Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Dead Man Singing

Von 25. November 2011 um 11:37 Uhr

Bob Dylan, Merle Haggard, Norah Jones und andere vertonen 66 Songtexte von Hank Williams. Bei manchen Interpretationen wünscht man sich, die Erben hätten den Toten ruhen lassen.

© Sony Music

Dass man die Toten ruhen lassen möge, ist ein frommer Wunsch, der in der Popmusik noch weniger gilt als anderswo. Oft kurbelt ja das Ableben den Absatz erst richtig an. Michael Jacksons Erben können ein Lied davon singen, ebenso die von Kurt Cobain oder Jimi Hendrix, und zu Weihnachten wird der Nachlass von Amy Winehouse verramscht. Weil aber im Fall von Hank Williams bereits jeder Ton mehrfach wiederverwertet wurde, seit er an jenem berüchtigten Neujahrsmorgen 1953 auf dem Rücksitz eines Cadillacs den Drogentod starb, geht das Gedenken neue Wege.

The Lost Notebooks of Hank Williams ist kein Tribute-Album, sondern eine Nachdichtung in Geist und Zunge des Verstorbenen. 66 Songtexte und Textfragmente hat der Gründervater des modernen Country bei seinem Ableben hinterlassen, leider ohne die dazugehörigen Melodien. Die Legende will es, dass der von seiner Mutter in einem schnöden Pappkarton geborgene Nachlass jahrzehntelang in einem Safe lagerte, bevor er keinem Geringeren als Bob Dylan überlassen wurde. Dass man Hank neues Leben einhauchen müsste, stand für alle Beteiligten fest. Doch selbst auf einem Mann wie Dylan lastete die Verantwortung so schwer, dass er sie lieber teilte.

Billy Bragg hat in einem ähnlichen Fall mehr Mut bewiesen und zusammen mit der Band Wilco gleich zwei komplette Alben lang Texte von Woody Guthrie frisch vertont. Dylan hat stattdessen so unterschiedliche Interpreten wie Merle Haggard und Norah Jones mit der Neuvertonung beauftragt.

Haggard versetzt The Sermon On The Mount, den einzigen eindeutig religiösen Text aus dem Fundus, so entschieden in einen zünftigen Saloon, als hätte er Angst gehabt, von den Country-Haudegen in Nashville hopsgenommen zu werden. Jones dagegen stellt mit ihrer allzu lieben Stimme einen effektvollen Kontrast her zur abgrundtiefen Hoffnungslosigkeit, die Williams in How Many Times Have You Broken My Heart? beschwört.

Bekanntlich handeln die Songs, die Williams zu Lebzeiten gesungen hat, nahezu ausschließlich von der Aussichtslosigkeit des menschlichen Strebens nach Glück. Das gilt auch für die Lieder, die nun andere singen, ganz gleich, ob Jack White der Klage eines hintergangenen Mannes seine Stimme gibt oder Spiritus Rector Dylan seine Band für The Love That Faded mit Steel Guitar und Fiedel auf einen Heuboden zum Walzertanzen schickt.

Auch Holly Williams, Hanks Enkeltochter, weiß, was sie ihrem Opa schuldig ist: Wieder betrauert die Steel Guitar jaulend das ganze Elend. Es ist das Instrument, auf das sich alle in erstaunlicher Eintracht einigen können. Doch bloße Rekonstruktionen können dem Geist des Originals nicht immer gerecht werden.

Spätestens als Nashville-Institution Alan Jackson auch noch das berühmte Jodeln imitiert, versteht man, warum sich im Internet bereits Widerstand gegen das Unternehmen geregt hat. Die Facebook-Gruppe Stop the Desecration of Hank Williams Unfinished Songs gefällt immerhin 687 Menschen, darunter Williams’ Country-Punk spielendem Enkel Hank Williams III., den man bei dem Projekt außen vor gelassen hat. Er hätte es nach eigenem Bekunden auch “etwas seltsam” gefunden, Co-Autor seines toten Großvaters zu werden. Manchmal sollte man die Toten eben doch besser ruhen lassen. The Lost Notebooks jedenfalls treten nur bedingt den Gegenbeweis an.

“The Lost Notebooks of Hank Williams” ist erschienen bei Sony.

Aus der ZEIT Nr. 47/2011

Kategorien: Country
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die Timeless Tribute CD vor ein paar Jahren war gar nicht so schlecht. Besser noch ist das was Billy Bragg und Wilco gemacht haben. Die hier werd ich mir verkneifen.

  2. 2.

    “…..vertonen 66 Songtexte von Hank Williams…” ? Wo denn das? Auf der CD finden sich 12 Songs, sie dauert 37 Minuten! Der Rezensent will offenbar durch die Menge das Inflationäre deutlich machen, legt aber damit die falsche Annahme nahe, alle 66 Texte seien nun vertont und veröffentlicht – was sie nicht sind.
    Dass man die Qualität unterschiedlich beurteilen kann, steht natürlich außer Frage. Einige wären sicher verzichtbar gewesen. Dass andere Vertonungen gelungen sind, steht m.E.aber auch außer Frage.
    die Dylans, White, auch die geschmähte Jones, die nicht verwandte Williams, Helm z.B. (um die zu nennen, die mir im Gedächtnis geblieben sind) machen ihre Sache m.E. gut.

    • 27. November 2011 um 10:41 Uhr
    • Hoffnung
  3. Kommentar zum Thema

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