Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Der Jugend ist zum Kotzen

Von 28. Februar 2011 um 16:43 Uhr

Auf ihrem Debütalbum ruft die Band 206 eine “Republik der Heiserkeit” aus. Grimmig und doch hoffnungsvoll macht das Trio aus Halle seiner sozialen Unzufriedenheit Luft.

© Ralf Kornmann

Für ein Gefühl der Melancholie, eine Ahnung von Perspektivlosigkeit, für einen tragfähigen Mix aus Weltschmerz, Wut und Rebellion braucht es manchmal nicht mehr als einen kleinen Basslauf. Da reichen schon drei Noten, ganz monoton zum aufgebrachten, gar nicht mal tobsüchtigen Gesang heruntergezupft, um den Gemütszustand einer Avantgarde des Aufbegehrens zu verstehen. Und die ist alles andere als gut gelaunt.

Denn während drei Viertel, vier Fünftel, ach, fast alle, die so gern unter “musikalischer Jugend” subsumiert werden, fröhlich konsumierend dem Niedergang entgegenträllern, greift der kleine Rest zum Saiteninstrument und verwandelt zornigen Schwermut in grimmige Hoffnung auf etwas völlig Anderes.

“Einen neuen Zusammenschluss”, schlägt Timm Völker vor, “die Idee einer Republik”. Nicht mehr und nicht weniger sei das Konzept des Debütalbums seiner Post-Punk-Formation 206. Und weil das doch ein wenig altbacken klingt, akademisch, popuntauglich jedenfalls, hat sie die Staatsform ihrer Platte kryptisch ergänzt. Republik der Heiserkeit heißt sie und will zusammenführen, was zusammengehört: Die Unzufriedenheit der Menschen im Ist-Zustand nämlich, wie es der singende Gitarrist nennt, mit der zugehörigen Tonlage. Kein Wunder, dass die nicht gefällig daherkommt.

Republik der Heiserkeit ist das derzeit wohl nachdenklichste all der kampfeslustigen Angebote im deutschsprachigen Gitarrenrock: 14 analoge Stücke in Moll, 14 basslastige Bestandsaufnahmen gesellschaftlicher Zustände, 14 Mal viel Text gegen Lounges, Nazis, Geschichtsvergessenheit, all so was.

Musikalisch irgendwo zwischen Von Spar und 1000 Robota, Palais Schaumburg und den Goldenen Zitronen, teilt sich das Trio aus Halle auch deren inhaltliche Ausrichtung entlang von Konsumkritik und Klassenkampf, ergeht sich dabei aber nie in Lyrik, Pathos oder Parolengebrülle. “Was bleibt mir anderes übrig als mit meiner Armut anzugeben”, singt Timm Völker in Goldjunge und meint damit sicherlich keinen Arbeiterstolz.

Es ist der Gestus einer Jugend, die schnell, zu schnell erwachsen geworden ist. Die mit Anfang 20 dunkle Pullover und schwarze Krawatten trägt, nicht nur, weil es cool ist, sondern angemessen. Deren Gesichter selten von Ausgelassenheit und Übermut zeugen, sondern von Grübelei und Trotz. Das nimmt ihrer Musik jede Leichtigkeit, jeden Leichtsinn, aber auch die Beliebigkeit.

206 machen Gedankenpunk, nur dass Völker, sein Bassist Leif Ziemann und ihr präziser Schlagzeuger Florian Funke nicht wirken wie 1,2,3,4-Rock’n'Roller, geschweige denn wie Trendrevolutionäre der Marke Telekommander. Sie finden das alles hier tief im Inneren zum Kotzen, wischen danach aber auf.

Sie sind die Jäger, Sammler und Übersetzer einer aufgestauten Depressivität. Das hyperaggressive Kratzer to the Top zu Beginn gleichberechtigt neben dem Titelstück am Schluss, ein einzelner Basslauf nur. Mehr braucht es nicht. Nicht an dieser Stelle.

“Republik der Heiserkeit” von 206 ist erschienen bei ZickZack.

Kategorien: Punk, Rock
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Weiter so, Jungs!
    Aber nicht primär GEGEN etwas sein,
    sondern sich selbst als Kern einer neuen Art von Lebensart sehen, eine Art, die ansteckend wirkt.
    Ihr als Bazillus, als Mutige… so muß es sein!
    Das war damals das Geheimnis der Beatles und Stones in den 60ern!
    Die Mädels schrien, weil die Beatles Grenzüberschreitungen wagten. Die Mädchenfrisur-Pilzköpfe wurden als besondern männlich, weil jugendlich unbekümmert- frech gefeiert, weil eben mit dem “Femininen” oder Emotionalen in sich selbst locker und offen spielend, das war politisch- gewagter als jeder noch so schlaue Politsong!
    Denn sie sagten: weg mit dem Puritanismus, der Körper- Phobie der 50er Jahre. Zieht knackig enge Hosen an und tanzt mit Euren Mädels, lebt Eure Lust auf das Leben!

    • 28. Februar 2011 um 18:42 Uhr
    • Impuls
  2. 2.

    bei sonem kommentar kriegt jeder junge typ das kotzen. und das nicht aus trotz- sondern aus verzweiflung.

    • 1. März 2011 um 13:28 Uhr
    • spandau
  3. 3.

    @Impuls
    Jawohl, Herr Oberlehrer! Und welche neue Lebensart meinen sie denn? Das würde mich jetzt schon interessieren. Ich kann mir echt gut vorstellen, dass die Kids es gar nicht erwarten können, ihren rechten Weg zu beschreiten. Aber wenn die dennoch das Kotzen kriegen sollten, helfen sie denen sicherlich beim Aufwischen, gell.

    • 1. März 2011 um 15:56 Uhr
    • hu
  4. 4.

    @Impuls:
    das ist sicherlich nett gemeint, allerdings ist der puritanismus der 50er jahre schon seit längerer zeit geschichte….genau genommen leben wir sogar in einer recht hedonistischen epoche (da haben die beatles und die stones ganze arbeit geleistet).
    hier geht es auch gar nicht darum primär gegen etwas zu sein, sondern etwas zu benennen.
    wenn du dir die songs angehört hättest, wäre dir das event. auch aufgefallen…

    • 1. März 2011 um 22:39 Uhr
    • datapopstar
  5. 5.

    Porträt der Band hier: http://bit.ly/eZoLU4

    • 2. März 2011 um 12:47 Uhr
    • vondersaale
  6. 6.

    straight, hart und kurz. so soll es sein. battle on.

    • 2. April 2011 um 20:58 Uhr
    • maciste rufus
  7. Kommentar zum Thema

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