Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Afrika für den Club

Von 1. Dezember 2010 um 12:26 Uhr

Pingpong zwischen Westen und Süden: Mit seinen Musikimporten aus Afrika spielt das DJ-Duo Radioclit ein tanzwütiges Publikum in Trance.

© Crammed Discs

Ginge es nach dem Willen ihrer Macher, so sollte diese Zusammenstellung im Plattenladen nicht unter “World Music” stehen, sondern unter “Pop”. “Weltmusik wird doch immer noch mit bärtigen Hippies und Pygmäengesängen assoziiert”, sagt Etienne Tron, ein Franzose, der zusammen mit dem Schweden Johan Hugo das Duo Radioclit betreibt. Radioclit hingegen glauben an den globalen Pop.

Seit einigen Jahren schon begeistern sich die beiden DJs und Remixer – nebenbei unterhalten sie ein Bandprojekt namens The Very Best – für zeitgenössische elektronische Tanzmusik aus der Dritten Welt. Es gibt auch schon ein Etikett dafür: Ghettotech. Tron und Hugo haben die Verbreitung dieser aus Folklore-Elementen und technoiden Rhythmen verlöteten Straßenmusik aus den Slums und Townships Afrikas zur Mission erhoben: Seit Jahren befeuern sie damit ihre Club-Secousse-Nächte in London und Paris, wo sie mit ihren Afrika-Importen ein technosozialisiertes Publikum in Trance spielen.

Nun haben sie ein gutes Dutzend ihrer Lieblingstracks zusammengetragen: Die Musiker stammen von der Elfenbeinküste, aus Angola oder Südafrika. Doch das weltmusikübliche Booklet mit Biografien, regionalen und soziopolitischen Hintergründen sucht man vergeblich: Diese Form von Authentizität hat Radioclit nie interessiert. Vielmehr wollen die beiden DJs das Pingpongspiel zwischen westlichen und afrikanischen Einflüssen in der Popmusik offenlegen – und die Musiker aus der Dritten Welt gleichberechtigt in einen Clubkontext stellen. Hantieren doch in letzter Zeit immer mehr westliche DJs, Pop- und Rockbands mit afrikanischem Vokabular.

Wie weit dieser Austausch schon gediehen ist, zeigt eine andere Kompilation: Auf Tradi-Mods vs. Rockers bearbeiten und covern zwei Dutzend westliche Remixer die elektrisch verstärkte Musik der Lamellophon-Orchester aus dem Kongo. Ihr Ausgangsmaterial erinnert mit seinen verzerrten Loops und kreiselnden Riffs bereits unwillkürlich an westliche Techno-Ambient-Avantgarde. Nun aber wird dieser Assoziationsfaden in subtilen Bearbeitungen aufgenommen und weitergesponnen – und das auf Augenhöhe mit den Originalen. Keine Frage: Im Treibgut der Globalisierung steckt der Pop der Zukunft!

Radioclit Presents the Sound of Club Secousse Vol. 1 und Tradi-Mods vs. Rockers. Alternative Takes On Congotronics sind erschienen bei Crammed Discs/Indigo.

Aus der ZEIT Nr. 48/2010

Kategorien: Elektronika, Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Was ist das für ein alter hut, der hier präsentiert wird. Hat der verfasser dieses berichts (Jonathan Fischer) bisher im keller gelebt?
    African House Music ist in insiderclubs schon längst vertreten.
    Nur wollen wir mal tacheles reden; die commerzmaschine namens majorlabel wollen jetzt einen “neuen” hype lancieren und fett kasse machen.
    Ich lege weiter meine sounds aus nordafrika (direktimport) auf. Meine fan-boys/girls wissen das schon längere zeit zu schätzen.
    Move on….

    • 1. Dezember 2010 um 13:11 Uhr
    • Jo aka Hackintoshi
  2. 2.

    Tolle Musik!

  3. 3.

    nett

    • 1. Dezember 2010 um 16:40 Uhr
    • zulu
  4. Kommentar zum Thema

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