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Stadionrock für Mädchen

 

„Sex On Fire“ war ihr großer Hit, jetzt gibt’s ein neues Album der Kings of Leon. Mit „Come Around Sundown“ halten sie an ihrem Erfolgskonzept fest.

© Dan Winters

Die Reise ins Herz der Finsternis ist noch keine anderthalb Minuten alt. Da heben die Gitarren zum großen Wurf an, das Schlagzeug duckt sich unter den Schlägen, und man möchte Caleb Followill zum ersten Mal in den Arm nehmen, ihn sanft wiegen und ihm tröstend übers wirre Haar streichen.

Mitleiderregend schwingen sich seine schartigen Stimmbänder in die Höhe, der schwer verwundete Held hebt kurz vor dem Verlöschen, eigentlich schon zu schwach, aber noch nicht gebrochen, ein letztes Mal den Kopf und singt: „This could be the end„.

Das muss man zugeben: Pathos können die Kings of Leon. Das beweisen sie erneut auf Come Around Sundown. Jeder einzelne Song auf diesem, ihrem fünften Album scheint an sich selbst zu leiden: Die elektrischen Gitarren jammern und jaulen, der Bass grummelt mies gelaunt. Vor allem aber ist es natürlich diese Stimme, jenes scheinbar stets kurz vorm Krächzen stehende Organ, das Caleb und die anderen drei, mindestens genauso süßen Followills befördert hat zu Lieblingen jener Mädchen, die feststecken zwischen Geschlechtsreife und Strafmündigkeit.

Die andere Hälfte des Publikums besteht aus den Jungs, die glauben die Unschuld dieser Mädchen erobern zu können, indem sie Zeilen aus Sex On Fire rezitieren. Diesem größten Hit der Kings of Leon und dem dazugehörigen, weltweit mehr als sechs Millionen mal verkauften Album Only By The Night nachfolgen zu müssen, diese undankbare Aufgabe hat nun Come Around Sundown übernommen. Und bewältigt sie überraschend gut.

Jeder Song, wie gewohnt montiert aus Elementen des Southern und des Alternative Rock, ist ein kleines, ziseliertes Drama, in dem meist die Unmöglichkeit der Liebe verhandelt wird, die zum Schöpfer und die zu seinen Geschöpfen. In seine Stimme legt Caleb Followill offenbar all die Seelenqualen seiner Kindheit, in der er und seine Brüder vom wanderpredigenden Vater durch die Vereinigten Staaten geschleppt wurden.

Diese puritanische Vergangenheit mag auch dafür verantwortlich sein, dass die drei Brüder und ihr Cousin aus dem US-amerikanischen Süden Sex On Fire als „ein Stück Scheiße“ bezeichnet haben. Dabei ist ihnen doch auch diesmal wieder ein Gassenhauer von solch simplifizierender Großartigkeit gelungen: Die erste Single Radioactive besteht vornehmlich aus einem kurzen, prägnanten Gitarren-Lick, einer sich geschickt steigernden Dramaturgie im Midtempo und schließlich einem zum Mitgröhlen im Stadionformat geeigneten Refrain.

Mit Come Around Sundown sind die Kings Of Leon also gut aufgestellt, mal wieder ein paar Millionen Platten an ihre Anhängerschaft abzusetzen, auch wenn sie die selber mittlerweile „not fucking cool“ finden. Trotzdem halten sie am bereits bewährten Erfolgsrezept fest.

Nur ein einziger Song, Mary, versucht, aus dem bedeutungsschwanger dräuenden Gesamteindruck auszubrechen und stattdessen die unverdorbene Aufbruchstimmung der sechziger Jahre einzufangen mit seinen Beach-Boys-Chorälen und Reminiszenzen an den frühen Rock’n’Roll.

Aber auch hier kommt den Kings of Leon die eigene Schluffigkeit in die Quere. Selbst dieser vermeintlich fröhliche Song wälzt sich eher schwerfällig daher. Es ist schon wieder so ein Moment, wo man Caleb Followill ganz dringend in den Arm nehmen möchte.

„Come Around Sundown“ von Kings Of Leon ist erschienen bei RCA/Sony Music.

5 Kommentare

  1.   Independent Music

    Und warum nennen sie ihr Album „ein Stück Scheisse“? Weil warscheinlich wieder mal eine ganze Legion von Managern, Beratern, Designern, PR-Sprechern, Marktforschern und Produzenten diese einst grossartige und vielversprechende Band ruiniert haben indem sie ihr vorschreiben 3 Minuten lange Radiosongs mit Refrains zum Migröhlen zu schreiben und möglichst an allen grossen Festivals diese Songs auf und ab bis zur Sinnlosigkeit zu spielen. Die Majorlabel-Plattenindustrie lässt Grüssen und Mr Steve Albini hat wiedermal recht: Wer nicht in die Situation kommen will wo man seine Musik nur noch bescheuert findet obwohl man Millionen von Platten verkauft, soll unabhängig bleiben.

  2.   honey44

    wow, gratuliere…
    glaub nich das man noch oberflächlicher oder in dem maßen themenfremd über eine band schreiben kann, deren erfolg für sich spricht…

  3.   augenblick

    Kann mich honey44 nur anschließen. Der Titel des „Artikels“ deutet auf die aus dem trüben Wasser des Mainstreams herausragende Spitze des Eisbergs „Kings Of Leon“. Ich kann mir schwer vorstellen, dass Formulierungen und Betrachtungsweise des Autors genauso ausgefallen wären, wenn man sich vor dem Hintergrund der gesamten Bandgeschichte mit dem neuen Album befasst hätte.

    Auch das Portrait der Band ist verzerrt (Stichwort: Aufteilung der Fans in 50% kreischende Mädchen, 50% sabbernde Jungs). Oder die Unterstellung kindheitlicher Seelenqualen des Sängers: sie sprüht geradezu von naiver Oberflächlichkeit bzw. letztendlich von boshafter Faulheit die Qualitäten der Band nicht differenzierter zu betrachten – sei es aus Neid, subjektiver Antipathie oder Unvermögen.

    Aber das sind Spekulationen meinerseits. Der Unterschied? Ich benenne sie.

    Letztendlich ist Musik glücklicherweise eine Frage des Geschmacks.

  4.   Pascal

    Ich finde dieser Artikel ist eine bodenlose Freichheit! Mehr kann man dazu einfach nicht sagen..allein schon der Titel ist Wahnsinn…hier geht es immerhin nicht um Tokio Hotel!
    Pascal aus Niederösterreich

  5.   clee

    Meiner Meinung nach trifft der Artikel es endlich mal auf den Punkt. Wer die ersten beiden Alben der Band kennt, hat noch die wirklichen „Kings of Leon“ kennen gelernt!
    Alles, was sie in den letzten Jahren auf den Markt geschmissen haben, ist der totale Einheitsbrei und auf einmal ist jeder Fan von KoL.
    Da steckt doch nichts eigenes mehr in der Sache, dabei könnten sie mit einem Sänger von diesem Stimmenformat der echte Wahnsinn sein!