Glamour auf dem Tanzboden
Die Hits der Achtziger und das Beste von heute: Die Scissor Sisters rufen zur “Night Work” und laden alle zum lustvollen Schwitzen ein.
Das Spiel mit dem Verbotenen war schon einmal spannender. Früher mussten Menschen abseits der Norm noch aufpassen, was sie sagen, zeigen, praktizieren. Jetzt, wo nahezu jeder tun kann, was er will, wirkt es fast paranoid, wenn die offensiv homosexuellen Scissor Sisters auf ihrem dritten Album Night Work mit der Heimlichkeit kokettieren, als steckte die Schwulenbewegung noch in ihren Anfängen.
Jake Shears’ Texte sind eine einzige Reminiszenz an Zeiten gleichgeschlechtlicher Klandestinität, als nur Eingeweihte verstanden, was loaded weapons bedeuten und worum es geht, wenn von beatin’ my drum die Rede ist. Inzwischen sind das verbale Überbleibsel einer fröhlich koketten, aber leicht ermüdenden Dauerorgie.
Doch wen interessiert sprachlicher Tiefsinn, wenn Shears, Ana Matronic, Babydaddy und Del Marquis musikalisch derart mitreißen. Zwölf Stücke lang reisen sie von der Disco der frühen Tage über die Boygroup-Ära in Richtung Electroclash, mal temporeich, mal melodramatisch, immer hitzig, stets glamourös.
Im Radio röche solch eine Melange verteufelt nach den Hits der achtziger bis nuller Jahre und dem Besten von heute. Hier ist es die Quintessenz tanzbarer Klänge aus vier Jahrzehnten, verwoben zu einem spürbar lustvollen Gesamtkunstwerk. Es lädt zum Schwitzen ein. Und das ist keine Anspielung.
“Night Work” von den Scissor Sisters ist erschienen bei Universal
Aus der ZEIT Nr. 28/2010

Warum “gleichgeschlechtliche Klandestinität”? Gewinnt die Musikkritik damit an Profundität, wenn es unverschlüsselt nur um schwule Subkultur, Heimlichkeit und Szenensprache geht? Und wenn ich gerade dabei bin: was ist an “offensiver Homosexualität”, die “mit der Heimlichkeit kokettiert”, “fast paranoid”? Leiden die Scissor Sisters an Verfolgungswahn und haben deswegen eine Grand Tour durch die jüngere Vergangenheit der Popmusik unternommen? Wieso überhaupt “offensive Homosexualität”? Ist das etwas schlimmes?
Antworten
Nein, nein – offensive Homosexualität ist wie Heimlichkeit nichts Schlimmes. Aber wenn eine Band, die ihre diesbezügliche Identität so vor sich herträgt, als Teil der Inszenierung, geplante Eigenreduktion, nicht zuletzt als Bandname, dann erscheint mir jede Klandestinität mit dem zur Schau getragenen Selbstbewusstsein zu kontrastieren und somit etwas gestelzt. Zugleich aber vermittelt die Dauerfokussierung aufs Karnevaleske, Paryeske an der Gleichgeschlechtlichkeit, sie inszeniere sich bewusst als Rädchen der Eventgesellschaft. Trotzdem machen die Scissor Sisters atemberaubend unterhaltsamen Pop. Daher der Einwand, das mit dem fehlenden Tiefgang störe auch nicht weiter. Mich jedenfalls nicht.
Gruß, der Autor
Antworten
Also ich find den Sound der Scissor Sisters einfach zeitgemäß, cool und absolut tanzbar… Party on, nicht nur auf der Wiesn!
Antworten