Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Nudeln in Ekstase

Von 13. Dezember 2010 um 17:21 Uhr

Tanzen für den Intellekt und den Frohsinn: Hier ist die passende Platte dazu. “Ten Ragas To A Disco Beat” vereint indische Tradition und treibende House-Rhythmen.

© Mark Dadswell/Getty Images

Diese Platte hat ein Geheimnis. Wir werden Ihnen den Spaß nicht verderben, es selbst zu entdecken. Wir verraten nichts. Hören Sie sich die beiden Stücke hier an, von Anfang bis Ende, das ist wichtig.

Und?

Sie haben es erraten? Das war einfach?

Ach, nein, Sie haben es nicht erraten? Versuchen Sie es noch einmal, hören Sie nun nur die ersten 45 Sekunden der beiden Stücke, direkt nacheinander. Und?

Ach so, pah.

Erstaunlich aber doch, oder? Genau so geht die Platte nämlich weiter. Ten Ragas To A Disco Beat hat der Inder Charanjit Singh sein Werk genannt – und damit ist es auch schon beschrieben: Zehn Lieder, zehn indische Ragas, alle zu ein und demselben Diskowumms. Es fiept minimalistisch und atonal, es stampft schnell und behend: Ten Ragas To A Disco Beat ist eine astreine Acid-House-Platte.

Doch, auwei, diese Platte erschien bereits im Jahr 1982, mindestens drei Jahre also bevor Acid House in Chicago erfunden wurde. Es heißt, Charanjit Singh habe die Platte innerhalb von zwei Tagen eingespielt – interessiert hat das aber so gut wie niemanden. Auf der Hülle des Originalalbums raunte es damals: “Die Klänge der indischen Instrumente – Flöte, Santoor, Veena, Been und Shahnai – wurden alle vom selben Synthesizer erschaffen!” SYNTHESIZING prangte damals groß auf der Front, Ten Ragas To A Disco Beat war nur winziger Untertitel.

Fiepen und Wummern war Charanjit Singh nur Nebenbeschäftigung, seit den Sechzigern komponierte er Musiken zu Bollywoodfilmen. Seinen Ausflug in ein Genre, das es noch gar nicht gab, hatte er selbst wohl beinahe vergessen, als ihn der Holländer Edo Bouman vor einigen Jahren aufsuchte und ihm von der Platte vorschwärmte. Er hatte sie in einem Second-Hand-Laden in Delhi gefunden – so beginnt heutzutage ja beinahe die Geschichte jeder obskuren Wiederveröffentlichung.

Und so gehen solche Geschichten dann weiter: Edo Bouman gründet das Label Bombay Connection und rubbelt angelaufene Perlen glänzend. Zuerst dicken Funk und käsigen Soul aus vergessenen Bollywoodfilmen, nun eben Ten Ragas To A Disco Beat. Toll, dass das offenbar heute so einfach geht.

Und keine Angst, der Reiz der Platte liegt nicht allein in ihrer Dreistigkeit oder Vorzeitigkeit. Sie klingt weder alt noch modern, nein zeitgemäß. So zeitgemäß, dass mancher Hörer vermutete, es handele sich um eine getarnte Veröffentlichung von Aphex Twin.

Das gewundene Surren der Synthesizer (damals sicherlich der heißeste Scheiß, aber das sollen Profis entscheiden: Roland Jupiter-8, Roland TB-303, Roland TR-808, das steht auf der Hülle) geht aber auch ins Ohr, meine Herren, der Beat ist frech minimalistisch. Scheinbar frei in die Tasten improvisiert, nudeln sich Synthesizer in Ekstase, die Tonleiter rauf und wieder runter – und doch sind es klassische Motive und Melodien, die Charanjit Singh spielt.

Jeder Raga entspricht einer Stimmung oder Lebenslage und soll ausgleichende Wirkung haben. Der Raga Bhairav etwa, Sie haben ihn vorhin gehört, soll inneren Frieden herstellen, Spannungen lösen und von Melancholie und Resignation befreien. Er regt die intellektuellen Fähigkeiten an und wird am besten morgens gesungen.

Haben Sie’s gespürt?

“Ten Ragas To A Disco Beat” von Charanjit Singh ist erschienen bei Bombay Connection.

Kategorien: Elektronika, World
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die CD ist aus westlicher Sicht sicherlich eine reine ACID-HOUSE-Platte, aber man muß hier vielleicht einmal kurz auf die klassische indische Musiktradition eingehen: Die Ragas bilden so etwas wie eine Bibliothek von Skalen, die den Hörer in Resonanz mit der dem jeweiligen Raga zugeordneten kosmischen Schwingung versetzen und dementsprechend eine positive bis heilende Wirkung im Hörer entfalten können. Die Meister der indischen Tradition sind deshalb auch immer spirituelle Meister, denn die Musik-Tradition ist in Indien der Königsweg zur Erkenntnis der Realität. “Alles ist Klang”, dieses indische Sprichwort meint: Alles funktioniert genauso wie Klang/Musik. Schopenhauer sagte: “Musik ist so sehr, was jede Kunst zu sein strebt, nämlich die Wiederholung der Welt in einem einzigartigen Stoff, so daß, wer die Musik zur Gänze erklärt, damit auch die Welt erklärt hätte.” So sehen das jedenfalls die Inder. Dazu paßt, daß die Aborigines in Australien Songlines haben (Bruce Chatwin: Songlines bzw. Traumpfade), die wie Landkarten funktionieren und den Glauben überliefert haben, daß die Welt in Existenz gesungen wurde, ein Thema, das J. R. R. Tolkien in seinem Silmarillion aufgreift und den Gott der Silmarillion-Welt ebenfalls seine Welt von Hilfsgeistern (Spirits) in Existenz singen läßt. Die westliche Sichtweise, Musik sei verzichtbare Unterhaltung, ist eine unwissende, arrogante, und letztendlich eine potentielle Beleidung der indischen traditionellen Sichtweise. Vielleicht sollte man dies im Hinterkopf behalten, bevor man die oben besprochenen Werke stark vereinfacht eine astreine Acid-House-CD nennt. MfG

    • 14. Dezember 2010 um 11:03 Uhr
    • Lukas Ernst
  2. 2.

    …na dann suchen sie mal ein Track von Aphex Twin, der so eine stupide Bassline vorzuweisen hat ;)

    • 14. Dezember 2010 um 19:20 Uhr
    • der Andy
  3. Kommentar zum Thema

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