Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Einer wie Keith Jarrett

Von 4. April 2011 um 16:39 Uhr

Selten seit dem “Köln Concert” war komplexe Musik so leicht verständlich: Der 23-jährige Tigran Hamasyan verschränkt Klassik, Jazz und Pop auf virtuose Weise.

© Vahan Stepanyan

Wenn Klassiklaien klassische Musik erklären wollen, dürfte das etwa so verständlich sein wie ein molekularbiologischer Diskurs des Landwirts mit seinem Milchvieh: Irgendwie betrifft es alle, irgendwie hat das Thema seine Relevanz, irgendwie muss man aber auch nicht wirklich alles bis ins letzte Detail analysieren.

Musik ist nicht gleich Milch. Deshalb ist hier die Herangehensweise ans Thema doch etwas angenehmer: Ob Laie oder Experte, man darf auch einfach bloß zuhören, eintauchen, wieder rausklettern und von Emotion, von Wirkung reden. Wie nach einem schönen Dinner, wo man auch nicht schon beim Kauen alles über Bestandteile, Herkunft oder Moral, geschweige denn die Funktionsweise des Verdauungstraktes wissen will.

Hören wir also Tigran Hamasyan zu, einem jungen, blutjungen, mehrfach preisgekrönten Pianisten, der auf seinem neuen, dem vierten Album A Fable Jazzmusik im klassischen Gewand darbietet. Seine Musik erreicht auch über ungeübte Ohren den Verstand, geht dann zu Herzen und verharrt dort eine ganze Weile.

Einfach zugehört, wie sich das minutenkurze Auftaktstück Rain Shadow noch seltsam dissonant ins soundtrackartige What The Waves Brought schwingt, als würde es knisternde Stummfilme und Jean-Pierre Jeunets Märchenwelten vertonen. Einfach zugehört, wenn die nervöse Verspieltheit in die bezaubernde Ruhe von The Spinners mündet, wenn die Beweglichkeit im nachfolgenden Illusion ausbleibt, um im flirrenden Samsara doch wieder durchzubrechen und wie ein instrumentales Streitgespräch im anschließenden Longing zu Orgelfetzen und zarten Drums sogar ein paar echte Worte anzunehmen.

Bis zum letzten der 13 Stücke schafft es Tigran Hamasyan, der sich nur beim Vornamen nennt, all den Stimmungen seiner Kompositionen eine sinfonische Konsistenz zu verleihen. So leidenschaftlich, so hingebungsvoll, als improvisiere er wie einst Keith Jarrett. Das aber unterscheidet die zwei Klaviervirtuosen: Während das legendäre Köln Concert 1975 aus dem Moment entstand, lässt der klangverwandte Tigran dem Augenblick keinerlei Raum. “Der Weg zum Lied ist immer Improvisation”, sagt der Armenier mit Wohnsitz New York. “Aber wenn ich es vortrage, ist die Struktur festgeschrieben.” Selbst im Konzert überlässt er nur wenig dem Zufall. “Ich bin Perfektionist.”

Ein Perfektionist von gerade mal 23 Jahren, dessen neues Album keinen seiner Einflüsse übermächtig werden lässt. Am Ende ist A Fable nicht Jazz, nicht Klassik, weder ein Soloalbum, noch ein reines Band-Projekt und trotz aller Overdubs und Samples noch lange kein Pop. Keine Zuordnungen also. Warum auch. “Welcher Jazzmusiker nennt sich schon Jazzmusiker?” fragt Tigran. Und so manches, was sich heute Klassik nennt, sei seinerzeit Pop gewesen. A Fable jedenfalls hat das Zeug zu einem Klassiker des Jazz. Denn selten seit Keith Jarretts Glanzzeit war komplexe Musik so leicht – und für Laien so verständlich.

“A Fable” von Tigran ist erschienen bei Universal/Verve.

Kategorien: Jazz
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ein hübscher Junge in modischer Jacke, fortografiert von einem Profi. Dazu diese nicht swingende Beispiel-Musik, …jetzt pfeift (tatsächlich!) gerade jemand à la Ilse Werner. Das wird bestimmt ein Hit bei den Deutschen.
    Nur, es ist kein “Jazz”. Denn, wie gesagt, der Titel swingt nicht. Er ist tot. Und “komplex” ist daran gar nix.

    • 4. April 2011 um 21:41 Uhr
    • Jeeves
  2. 2.

    interessant kaufen

    • 4. April 2011 um 23:14 Uhr
    • phil
  3. 3.

    “Und so manches, was sich heute Klassik nennt, sei seinerzeit Pop gewesen.”

    Seinerzeit? Der Kerl ist 23 wovon redet der überhaupt?

    • 5. April 2011 um 00:56 Uhr
    • naitsabeswinklersson
  4. 4.

    Ein sehr mutiger Vergleich, um es zurückhaltend auszudrücken.

    • 5. April 2011 um 08:49 Uhr
    • houseart
  5. 5.

    Der Vergleich mit Keith Jarrett grenzt an Blasphemie.

    • 5. April 2011 um 10:48 Uhr
    • Frau H.
  6. 6.

    Im Artikel steht ja, das es weder Jazz noch Klassik oder sonst etwas ist. Diese Musik will nichts wirkliches sein, daraus ergibt sich aber irgendwann ein Problem, wie ich finde. Er sagt: “Welcher Jazzmusiker nennt sich schon Jazzmusiker?”, allein daran erkennt man das er eigentlich dem Jazz zugeneigt ist, seine Musik aber nirgends einordnen kann, er schwebt irgendwo dazwischen, falls es ein Irgendwo überhaupt gibt. Wenn er nicht irgendwann eine Richtung finden wird, dann ist dieses großes Talent schnell verschwunden.

    • 5. April 2011 um 12:05 Uhr
    • Glabowksi
  7. 7.

    einer unter vielen. es gibt bessere ohne fototermin und zeit~artikel. man findet sie u.a. an musikakademien und universitaeten, und sie sind meistens die, die unsere studenten lehren. es gibt da einen deutschen pianisten in austria (a woyke), der vor einigen monaten in siegen konzertierte, dessen desert’s song doch etwas komplexer ist als tigrans eher langweiliges what the waves brought.
    und… einen menschen als perfektionisten zu bezeichnen verleiht ihm keine groesse und ist schon lange kein zeichen menschlicher reife, sondern oft ein stolperstein in der entwicklung zu einer “runden sache”.
    die zeit wird immermehr zu einem sensationsheischenden blaettchen mit seichten inhalten. schade.

    • 5. April 2011 um 18:45 Uhr
    • akki
  8. 8.

    Tolle Musik, die kaufe ich mir. Klasse Idee mit der armenischen Volksmusik. Er hat’s in den Fingern.

    • 5. April 2011 um 22:25 Uhr
    • Schlichtung
  9. Kommentar zum Thema

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