Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Müde Hamburger Geschmeidigkeit

Von 6. Februar 2012 um 12:36 Uhr

Intelligent behaglich, so klingen Kettcar seit Jahren. Wie schade, dass sie sich auch für ihr neues Album nicht aus dem Federbett der Kernkompetenz herausbequemen.

© Andreas Hornoff

Kettcar – da weiß man, was man hat: Derselbe ergreifende Kopfbariton vom wohligen Reibeisen Marcus Wiebuschs, wie gewohnt. Mit derselben durchdachten Popprosa, die ihren Hintersinn nicht beim bloßen Drüberweghören offenbart. Zum selben Tempo, dem man sogar hohe Geschwindigkeit nie anmerkt. Zwischen denselben Balladen, die so sehr aus dem Herzen sprechen, dass Stille einkehrt. Mit denselben hoffnungsfrohen Geigensamples, die andernorts so schleimig klingen, wie gewohnt.

Wer frisches Liedgut von Kettcar beschreibt, sucht überwiegend nette Worte. Aber man findet eben auch viel Gewohnheit, viel vom selben, dem Guten zwar, und Anspruch. Aber gleich bleibt gleich.

Und da wären wir beim Punkt. Zwischen den Runden, die neue Platte der wutreduzierten Nachgeburt dessen, was mal Hamburger Schule hieß, erzählt uns keine neuen Geschichten, sondern die alten bloß fort. Der Sänger und Gittarist Wiebusch, nach Niels Frevert womöglich der beste Songwriter im deutschen Sprachraum, liefert auch auf dem vierten Studioalbum wunderbaren Pop, keine Frage.

Er versieht auch hier zwölf klangliche Preziosen mit einer unentrinnbaren Harmonie, durchzogen von betörender Großstadtlyrik, in der “die bestgemeinteste Revolte / nur dem was (bringt), der sie wollte”. Erwachsene Musik für Junggebliebene, mit allen Sinnen greifbar.

Aber muss man von einer Band dieser Güte nicht mehr erwarten als nostalgische Kontinuität, eine Art Oral History in der Endlosschleife? Da stellt sich natürlich die Frage, wie innovativ Musik denn sein kann. Die Zahl der Zeichen ist ausgeschöpft und lässt sich nur noch leidlich neu kombinieren, sagen die einen und bitten um Gelassenheit. Die Neukombination der Zeichen kann die Zahl der Möglichkeiten immer weiter erhöhen, sagen die anderen und bitten um mehr Mühe. Doch zu der ringen sich Kettcar scheinbar nicht mehr recht durch und lassen sich lieber ins weiche Federbett ihrer Kernkompetenz fallen. Man könnte sie intelligente Behaglichkeit nennen.

Dagegen ist wenig einzuwenden, dafür aber noch weniger anzubringen. Anders als manche hanseatischen Nachbarn und Gesinnungsgenossen von Tocotronic bis Die Sterne, von Kante bis Tomte, die sich – nicht immer zum Guten, aber doch beständig – entwickeln, bleiben Kettcar in ihrer Kuschelecke. Daran ändern ein paar dissonante Töne wie im Nestbashing schrilles schönes hamburg oder dem Auftaktstück rettung nicht viel.

Kettcars Behaglichkeit klingt verteufelt bequem. Wenn sich das Quintett der Übervierzigjährigen also weiter auf den Lorbeeren ihres zweiten Albums Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen ausruhen, diesem erhabenen Melodram hiesiger Indiepopkultur, droht ihnen das Schicksal von Element of Crime. Deren Publikum gleicht längst demjenigen von Opernhäusern, gern als Silbersee verspottet – eines, das im Gleichschritt mit der Musik kultiviert ergraut.

Kettcar ist zu wünschen, dass sie nicht mehr nur kultivierte Musik mit Tiefe machen, sondern sich und anderen dabei auch mal wehtun. Für Geschmeidigkeit sind sie einfach zu gut.

“Zwischen den Runden” von Kettcar ist erschienen bei Grand Hotel van Cleef.

Kategorien: Pop, Rock
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich muss sagen, dass ich mich schon mit der zweiten Platte von Kettcar abgewendet habe. Der Erstling war grandios, auch wenn er eigentlich kein richtiger Erstling war, sondern für mich eher als direkter Nachfolger zu Hallo Endorphin von But Alive.
    Von Spatzen, Tauben etc. nur noch aufgewärmtes…
    Und es ist leider so: eine Band, die einmal bequem geworden ist, wird nie wieder neuartige Musik machen…

    • 6. Februar 2012 um 14:13 Uhr
    • netcrys
  2. 2.

