Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Die Berliner Elitetruppe

Von 3. März 2011 um 14:12 Uhr

Sir Simon Rattles Philharmoniker gehen auf Konzertreise und begeistern London. Jetzt fragt die britische Presse: Warum sind die so verdammt gut?

© Monika Rittershaus

Mike Skinner, James Blake, Anna Calvi – ein Großteil der spannenden, aktuellen Popmusik entsteht in England. Kürzlich diskutierten wir an dieser Stelle, warum die britische Poplandschaft so viel lebendiger ist als die deutsche.

Nun regt sich tatsächlich Neid in London: Warum sind die Berliner Philharmoniker so viel brillianter als englische Orchester?

Es gibt anscheinend so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. Wenn schon nicht in der Invention neuer Musik, so ist Deutschland immerhin führend in der Interpretation der klassischen. Wobei, “ganz Deutschland” ist vielleicht etwas hoch gegriffen, geht es doch nur um die beeindruckende Qualität der Berliner Philharmoniker, die regelmäßig unter die drei besten Orchester der Welt gewählt werden.

Angestoßen wurde die Diskussion durch einen mehrtätigen Philharmonikerbesuch in London, flankiert von Konzerten. Die britischen Medien waren ganz aus dem Häuschen ob Sir Simon Rattle und seiner 128 Musiker: “Nachdem so viele Tausend Worte und Hunderte ekstatischer Adjektive in dieser Woche über die Berliner Philharmoniker geschrieben wurden, müssen wir uns die grundlegende Frage stellen: Was ist ihr Geheimnis?” schreibt Fiona Maddocks im Observer.

Während sie Gründe in Rattles Stil, der Jugend des Orchesters (Altersdurchschnitt 38 Jahre) und einem großen Anteil internationaler Musiker sieht, hebt ihre Kollegin Charlotte Higgins vom Guardian auf die finanzielle Ausstattung des Ensembles ab. “Alle acht Sinfonieorchester Englands kosten die öffentliche Hand weniger als die Berliner Philharmoniker.” Die Berliner würden eben wie eine Elitetruppe behandelt und könnten sich entsprechend entfalten.

In den Kommentarspalten des Guardians entspinnt sich eine interessante Diskussion – der deutschen über Kultursubventionen, Orchesterdichte und Fortführung des musikalischen Erbes nicht unähnlich. Viel Spaß damit!

Kategorien: Musikpresse
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich kann die Meinung nicht teilen! Ich finde, dass die Berliner in den letzten Jahren einen erheblichen Klangverlust erlitten haben. Vor allem auf den in letzter Zeit veröffentlichten CDs zu hören – Symphonie Fantastique z.B.! Ich halte Rattle ebenfalls für überschätzt, zudem waren im letzten Ranking der weltbesten Orchester die Berliner auf Platz 6 oder 7. Allem voran das Cocertgebow Orkest unter Jansons. So ein Künstler täte den Berlinern qualitativ gut!!

    • 7. März 2011 um 11:17 Uhr
    • Christian Köppl
  2. 2.

    Die Berliner Philharmoniker waren beim letzten Ranking des britischen Gramophone magazine im Jahr 2008 auf Platz 2 und beim vorletzten Ranking des le monde de la musique auf Platz 3 und nicht wie sie schrieben, nur auf Platz sechs und sieben. Die Geschichte vom Verlust des deutschen Klanges ist Kaffee von gestern(vgl letzten Artikel der Süddeutschen zu diesem Thema). Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Berlin Phil wieder die Nummer eins sind. Zudem spiegeln sich in rankings, vergleichbar mit der Modebranche, auch kurzfristige Trends wieder. Die Berliner hingegen sind einfach eine Institution. Und Sir Simon Rattle famos, im schlimmsten Fall unschädlich…

    • 8. März 2011 um 19:14 Uhr
    • Ingrid Schweikert
  3. 3.

    Ich habe in Berlin die besten Orchesterleistungen gerade von Londoner Orchestern erlebt, allen voran das LSO.
    In London selbst wohl das Konzert aller Konzert – im April 2010 das LPO mit Glass und Gorecki.
    Auch die Tschechische Philharmonie würden wir gern öfter an der Spree haben, und ebenso die Prager Symphoniker, die vor wenigen Wochen in der Philharmonie reüssiert haben.

    • 23. Juni 2011 um 17:25 Uhr
    • Petr Vasicek
  4. 4.

    Schöner Beitrag, sehe ich auch so

    • 27. September 2011 um 10:15 Uhr
    • eb
  5. 5.

    Ich kann mit dem Artikel nichts anfangen. Wenn ich schon von Orchester Ranking lese, welches ist das “weltbeste” (oder auch das beste englische, duetsche usw.)? Und was heisst da überhaupt deutsch, englisch, japanisch? Denn: aus wievielen Nationalotäten setzt sich ein Orchester zusammen? Oder gilt der juristische Sitz? Und was ist das Kriterium für das Ranking? Verkaufte Aufnahmen, Konzertkarten, Anzahl der Konzerte? Anzahl der Kritiken unter Berücksichtigung der Namensnennungen von Solisten des Orchesters?

    Was für ein Schwachsinn!

    Genauso, wie ich Rattle habe Unvergessliches habe spielen lassen hören, habe ich Gardiner, Barenboim und Hengelbrock die jeweiligen Orchester in Dimensionen vorstoßen lassen gehört, die mir bis dahin unvorstellbar waren.

  6. 6.

    Ich teile die Ansicht, daß die Berliner Philharmoniker an Klangschönheit eingebüßt haben. Inzwischen sollen Musiker/innen aus nicht weniger als 25 Nationen in diesem Orchester spielen! – Ich bin wirklich kein Rassist, und jeder einzelne von ihnen ist bestimmt ein wertvoller Mensch und ein großartiger Instrumentalist, Aber: Traditionsorchester wie die Berliner oder Wiener Philharmoniker gaben in der Vergangenheit ihre “klangliche Identität” und ihre Orchesterindividualität von Generation zu Generation – wenn man so will – in Form einer Osmose weiter. Ist das bei einem so “internationalisiertem” Orchester noch möglich? – Die Berliner Philharmoniker werden immer ein Orchester ersten Ranges bleiben, aber ihre Klangidentität, ihre Orchesterindividualität, die können sie verlieren. Wenn alle Orchester sich irgendwie ähnlich klingen, dann haben wir eine Situtation wie bei der internationalen Küche: Sie bekommen überall ein schönes Steak mit etwas Soße, und darauf eine unpassende Scheibe Ananas. Ich fürchte, dass es so kommen wird. Mir wäre es jedoch lieber, eine CD zu hören zu können, und schon nach einigen Takten das Orchester zu erkennen: Das sind die Berliner, das die Wiener Philharmoniker, oder die Sächsische Staatskapelle Dresden.
    Doch wen interessieren solche Fragen noch? – Die junge Generation hat sowieso kaum noch den Wunsch klassische Musik zu hören. Ich (57) gehöre zu einer aussterbenden Rasse.

    • 26. April 2013 um 15:39 Uhr
    • Manfred Helling
  7. Kommentar zum Thema

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