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Gefälliger Liederzyklus

 

Songwriter trifft Schriftsteller: Auf „Lonely Avenue“ machen Ben Folds und Nick Hornby gemeinsame Sache. Leider löschen sich ihre Talente gegenseitig aus.

© Eamonn McCabe

Merkwürdig, wie selten Literatur und Musik auf gelungene Weise zusammenkommen. Dabei suchen sie sich doch immer wieder so innig! Wer, wenn nicht ein Komponist wie Franz Schubert, hätte einst die Gedichte des Wilhelm Müller als Winterreise ausgestalten können? Und wer, wenn nicht Ben Folds, könnte heute Texte von Nick Hornby kongenial in die Sprache des Pop übersetzen?

Folds ist ein vor allem in der Independent-Szene gefeierter Popmusiker, Hornby einer der populärsten britischen Popschriftsteller. Lonely Avenue, beider Gemeinschaftswerk, ist alles andere als ein kühl kalkulierter Schachzug, die nicht unerheblichen Gefolgschaften beider Künstler zum Kauf dieser Platte zu motivieren. Wo doch theoretisch schon die Schnittmenge derer, die eine Platte von Ben Folds und einen Roman von Nick Hornby im Regal haben, schon genügen würde, um ein gemeinsames Album zum Hit zu machen. Folds und Hornby verbindet seit einigen Jahren ein geradezu seelenverwandtschaftliches Verhältnis. Und gute Freunde hecken eben gern gemeinsam etwas aus, auch wenn ausgerechnet die Freundschaft dem Ergebnis dann möglicherweise im Wege steht.

Beide debütierten in den neunziger Jahren. Mit Werken, die den herrschenden Zeitgeist so konsequent ignorierten, dass sie bald als dessen reizvoller Kontrast wahrgenommen wurden. So lärmte im Hintergrund larmoyant das damals noch voll ausgelastete E-Gitarren-Sägewerk des Grunge, als Ben Folds mit einem streng gitarrenfreien, klavier- und basslastigen Trio namens Ben Folds Five die Bühne betrat und unverschämt eingängigen, oft ironisch eingefärbten Pop präsentierte. Zunächst als „Billy Joel des Rock“ verspottet, wurde der Mann am Piano bald für die Leichtigkeit bewundert, mit der ihm die berührendsten Melodien zuflogen.

Er konnte klingen wie ein erträglicher Elton John, bescheiden, weit weniger flamboyant. The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner zeigt Folds 1999 auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Danach löste er das Trio auf, und seitdem scheint sich zwar keine Langeweile, aber doch eine gewisse Routine in sein Werk geschlichen zu haben.

Fast zeitgleich erzählte der Englischlehrer Nick Hornby, Jahrgang 1957 und elf Jahre älter als Ben Folds, mit Fever Pitch und High Fidelity von männlichen Obsessionen wie Fußball, Plattensammeln, der Liebe und dem Leben an und für sich. Alltägliche Geschichten, drehbuchreif dialoglastig und leicht wegzulesen, unverschämt eingängig also und oft ironisch eingefärbt. Beide Bücher wurden Bestseller und, wie das Gros seiner späteren Romane, verfilmt, zuletzt gleich nach Drehbüchern von: Nick Hornby. Es mangelte seinen Geschichten aber auch an der Dringlichkeit seiner Frühwerke. Bei Slam und Juliet, Naked machte sich zwar keine Wahl-, aber doch eine gewisse Ziellosigkeit bemerkbar.

2003 lobte Hornby in seiner locker poptheoretischen Aufsatzsammlung 31 Songs Ben Folds ausgerechnet für die einzigen seiner Lyrics, die er nicht selbst geschrieben hatte. Über das Missverständnis kam und blieb man in Kontakt. Im folgenden Jahr spendierte Hornby die Lyrics für einen Song auf Has Been – ein kurios unterbewertetes Album, das Ben Folds dem Schauspieler und Sprechgesangskünstler William „Captain Kirk“ Shatner auf den Leib geschrieben hatte.

Hornby lieferte den Text per E-Mail, Folds ergänzte ihn im Studio um Musik und Melodie. Eine Methode, an der beide Gefallen gefunden zu haben scheinen: „Ben Folds adds music and melody to Nick Hornby’s words“ steht denn auch wie eine Gebrauchsanweisung auf Lonely Avenue. Der Liederzyklus aus elf Songs ist auf altmodischen Bändern aufgenommen worden und erscheint auch in einer audiophilen Version als teure Vinylpressung, ergänzt um vier weitere Kurzgeschichten des Schriftstellers. Rob Gordon, der Plattenladenbesitzer aus High Fidelity, würde an dieser fast schon aufdringlichen Werthaltigkeit seine Freude haben.

Der äußere Eindruck wird durch die Musik noch verstärkt. Folds’ klare, schlichte Kompositionen sind allesamt in geschmeidige Streicher und wohlige Chorgesänge gekleidet. Darin wirken sie vor allem deshalb immer leicht overdressed, weil die Stärke beider Künstler ja gerade in ihrer schlichten, dafür umso treffenderen Klarheit besteht. Dabei ist Lonely Avenue ein enorm informiertes Album, das sein Wissen um die Legenden und Stereotypen der Popgeschichte manchmal sogar recht prätentiös ausstellt.

So spielt etwa der Titel auf einen Klassiker von Doc Pomus an, mit dem Ray Charles 1956 einen Erfolg feierte. Belinda erzählt von der lebenslangen Vorhölle eines Rockstars, der seit 40 Jahren immer wieder seinen einzigen Hit anstimmen muss, eine Hymne auf die längst verflossene Ehefrau. Überhaupt wirkt Lonely Avenue wie ein von Ben Folds arrangiertes und eingesungenes Hörbuch typisch tragikomischer Kürzestgeschichten von Nick Hornby: Einem jungen Mann wird klar, dass er die Tochter von Sarah Palin geschwängert hat (Levi Johnston’s Blues); ein kleines Mädchen feiert mit seinen geschiedenen Eltern einen traurigen Geburtstag (Claire’s Ninth); zwei füreinander bestimmte Menschen leben ein Leben lang nebeneinander her, ohne je zueinander zu finden (From Above). Wo Wohlfühlliteratur auf Wohlfühlmusik trifft, stellt sich beim Hören leider mitunter ein verdrießliches Völlegefühl ein: Gern hätte man ja mehr davon, wäre nicht alles schon zu viel des Guten.

Tatsächlich passen Folds und Hornby dermaßen perfekt zusammen, dass ihre Talente sich nicht einmal mehr ergänzen – sondern gegenseitig aufheben, weil beide in ihrer jeweiligen comfort zone verbleiben. Das Problem ist, dass Hornbys lakonischer Erzählstil den mindestens ebenso poetischen Lyrics von Ben Folds bis auf Punkt, Komma, Tonlage und Thematik gleicht.

Deshalb klingt Lonely Avenue, als würden ein Strandurlauber und ein passionierter Wanderer gemeinsam in, sagen wir, den französischen Seealpen urlauben – in einer Landschaft also, in der es beiden gefällt und keiner ein Risiko eingehen muss. Das Resultat ist zu gefällig, um innig sein zu können.

„Lonely Avenue“ von Ben Folds und Nick Hornby ist erschienen bei Nonesuch/Warner.

Aus der ZEIT Nr. 40/2010