Musik zwischen Disko und Diskurs

2D allein zu Haus

Von 7. Januar 2011 um 10:32 Uhr

Damon Albarn hat für die Gorillaz ein neues Album aufgenommen – allein auf seinem iPad. Angesichts der technischen Beschränkung klingt es überraschend gut.

© EMI Music

Man muss sich Damon Albarn als manischen Arbeiter vorstellen. Erst bringt er seine Band Blur wieder zusammen, mit viel Tamtam, großem Konzert und zugehöriger DVD. Dann reist er mit einem irrsinnigen Zirkus und einem Dutzend Gastmusikern um die Welt, um das Gorillaz-Album Plastic Beach aufzuführen. Und fast nebenbei schraubt er auf seinem iPad ein neues Album zusammen. Studiomischpult und Aufnahmekammern braucht ein Albarn nicht.

Die Mitglieder der Gorillaz-Fanclubs konnten The Fall zu Weihnachten kostenlos herunterladen. Alle anderen dürfen die 15 neuen Lieder im Tausch gegen eine eMail-Adresse immerhin im Stream hören. Eine Single kann, unterlegt mit Impressionen von der Nordamerika-Tour der Band, auf YouTube bestaunt werden.

Mit üppig knarzendem Bass und einer Synthie-Stimme im Stück Phoner To Arizona beginnt das Album. Bis auf wenige Ausnahmen klingt The Fall technoider, experimenteller und weniger eingängig, als man es von den Gorillaz gewohnt ist. Die bunte Cartoonwelt um 2D, Noodle, Murdoc Niccals und Russel Hobbs ist etwas verblasst. Auf dem Cover zeigt sich nur der Sänger: Es ist im Grunde ein 2D-Soloalbum.

Anders als alle regulären Gorillaz-Platten dreht sich The Fall nicht um die Zusammenarbeit mit anderen Musikern. Neben Albarn, der 2D seine Stimme leiht, tritt kaum jemand auf, vor allem kein einziger Rapper. Das ist bemerkenswert, galt doch das Gorillaz-Projekt einmal als Albarns Hiphop-Abenteuer.

Den Bass im Instrumentalstück Aspen Forest spielt immerhin die Punklegende Paul Simonon, vormals bei The Clash. Und Bobby Womack singt Bobby in Phoenix. Stilistisch ist The Fall wenig festgelegt, vielmehr schwingt es zwischen den vielen Projekten Damon Albarns hin und her: Hier klingt es ein wenig nach Blur, dort nach The Good, The Bad and The Queen, dann auch nach den Gorillaz und oft genug so, als würde sich Damon Albarn einfach die Wartezeit zwischen zwei Auftritten durchaus hörenswerten Fingerübungen vertreiben.

Und das ist wirklich beeindruckend: Wie beiläufig Albarn diese eigenwilligen bis eingängigen Elektropopstücke komponiert. Mal eben so, auf einem Tablet-Computer zusammengeschustert und – zack – ins Netz gestellt.

Dass dieses facettenreiche, stellenweise großartige Album auf die recht abgespielte Gorillaz-Erzählung verzichtet, muss niemanden bekümmern. Ein wenig schade ist es lediglich, dass Albarn so wenige der Gastmusiker, die ihn auf der Tour begleitet haben, zum Mitmachen animiert hat. Nun, vielleicht kommt das noch, denn das bisher als Demo betitelte The Fall soll im Laufe des Jahres auch als reguläres Album erscheinen.

“The Fall” von Gorillaz erscheint bei EMI und ist derzeit hier als Stream abzurufen.

Kategorien: Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    mag mich täuschen, aber, hieß es nicht noch, nach “plastic beach” ist es vorbei mit den gorillaz?

    Antworten

    • 8. Januar 2011 um 15:09 Uhr
    • pixiedust12
  2. 2.

    Mit Superlativen sollte man sich eigentlich zurückhalten (die gehen einem bei der Betrachtung des Gesamtwerks von Damon Albarn sowieso schnell aus), aber ‘The Fall’ ist für mich ein Meisterwerk.

    Ich war immer schon ein Fan elektronischer Musik, aber welch Wärme er aus einem iPad und einer Kiste voller moderner Spielsachen rausholt – einfach schön!

    ‘Ich bin der Musikant mit Taschenrechner in der Hand’ wie einst Kraftwerk sangen, fällt mir dazu ein. Wer hätte das damals, ja vielleicht vor nur 10 Jahren erwartet, dass Musik mitnichten den technologischen Tod sterben würde, sondern durch diese neuen Gerätschaften bereichert werden.

    Damon Albarn hat es geschafft!

    Antworten

    • 19. Januar 2011 um 17:34 Uhr
    • Mike_E
  3. 3.

    Damon Albarn hat es wirklich raus, seine schwere Stimme mit leichten Beats zu verbinden, sodass ein bittersüßer Sound daraus wird.
    Er hat noch immer bedeutungsschwere Texte in manchen Liedern, bringt sie aber so rüber, dass man seine Lieder in jeder Gemütslage hören kann und sie die aktuellen Gefühlslagen verstärken.

    Es lohnt sich wirklich, seine Emailadresse herzugeben, um hier rein hören zu dürfen.

    Danke für den Musiktip, Herr Erk.

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    • 14. März 2011 um 12:37 Uhr
    • lekcin
  4. Kommentar zum Thema

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