet”.

© XL Recordings

Es gibt Lieder, die sind perfekt. Da stimmen Tempo und Atmosphäre, Töne und Klänge, Farben und Temperatur. Da fügt sich eins zum anderen, alles passt. Immer und immer wieder hört man diese Lieder, da setzt nichts an, da blättert nichts ab. Oft schimmern sie monatelang, und, ach, wie schön, wenn man sie nach Jahren wiederentdeckt. Es gibt viele dieser Lieder.

Oft wundert man sich, dass die Künstler ein paar Jahre später nachlegen, neue Lieder aufnehmen. Ist das nötig?, fragt man sich. Künstlerisch oft nicht, finanziell meist schon. Nicht selten zerbrechen solche Bands an ihrem perfekten Moment – oder klingen banal, wie ihre eigenen Kopien.

Gleich zwei perfekte Lieder: Vor rund drei Jahren erschein Boxer von The National. Darauf gleich zu Beginn diese beiden Stücke, das anrührend verschleppte Fake Empire und der euphorisierende Rocker Mistaken For Strangers. Besser kann ein Debütalbum nicht beginnen, dachten viele damals. Und: Einen größeren Stolperstein als solche Lieder kann man der weiteren Karriere kaum in den Weg legen.

Beide Gedanken waren falsch, und das hat miteinander zu tun. Denn einerseits wurden The National schon vor mehr als zehn Jahren in Cincinnati, Ohio, gegründet; vor Boxer veröffentlichten sie bereits drei Alben. Und andererseits beweist ihr neues Werk High Violet, dass eine Band am perfekten Lied nicht zwangsläufig zugrunde geht. The National hatten ein langes Leben vor dem Hit, sie haben eines danach. Und – auch das mag geholfen haben – sie ließen drei Jahre verstreichen seit Boxer.

Wahrscheinlich ist dem samtenen Bariton des Sängers Matt Berninger ohnehin nichts anzuhaben. Eine Stimme, in der es schwingt, als sei es ihr gleich, zu wie vielen sie schallt. Von dieser Stimme lebt die Musik, sie legt sich eng an die geschmeidigen Harmonien, an die knisternde Wärme des Zusammenspiels. So klingen The National auf High Violet oft, als seien sie die geheilten Brüder der Tindersticks.

High Violet hört sich nicht an, als müssten The National sich oder einer Plattenfirma etwas beweisen. Kein krasser Richtungswechsel, kein peinliches Modernisieren, kein stumpfes Aufkochen – stattdessen von ruhiger Hand gespielter Poprock, mittleres Tempo, behutsam komponiert, hier lärmend, dort melodramatisch, hier Gitarreschlagzeugbass, dort Orgel, Flügel und Streicher. Welche Verfeinerung!

Ach ja, eines ist doch irgendwie dicker aufgetragen, die Gästeliste: Sufjan Stevens, Justin Vernon und Richard Parry von Arcade Fire summen hier und da im Hintergrund. Sie stören nicht weiter.

High Violet” von The National ist auf CD und Doppel-LP bei 4ad/Beggars Group/Indigo

Kategorien: Rock
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Das Album heißt nur “Boxer”

    • 17. Mai 2010 um 17:56 Uhr
    • Ignition
  2. 2.

    Artikel wie dieser verschrecken mich. Den perfekten Song gibt es nicht, dafür gibt es viel zu viele Geschmäcker und Musikrichtungen. Jeder darf sich da selbst entscheiden.
    “Boxer” war groß – insb. als Gesamtwerk. “High Violet” ist, und das ist so stimme ich dem Author zu, zumindest genauso groß.
    Was The National jedoch wirklich einzigartig macht, sind die Konzerte, nicht selten länger als 2h. Nur wenige Bands, die ich bisher gesehen habe, konnten so etwas bieten.
    Um auf den Artikel zurückzukommen. Die größte Gefahr einer solchen Band sind die Medien, die sie auf eine Bühne zerren, wo die Band nicht gehört. Bestes Beispiel Kings of Leon. Der Hype, die Größe der Bühnen die sie nun bespielen, passen leider einfach nicht zu ihrer Musik. Für ihren wahren Glanz brauchen sie kleine, stickige Räume, die Persönlichkeit geht ihnen sonst verloren. Ich glaube seit Ian Curtis hat wohl niemand so viel von sich auf der Bühne preisgeben wie Matt Berninger.
    Leider ist bei The National nun ähnliches zu vermuten, wenn es Artikel in Zeitungen wie der Zeit zu Ihnen gibt.

    • 17. Mai 2010 um 19:06 Uhr
    • robert
  3. 3.

    “Gleich zwei perfekte Lieder: Vor rund drei Jahren erschein Boxer von The National. Darauf gleich zu Beginn diese beiden Stücke, das anrührend verschleppte Fake Empire und der euphorisierende Rocker Mistaken For Strangers. Besser kann ein Debütalbum nicht beginnen, dachten viele damals.” –> Da haben aber viele falsch gedacht, denn “Boxer” war nicht das Debütalbum sondern das 2003er Album “Sad Songs for Dirty Lovers”. Schlecht recherchierter Artikel!!

    • 17. Mai 2010 um 21:06 Uhr
    • Marcus
  4. 4.

    Die Jungs machen schon seit über 10 Jahren Musik: “Boxer” ist nicht ihr Debutalbum, 2 Jahre zuvor erchien bereits “Alligator”, das erste Album der Band auf dem jetzigen Label. Und auch davor sind bereits zwei Alben erschienen (“The National” & “Sad Songs for Dirty Lovers”), “High Violet” ist also das fünfte.

    • 17. Mai 2010 um 22:00 Uhr
    • xcaiero
  5. 5.

    Und Boxer war nicht das National Debüt Album…!

  6. 6.

    Das erste Album der Band hieß “The National”, “Sad Songs for Dirty Lovers” ist ihr zweites.

    • 18. Mai 2010 um 16:14 Uhr
    • Thomas
  7. 7.

    Werte Herren,

    Mitnichten schlecht recherchiert. Schlecht gelesen. Es steht im Artikel schwarz auf weiß: “Beide Gedanken waren falsch, und das hat miteinander zu tun. Denn einerseits wurden The National schon vor mehr als zehn Jahren in Cincinnati, Ohio, gegründet; vor Boxer veröffentlichten sie bereits drei Alben.”

    Beste Grüße aus der Redaktion.

    • 18. Mai 2010 um 16:15 Uhr
    • Rabea Weihser
  8. 8.

    Großartiger Artikel und wunderbar geschrieben. Kings of Leon sind dort wo sie immer hin wollten, sonst hätten sie Ihren sound nicht so dermaßen mit Geschmacksverstärkern aufgepumpt. Heute ein probates Mittel um einen Massiven Basisdruck zu erzeugen und ein wenig “KOL” drauf zu drapieren. Dieser Artikel beschreibt sehr einfühlsam welche gewachsene Klasse dies Band hat und hoffentlich noch lange haben wird und vor allem aus der sachlichen Perspektive eines Genießers und keinem “Spezialisten”. Vielen Dank Jan Kühnemund.

    • 18. Mai 2010 um 16:33 Uhr
    • stefan
  9. Kommentar zum Thema

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