Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Soul, Sex und Blues

Von 17. Dezember 2010 um 14:44 Uhr

Über die Jahre (61): Ein Ausnahmesänger in der Form seines Lebens: Was Johnnie Taylor 1972 auf der Bühne des Summit Club bot, ist ein Konzert für die Ewigkeit.

© Sony

Warum Johnnie Taylor im August 1972 aus dem Line-Up des legendären Wattstax-Konzerts gestrichen wurde, ist nicht bekannt. Gut möglich, dass er Isaac Hayes, seinem Kollegen und Rivalen bei Stax Records, einfach nicht gönnte, dass er das Ereignis im Coliseum von Los Angeles als Schlusspunkt beenden durfte. Immerhin war damals Taylor und nicht Hayes der Star des Labels. Jedenfalls fehlte Taylor an diesem Abend. Aber was für ein Glück! Denn er spielte statt dessen ein eigenes Konzert im nahe gelegenen Summit Club – und legte einen Auftritt hin, wie man ihn selten erlebt.

Erst 2007 brachte Concord, der neue Besitzer des Konkurs gegangen Stax-Labels, den ganzen Mitschnitt als CD heraus. Was man auf Live At The Summit Club zu hören bekommt, ist nicht einfach ein Konzert, das Stück für Stück voranschreitet, sondern ein Abend, der sich ereignet – mit einem Ausnahmesänger in der Form seines Lebens. Taylor trägt seine Lieder nicht bloß vor, er schimpft, singt, schreit, schmachtet und zischt, er flirtet und er hadert, mal mit dem Publikum, mal mit der Band.

Vielleicht lag es am Publikum. Taylors Auftritt wurde für den Dokumentarfilm Wattstax mitgeschnitten, und jener kurze, aber heftige Ausschnitt, der schließlich in den Film aufgenommen wurde (Jody’s Got Your Girl), belegt: Stammgäste des Summit waren, wie es im Booklet heißt, “fur-lined players and ice-cold hustlers” aus der Halbwelt des schwarzen Los Angeles. Zuhörer also, die man lieber nicht enttäuschen möchte.

Vielleicht lag es aber auch an der Band. Das ausgezeichnete, aber kurzfristig zusammengewürfelte Orchester (es passte kaum auf die Bühne) leistet sich nämlich einige grobe Patzer. Immer mal wieder muss Taylor die Musiker ermahnen (“Put a little spice in this thang, we’ve been draggin’ here all night!“). Die Verstimmung zwischen ihm und seiner Band frustriert den Sänger hörbar – und treibt ihn, quasi überkompensierend, zu Höchstleistungen an.

Die Atmosphäre ist aufgeladen – mit einer Erotik, die nicht schwül ist oder geschmeidig wie bei Isaac Hayes oder Marvin Gaye, sondern schmutzig, maskulin, roh, und doch oft lässig, als wäre es Swing. Das liegt nicht allein an der Glut in Johnnie Taylors wandlungsfähiger Stimme, es liegt an seiner Musik überhaupt: Wie kaum einem anderen gelang dem Philosopher of Soul, wie man ihn nannte, die Verschmelzung von Sex und Schwermut, von Verführung und Sehnsucht – von Soul und Blues.

Wenn Taylor auf der Bühne dann dem Funk noch freien Lauf lässt, ist eine heftige Mischung angerührt. Man höre nur das rasende Steal Away, das unerbittlich nach vorn gehende Jody’s Got Your Girl oder das schwelende Hello Sundown mit seinen schleppenden Bläsersätzen: Fast zehn Minuten lang arbeitet Taylor sich durch dieses Blues-Monster, verwickelt das Publikum in ein mitreißendes call-and-response, duelliert sich improvisierend mit dem Saxofonisten, setzt dann wieder vorne an – lachend, fauchend, balzend beherrscht Taylor den Summit Club wie ein Priester seine Kirche. Wohl kaum jemals waren sich Soul, Sex und Blues so nah wie an diesem Abend. Ein Abend für die Ewigkeit.

“Johnnie Taylor – Live At The Summit Club” ist 1972/2007 erschienen bei Stax Records/Concord.

Kategorien: Soul
Leser-Kommentare
  1. 1.

    absolut groovig…..master of soul

    • 17. Dezember 2010 um 16:36 Uhr
    • erki
  2. 2.

    “roh” … “schmutzig” … “die Verschmelzung von Sex und Schwermut”

    Muss man eigentlich jedes Klischee raushauen? Werden Musikkritiker jemals lernen über afro-amerikanische Musiker zu schreiben ohne auf die oft wiederholten, aber dadurch nicht besser werdenden, Vorurteile des absurden Konzepts der “Schwarzen Musik” zurückzugreifen?

    Jede Verbindung von Hautfarbe und bestimmten Eigenschaften hat seine Schattenseiten: Wie würdet ihr “Weiße Musik” beschreiben, das Gegenkonzept zu oben gepflegten Konzepten? Intellektuell? Gekonnt? Zivilisiet? Das klingt jetzt auf einmal ziemlich rassistisch.

    • 17. Dezember 2010 um 18:36 Uhr
    • NilsR
  3. 3.

    @NilsR: klar nervt es, wenn man sich nur in der klischeekiste bedient, aber wie würdest denn du diese musik beschreiben? finde klischee hin oder her, dass sie tasächlich ordentlich roh und schweißtreibend klingt und da ne menge sex mitschwingt. man kann ja nun die sprache nicht jedes mal neu erfinden.

    • 20. Dezember 2010 um 15:10 Uhr
    • pixiedust12
  4. 4.

    Die Story dahinter: Mafioso-Party, die interessieren sich nicht wirklich für Musik, aber für Protz. Entsprechend das Orchester, spielt was das Zeug hält. Johnnie Taylor singt dagegen an. Leute, die ihm zuhören applaudieren. Zu den andern sagt er: “I don’t need nobody!”

    • 28. Dezember 2010 um 08:47 Uhr
    • MiaZuhl
  5. 5.

    aufregen ist das Eine: ich fand die Beschreibung als völlig akzeptabel…was wäre denn Ihre Beschreibung? Ich kann den Vorwurf auch nicht nachvollziehen, dass diese Attribute sich nur auf schwarze Musiker bezieht…wenn man Ihren Beitrag so liest…virtuelles Kopfschütteln…sind sie etwa…ein Gutbürger bzw. GutHörer? ;)

    • 30. Dezember 2010 um 13:03 Uhr
    • der Andy
  6. 6.

    apropos Klischee:

    Wer sich hier über Klischees aufregt, der schaue sich das Video an, das Gebalze und Gestelze der Dandies…wer bedient hier welches Klischee?

    • 30. Dezember 2010 um 13:05 Uhr
    • der Andy
  7. Kommentar zum Thema

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