Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

400 Kilogramm Tontechnik in der Wüste

Von 5. September 2011 um 13:46 Uhr

Diese Musiker waren im Trainingscamp für libysche Rebellen und zogen später für die Tuareg in den Kampf. Auf ihrem neuen Album besingen Tinariwen die Schönheit der Dürre.

© Marie Planeille

Weltmusik ist zum Schimpfwort geworden. Zahme Exoten musizieren da, heißt es, die sich für Geld von weißen Produzenten an der Kette in die Manege führen lassen. Oder fett gewordene Veteranen, die mehr Zeit auf den Bühnen von London und Paris verbringen als in heimischen Slums – auch nicht recht; die Musik soll authentisch sein, was auch immer das ist.

Tinariwen passen so recht in keines dieser Klischees. Die Band hat ihren Sitz in Mali, wie die berühmten Kollegen Ali Farka Touré, Salif Keïta oder Toumani Diabaté. Aber die Musiker von Tinariwen sind Tuareg: staatenlose Nomaden, vor allem in Mali, Niger und Algerien mit ihren Herden und Handelskarawanen unterwegs, heute auch zu Tausenden sesshaft geworden in den Städten am Rand der Sahara und der Sahel.

Anfang der achtziger Jahre spielten Ibrahim, Abdallah, Hassan, “Japonais” (Der Japaner) und Kheddou schon zusammen bei Hochzeiten, Taufen und Feten in der Region von Tamanrasset im südlichen Algerien. Dann besuchten sie in Libyen gemeinsam ein Trainingscamp für Rebellen. Als in Mali und Niger der Tuareg-Aufstand ausbrach, zogen sie in den bewaffneten Kampf. Zugleich verbreitet sich ihre Musik auf Kassetten über das Aufstandsgebiet in der Südsahara.

Nach dem Friedensschluss Mitte der Neunziger wurden Tinariwen zur Stimme jener Tuareg, die vor Regierungswillkür und Dürre ins meist nordafrikanische Exil flohen. Der lose Musikerverband brachte eine professionelle Band hervor, die bei Festivals in Belfort, Glastonbury und Coachella (Kalifornien) auftrat. Beim Montreux Jazz Festival 2006 spielten sie mit Carlos Santana, ihre Alben Aman Iman (2007) und Imidiwan (2009) wurden hoch gelobt. Der Desert Blues kam in Mode.

Heute schüren jüngere Kämpfer neue Unruhen, Nachwuchsbands wie Tamikrest übernehmen auf dem musikalischen Feld. Tinariwen konnten ihr jüngstes Album nicht wie sonst in Tessalit im nördlichen Mali aufnehmen: Zu gefährlich ist die Gegend geworden. Also zogen Band, Techniker und Gastmusiker samt 400 Kilogramm an Ausrüstung in die Wüste im südlichen Algerien, eine alte Rückzugsregion der Tuareg.

Gegen Windgeräusche, den Lärm der Generatoren und Sand in der Elektronik ankämpfend, nahmen Tinariwen in einem Zelt ein reduziertes Album auf, mit akustischen Klampfen statt der typischen E-Gitarren, mit rhythmischem Klatschen als zentralem Percussion-Element. Frauenstimmen fehlen diesmal völlig, die Männer murmeln, flüstern und chanten vom harten Leben der Nomaden, Einsamkeit und “Assouf“, einer ins Spirituelle überhöhten Sehnsucht, aber auch von turbulenten Liebesgeschichten und schlichten Alltagsereignissen.

Walla Illa ist ein wundervolles Schlaflied, Tameyawt dominiert eine eigenwillig komplexe Gitarre, und die Liebeserklärung an die Wüste in Tenéré Taqqim Tossam ist durchzogen von Respekt vor der Schönheit der wasserlosen Landschaft. Repetitive Strukturen verleihen den Songs ihren hypnotischen Charakter.

Erstaunlich ist, wie sich die Gäste ins Ganze fügen: Nels Cline, Gitarrist von Wilco, Tunde Adebimpe von der New Yorker Band TV On The Radio und die Dirty Dozen Brass Band aus New Orleans weben sich unaufdringlich in die Songs, bereichern sie, ohne zu dominieren. Alternative Country, Post-Punk-Indie und modernisierter Marching-Band-Sound beugen sich einer Hand voll edler Wüstensöhne, wie Karl May sagen würde. Es ist an der Zeit, das eine oder andere Weltmusik-Klischee zu überdenken.

“Tassili” von Tinariwen ist erschienen bei Cooperative Music/Universal.