    Hab grade im Spiegel nachgeschaut, konnte keine grauen Haare finden. Muss wohl noch mehr Element of Crime hören, denn für den Fortschritt, den diese Band zeigt, werde ich gern alt und grau und mit Opernpublikum verglichen. Für den von Tocotronic (die Helden meiner Jugend) allerdings nicht.

    Kettcar jedenfalls halten einen in der Gegenwart. Keinerlei Berührungspunkte. Marcus Wiebusch, es tut mir leid, so sehr ich die Band schätze, aber das ist langweilig. Grob langweilig und belanglos.

    Wo bleiben eigentlich Tomte mit einer Rückblende auf Korn&Sprite-Zeiten? Zumindest rauche ich, solange Rick McPhail raucht.

    • 6. Februar 2012 um 15:27 Uhr
    • sarah
  3. 3.

    NiEls Frevert

    • 6. Februar 2012 um 22:38 Uhr
    • Silator
  4. 4.

    @Silator: Vielen Dank, ist korrigiErt. Grüße aus der Redaktion!

    • 7. Februar 2012 um 09:17 Uhr
    • Rabea Weihser
  5. 5.

    Von welcher “durchdachten Popprosa” ist hier die Rede? Es tut mir leid, furchtbar leid (mehr im Sinne von ‘es tut mir weh, in den Ohren weh’), aber ich begreife nicht, wie irgendwer, der sich für Musik interessiert, dieses Gedudel ernst nehmen kann. Diese Aneinanderreihung primitiv-postexistentialistischen Verbalejakulats ist doch wirklich für den A****. Und ich meine nicht erst diese Platte, sondern Kettcar im Allgemeinen. Gänzlich überzeugt von Kettcars ewig-pubertären Nebensächlichkeit war ich, als ich realisierte, dass ich selbst (ohne meine Kenntnis) ein Album von ihnen besaß. Und zwar oben zitiertes ‘Hallo Endorphine’ von But Alive. Ich kaufte es mir mit 15. Damals sprach es meine verbitterte Sicht auf die Welt an, aber heute kann ich, obgleich ich das ‘ich’ von damals noch gut verstehen kann, diese Musik nicht mehr im Mindesten ernst nehmen. Und Superlative wie ‘der beste Songwriter nach…’ sollte man sich ohnehin sparen. Kettcar macht Musik, die KEINER braucht.

    • 7. Februar 2012 um 10:29 Uhr
    • tuo
  6. 6.

    Beim Kommentar der Platte im Hamburger Abendblatt hat man Kettcar verstanden hier in der Zeit der Kommentar Jan Freitag zur Platte hat Kettcar nicht verstanden.
    Mehr muss man dazu nicht sagen.

    • 7. Februar 2012 um 10:34 Uhr
    • Ecky
  7. 7.

    “Gitarrist”
    “nach Niels Frevert und Nils Koppruch” ;-)

    • 7. Februar 2012 um 11:08 Uhr
    • Christian
  8. 8.

    Kettcar zu unterstellen sie würden sich nicht weiter entwickeln ist schlicht am Thema vorbei. Wenn man sich Von Spatzen und Tauben… anschaut und dann guckt was sie mit Sylt heraus gebracht haben, dann ist das schon ein deutlicher Sprung. Jetzt beim neuen Album darf man von einer Rückbesinnung sprechen, es ist wieder ruhiger, mit Geige, Saxophon und Co. haben sie allerdings ihr Repertoire erweitert und bedienen sich anderer Genres.
    Was gleich geblieben ist, sind die großartigen Texte und dass Kettcar weiterhin alles andere als spektakulär daher kommt. In sofern stimmt es zwar, dass die Band keine großen Sprünge macht, aber Stillstand ist etwas anderes.
    Kettcar ist nie Mainstream gewesen und wird und will es auch nicht sein. Tomte zum Beispiel zeigt, dass es durchaus auch anders geht und dass man damit Erfolg haben kann. Wenngleich sich einige an der Entwicklung der letzen Jahre sicher auch wieder reiben würden.

    Und an alle Kritiker: In mancher Hinsicht kann Kettcar polarisieren. Wem gefälliger Gitarrenpop nicht zusagt, dem steht ja frei sich anderer Musik zuzuwenden. Geschmack ist eben subjektiv.

    • 10. Februar 2012 um 16:25 Uhr
    • Krisse
  9. Kommentar zum Thema

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