Musik zwischen Disko und Diskurs

Rausgehen und zappeln

Von 30. Juli 2010 um 13:50 Uhr

Eine sehr gelungene Folge der DJ-Kicks-Reihe: Kode9, der Londoner Urgroßvater des Dubstep, nimmt den Hörer mit in seine Privatdisko und zeigt ihm die Kunst des Plattenauflegens.

© !K7 Records

Gehorcht nicht auch das Musikgeschäft vor allem einem Prinzip, nämlich dem von Ebbe und Flut? Kaum ein paar Wochen ist es her, da wurde an dieser Stelle die These geäußert, der Dubstep habe sich weitgehend überlebt. Ein wütender Zwischenruf hallte durch das Blog: “Joy Orbison! Joy Orbison! Joy Orbison!”

Und nun scheint tatsächlich wieder Flut zu sein: Oliver Jones alias Skream spült dieser Tage ein neues Album ans Haff, und auch das rummsende Duo Digital Mystikz lässt die Tide beben. Allesamt sind sie Urväter des Genres. Und noch einer hält die Finger nicht länger still, Steve Goodman alias Kode9, der Urgroßvater des ganzen wilden Bassgewummers. Er gründete das Label Hyperdub und brachte den Dubstep mit den Alben und Maxis von Darkstar, Burial und The Bug und seinem eigenen Debüt Memories Of The Future erst so richtig zum Kochen.

Steve Goodman ist ein vielbeschäftigter Mann. Er lehrte an der University of East London, bringt ab und an mal eine neue 12- Inch-Scheibe raus. Zuletzt veröffentlichte er das Buch Sonic Warfare: Sound, Affect, and the Ecology of Fear, eine Abhandlung darüber, dass man Menschen mit Klängen auch quälen und zerstören kann. Verständlich also, dass ihm die Zeit für ein ganzes neues Album fehlte.

So nimmt er den Hörer im Auftrag von !K7 mit in seine Privatdisko zu einer Runde DJ-Kicks. Wo andere die Gelegenheit nutzen, weit auszuholen und wilde Safaris durch die obskuren Gegenden ihrer Plattensammlung zu veranstalten – Erlend Øye etwa und Four Tet – da führt Steve Goodman erstmal durch die eigenen vier Wände. Wir treffen viele alte Bekannte von Hyperdub, ab und zu lässt der DJ uns durchs Fenster auf die angrenzenden Hinterhöfe von Techno, House, Dancehall, UK Garage und Kwaito blicken. Steve Goodman weiß, was da draußen los ist, das hört man.

Behend mischt er alles zusammen, was im weitesten Sinne als IDM – Intelligent Dance Music – zu bezeichnen ist, verschleppt den ein oder anderen Beat, verzwirbelt mehr als 30 Stücke ineinander. Über die Zukunft des Dubstep erfährt man herzlich wenig – dafür aber einiges über seine Familie im speziellen und das Kunsthandwerk des Plattenauflegens im allgemeinen.

Am Ende einer guten Folge der DJ-Kicks verspürt man den unbändigen Wunsch, hinauszugehen und die Bässe zu fühlen, zu zappeln und schwoofen. Insofern, Steve Goodman, gelungen!

“DJ-Kicks” von Kode9 ist erschienen bei !K7 Records/Alive.

Kategorien: Elektronika
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Mal was anderes: Glaubt ihr, dass durch die Tragödie in Duisburg die Zukunft des Technos/Elektros beeinflusst wird?

    Habe folgenden Beitrag (http://bit.ly/cGAKb2) dazu gelesen und frage mich, ob da was dran ist.

    Antworten

    • 30. Juli 2010 um 14:20 Uhr
    • Schawn
  2. 2.

    Na mal reinhören in das gute Stück. Kode9 der letzten Jahre hat mich eher enttäuscht (bzw. seit die hippe Sau “UK Funky” durchs Dorf getrieben wird), ich langweile mich nachwievor nicht mit dem “achso toten” Dubstep und ich bin (wie soviele) Anfang 2006 mit der legendären “Dubstep Warz”-Sendung von Mary Anne Hobs darauf gestoßen.

    Spätenstens 2009 begann Dubstep (für mich) mit diesem Wobble-Overkill ein wenig versacken (bzw. im massentauglicher werdewn), und ehrlich gesagt vermisse ich den alten, schleppenden, Dubstep ala “Ancient Memories”, “Anti-War Dub” oder “Kalawanji” ein wenig. Dafür gibts aber doch immer mal wieder frische Einflüsse oder auch hin und wieder einfach nur gelungene Wobble-Stücke (Re-Up von Ginz & Joker fand ich z.B. sehr schick, oder interessanterweise auch den Skream-Remix von La Roux).

    Leider hat mittlerweile tatsächlich so mancher DJ der ersten Dubstep-Garde das Lager gewechselt und spielt mittlerweile viel dieses “UK Funky” (wie eben Kode9 oder auch Loefah). Was ich sehr schade finde, da die Grenzen zum “Techno-like” (man verzeihe mir an dieser Stelle den Verzicht die ganzen relevanten Schubladen aufzuzählen ;) ) dabei doch eher fließend sind und ich persönlich daher darauf verzichten kann.

    Dankenswerterweise legte dieses Jahr Mala beim Melt auf, es war leider das erste Mal das ich ihn habe auflegen “sehen”. Aber ich fand es göttlich und viele Mitanwesenden haben sich ebenfalls über diesen Ausflug zu “Dubstep ala 2006″ gefreut. Kode9 b2b Martyn später waren wieder die coolen Trendsetter und haben Uk Funky gespielt. (zumindest die erste halbe Stunde die ich mir noch gegeben hatte – es ist einfach nicht meins). Wie schon letztes Jahr. Gähn.

    Also Dubstep ist (für mich und andere) alles andere als tot – gottseidank.

    Zum Album: wie gesagt mal reinhören. Es gab eine Zeit da hätte ich Kode9-Sachen blind gekauft, aber die sind mittlerweile vorbei ;)

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    • 30. Juli 2010 um 19:26 Uhr
    • cmi
  3. 3.

    Finde diese DJ Kicks CD eher schwach. Die besten sind für mich die von Thievery Corporation, Kruder & Dorfmeister, Kid Loco und Nightmares on Wax.

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    • 30. Juli 2010 um 19:57 Uhr
    • ttx
  4. 4.

    Ich habe mir eben die neue Ausgabe von Dj Kicks auf anraten, dieses Artikels gekauft und eben reingetan….Ich habe genauso das Gefühl, dass ich einfach nicht mehr still sitzen will…
    Wirklich sehr gelungen…kann ich schon nach den ersten paar Durchgängen Hören sagen!

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    • 30. Juli 2010 um 20:22 Uhr
    • hukipola
  5. Kommentar zum Thema

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