Tinariwen spielen am 6. September in Hamburg in der Fabrik, am 6. Oktober in der Philharmonie in Köln und am 21. Oktober im Berliner Kesselhaus.

Kategorien: Folk, Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    toller Artikel,ich hab noch nie was von der Gruppe gehört und hab mir noch einiges mehr davon bei youtube angehört. Unbedingt anschauen und anhören. Die Musik ist aufregend und entspannend zugleich, sie treibt einen weiter und macht gleichzeitig ruhig. Der Autor des Artikels hat nicht zuviel versprochen.

    • 5. September 2011 um 17:12 Uhr
    • Chris
    • 5. September 2011 um 18:21 Uhr
    • Guido
  2. 3.

    Es freut mich, dass Tinariwen mittlerweile wahrgenommen wird. Auf die Gruppe bin ich nur zufällig gestoßen, habe mich schnell in ihre Musik verliebt – gewissermaßen sind sie bei mir auf fruchtbarem Boden gelandet: Ich höre viel Bluesmusik und spiele E-Gitarre. Die Authenzität ihrer Musik und der ungewohnte Stil, hypnotisierende, glasklare Gesänge mit rauher Gitarrenmusik (das Gitarrenspiel erfinden Tinariwen für sich neu und prägen damit einen unverwechselbaren Klang) – all das hat dazu geführt, dass ich Tinariwen seit ihrem Album “Aman Iman” (frei übersetzt: “Wasser ist Leben”) verfolge und höre.

    Wer sich die Mühe macht, die Übersetzungen ihrer Lieder zu lesen, wird überrascht von der Dichtkunst, den Metaphern und der Genauigkeit, mit der unter anderem Ibrahim ag Alhabib, Frontmann der Gruppe, seine Erfahrungen in Worte verwandelt. “Wozu all dieser Hass, den ihr euren Kindern lehrt? / Die Welt schaut euch an und übertrifft euer Verständnis.” (- bezugnehmend auf die fortwährenden Clan-Kämpfe zwischen den Stämmen der Tuareg.)

    Tinariwen ist der einzige mir bekannte Fall, dass alternative Musik nicht bloß eine komplementäre Anti-Bewegung zum Mainstream darstellt; eine schiere Negativ-Kopie gängiger Genres oder eine Karikatur derer. Diese Menschen machen tatsächlich Musik, wie sie sie kennen und sehen, und schaffen damit etwas Neues, Unbekanntes.

    • 5. September 2011 um 19:05 Uhr
    • Convite para vida
  3. 4.

    Schön, das über das neue Album und diese geile Musik berichtet wird. Den Artikel finde ich aber sehr schwach:

    -”Es ist an der Zeit, das eine oder andere Weltmusik-Klischee zu überdenken.” – naja, das hätte man vor vielleicht zehn Jahren so schreiben können. Vielleicht sollte man einmal über Labels wie Souljazz Records/Sounds of the Universe, Honest Jons, Analog Africa, Soundways, Strut usw. usw. berichten oder die Features aus der Spex lesen, die dort vor ein paar Jahren über die neue globalisierte “Weltmusik” veröffentlicht worden sind.

    -Ali Farka Touré ist übrigens letztes Jahr gestorben, “residiert” also nicht mehr “in Mali”.

    -klar ist Lybien jetzt sexy, aber wie genau muss man sich das mit dem Trainingscamp vorstellen?? vermutlich wurde hier nur eine sehr clevere Promotion abgeschrieben. Und wann/wo/wie war das “später” mit den Tuareg???

    • 6. September 2011 um 21:24 Uhr
    • eeddx
  4. 5.

    Korrektur: Touré ist bereits 2006 gestorben.

    • 6. September 2011 um 21:35 Uhr
    • eeddx
  5. 6.

    @eeddx: Der Bezug auf Touré mag im Text chronologisch etwas missverständlich wirken, allerdings haben wir dort einen Artikel von 2006 verlinkt, der den Tod des Musikers thematisiert.

    • 7. September 2011 um 10:36 Uhr
    • Rabea Weihser
  6. 7.

    “music for the dessert in you”

    • 8. September 2011 um 18:53 Uhr
    • der Andy
  7. 8.

    Auch Terakaft (wieso all diese Bands mit T beginnen, weiß ich auch nicht) wären noch zu empfehlen:
    http://www.myspace.com/terakaft
    Auf MySpace lassen sich dabei via Freundleslisten noch sehr viel mehr Bands, die diesen Westsahara Tuareg Blues spielen, entdecken. Für mich definitiv auch eine der interessantesten Entdeckungen der letzten Jahre.

  8. Kommentar zum Thema

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