Musik zwischen Disko und Diskurs

Air singen den Mond an

Von 3. Februar 2012 um 14:17 Uhr

Mit “Moon Safari” wurden sie berühmt. Das neue Album der zwei Franzosen heißt “A Trip To The Moon” und lässt den früheren Blümchensexsound hinter sich.

© Wendy Bevan/EMI

Air sind zurück auf dem Mond. Zum zweiten Mal nach ihrem Debüt Moon Safari von 1998 widmen sie dem Erdtrabanten ein ganzes Album – aber nicht dem verträumten Begleiter romantischer Nächte, der fernen Käsekugel, sondern dem Eroberungsobjekt weltraumgreifender Kolonialbegierden zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Über Air, also Nicolas Godin und Jean Benoit Dunckel, herrscht das Missverständnis, sie seien vor allem eine schwermütige Chill-Out-Combo. Mit ihrem ersten Album sind sie in diese Nische gerutscht und nie wieder so recht herausgekrochen, dabei kamen sie mal vom Indierock. Viele ihrer Songs, vor allem die frühen, eignen sich einfach zu gut als Sonntagsfahrten-Soundtrack in der Auto-Anlage, unaufdringliche Hintergrundmusik zu Bargeplauder oder Blümchensexbeschallung.

Air – “Seven Stars” ft. Victoria Legrand

Immer wieder mal brachen die beiden Herren aus den kommerziell so erfolgreichen kuschelweichen Flaumbergen auf zu schrägeren, dunkleren, spannenderen Gefilden. Immer wieder kehrten sie auch zurück zu klanglichen Schaumbädern. Jetzt sind sie also kosmografisch wieder da, wo sie angefangen haben. Und musikalisch? Ganz woanders – ein gutes Stück weiter.

Ausgangspunkt von Le voyage dans la lune (Die Reise zum Mond) ist ein Kurzfilm des französischen Regisseurs Georges Méliès von 1902 – der vermutlich erste Science-Fiction-Film überhaupt. Lose orientiert an Jules Verne und H. G. Wells handelt er von Astronauten, die auf dem Mond mit Eingeborenen aneinandergeraten, etliche von ihnen abschlachten und nach ihrer Rückkehr zur Erde wie Helden begrüßt werden. Der Film entstand zur Blütezeit des europäischen Kolonialismus’, damals gehörte sich so ein Umgang mit Wilden.

Air bekamen nun den Auftrag, zur 1993 wiederentdeckten und mühsam restaurierten, von Méliès handkolorierten Farbversion des 16-Minüters einen moderne Filmmusik zu schreiben. Aus dem Soundtrack des Films, der in dieser Form 2011 in Cannes Premiere hatte, ist nun das Album entstanden. Nicolas Godin beschreibt es so: Es sei “zweifellos organischer als die meisten unserer früheren Projekte. Wir wollten, dass es handgemacht klingt, zusammengeschustert, ein bisschen wie die Spezialeffekte bei Méliès. Alles ist live gespielt… Wie Méliès’ Film nährt sich unser Soundtrack von lebender Kunst”.

Und das klingt kraftvoll, streckenweise martialisch, manchmal dumpf hämmernd, tribalistisch, abenteuerlich, verhallt, durchsetzt von den handkolorierten Farbtupfern, -flächen und -schlieren auf analogen Retro-Synthesizern, die das Markenzeichen von Air sind. Au Revoir Simone und Victoria Legrand (von Beach House) steuern Gesang bei. Manchmal klingt auch Pink Floyds dunkle Seite des Mondes an. Wendungen ins Bukolische oder Hymnenhafte sind stets kurzlebig.

Stammestrommeln, Herzschlagrhythmen, Gitarren- und Drumsalven, hektische Unruhe, groovige Eurodisco mit unterschwelliger Bedrohung: Dieser Mond ist kein Ort für Verliebte, kein pastellbunter Kaugummiball. Er ist ein unwirtlicher Ort – die kraftvolle Kraterkugel, die auf der Erde die Gezeiten bewegt. Dieser Mond birgt ungeahnte Gefahren. Alles andere wäre langweilig.

“A Trip To The Moon” von Air erscheint am 7. Februar bei EMI.

Fotos: http://en.aircheology.com/Galerie-Photo

Kategorien: Pop
Leser-Kommentare
  1. 9.

    Die heftigen Kommentare gegen den Autor sind ungerechtfertigt. Bitte genauer lesen und den Verstand einschalten.

    Die Beschreibung “Blümchensexsound”kommt im Text nicht vor, sondern nur in der einleitenden Zusammenfassung, die einem Artikel in der Regel voransteht. Soweit mir bekannt, entstammt diese meist nicht aus der Feder des Autors, sondern wird, wie zumeist auch die Überschrift, vom zuständigen Redakteur gesetzt.

    Ich kann auch keine Spitzen gegen das Chill-Out-Genre oder Easy Listening erkennen. Vielmehr benutzt der Autor deren Erwähnung als kontrastaufbauendes erzählerisches Mittel.

    Auch wird klar, dass es sich hier um Musik zu Bildern handelt. Und genau so wird sie vom Autor beschrieben.
    Ihre richtige Wirkung wird sie nur für sich wohl eher nicht vollständig entfalten können. Gut, dass in dem Fall hier ein Video verlinkt wurde!

    Was ist das Fazit der Besprechung? Air sind Könner. Ihr Trademarksound ist wandlungs- und anpassungsfähig. Das macht sie zu spannenden Musikern.

    Cheers!

    Antworten

    • 9. Februar 2012 um 12:20 Uhr
    • Risotto_Ronny
  2. Kommentar zum Thema

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